Wir müssen Wollen wollen 

 30. Oktober 2020

Die Menge an Rückmeldungen zu meiner letzten Kolumne hat mir gezeigt, wie sehr das Thema bewegt. Vielen Dank dafür! Das meiste Feedback beschäftigte sich dabei mit der Frage nach dem Startpunkt – das Momentum der Veränderung. Dem möchte ich heute noch ein paar Gedanken widmen.

Von der Systemerhaltung

Ja, so ein System, im Sinne eines abgrenzbaren Gebildes wie z.B. ein Unternehmen, eine Gruppe, ein Team, etc. – hat es ja nicht einfach. Da findet man sich zusammen, bildet einen stabilen Rahmen aus und dann geht das Ungemach los. Einzelne wollen ausbrechen, werden verändert durch andere Systeme, von außen kommen Impulse und Impacts. Und so hat man als System ganz schön viel zu tun, stabil zu bleiben um Energie zu sparen.

Und das erleben wir ja tagtäglich. Ein neuer Mitarbeiter im Team, eine geänderte Anweisung hier, ein neues Tool da und ein dynamischer Markt da draussen. Und eigentlich will man nur so bleiben wie man ist.

Jetzt hat halt so ein System per se nicht den Antrieb zur Veränderung. Neues und Innovation haben es so nicht leicht. Noch schwieriger wird es, wenn es innen und aussen auch noch gut läuft. Dann ist die Trägheit groß und die Weg-Von-Motivation klein. Und diese Trägheit ist in der Regel stärker als eine Hin-Zu-Motivation.

Und in dieser Falle sitzen wir gerade. Wenn wir so auf die Welt schauen, geht es uns ja gut. Wenige Arbeitslose, erfolgreiche Industrien und Mittelstandsunternehmen, großer Wohlstand, vielleicht ein bißchen Jammern auf hohem Niveau, aber eigentlich ist ja alles fein.
Warum also verändern? Eben – der Schmerz ist nicht groß genug.

Das fatale dabei ist: diese Stabilität und gefühlte Sicherheit ist sehr fragil. Und die Einschläge werden zwar lauter und kommen näher, sind aber noch so weit weg, dass es auf breiter Basis keine Bewegung erzeugt. Aber mit den wirtschaftlichen Bereichen, die Stabilität und Wohlstand erzeugen kann es schnell vorbei sein. Ein Blick in die Startup-Hotspots der Welt gibt hier einen Eindruck, was künftig möglich ist.

Bewegung rein bekommen

Wie jetzt also starten? Wer auf ein staatliches Förderprogramm zur disruptiven Änderung des eigenen Geschäfts wartet, wird lange warten können. Das politische System ist nicht an Veränderung interessiert. Das bezeugen ja schon die kläglichen Digitalisierungsinitiativen in den Behörden selbst.
Auch die großen Konzerne tun sich schwer damit. Die, die das erkannt haben, lagern diese Initiativen gerne in Sub-Einheiten aus, in digitale Hubs und dergleichen. Ein richtiger Schritt, denn Veränderung und Innovation wächst gerne im Kleinen: in Teams, Projekten und bei jedem Einzelnen. Aber die Herausforderung bleibt: Wie bekomme ich das Geschaffene wieder zurück ins System? Denn auch wenn Querdenken und Veränderung gefordert wird, das System wehrt sich dann doch dagegen.
Die Frage ist also: Wie schaffen wir einen Rahmen, der das Momentum der Veränderung stärker macht als die Bemühungen, alles stabil zu halten.

Haltung: Wollen wollen

Meiner Erfahrung nach ist eine Lösung, eine Arbeitshaltung des Wollen wollens zu etablieren, d.h. den Eigenantrieb und die Selbstverantwortung zu steigern, sodass es zum Bedürfnis wird, Veränderung voranzutreiben.
Eine Haltung oder Mindset fällt ja nicht vom Himmel, es braucht Zeit und Geduld, sie zu etablieren. Mehr noch, wir können sie nicht reinkippen, reindrücken, vorgeben – sie entsteht von innen heraus in den Menschen und den Teams. Und sie basiert auf unseren Bedürfnissen, Werten, Glaubenssätzen und Filtern. Somit braucht es, um eine Haltung zu ändern, vor allem persönliche Entwicklung.

Persönlichkeits- und Softwareentwicklung

Was hat denn das alles mit Softwarentwicklung zu tun? Ich bin überzeugt: eine Menge!

  1. Software ist mittlerweile der bedeutendste Faktor der Wertschöpfung in Unternehmen. Ob Daten, Schnittstellen, Applikationen, etc. Amazon, Uber, Airbnb leben von der Software als Plattform, Transport-Unternehmen von Navigations- und Auslastungs-Algorithmen, etc… und dieser Trend nimmt immer weiter zu.
  2. Wir haben in der Softwareentwicklung mit agilen Methoden bereits früh eine Basis geschaffen, uns um die Entwicklung der Menschen in den Teams zu kümmern. Ob Boards, Retros, Dailys, Iterationen, Fun-Elemente – es geht im Kern immer darum, die Selbstorganisation zu stärken, Mut und Kommunikation zu fördern und zum Denken und Partizipieren einzuladen – und das Wollen wollen zu stärken.

Softwareentwicklung hat somit die idealen Voraussetzung, eine Keimzelle für Veränderung zu werden. Den Weg in die Digitalisierung entschieden weiterzugehen und die Menschen weiterzuentwickeln.

Und vielleicht willst Du auch bei Dir, in Deinem Team und Unternehmen dieser Tage einmal den Fokus darauf legen, mehr Energie ins Wollen wollen zu stecken – du wirst überrascht sein, was passiert!