Klischees über IT-Fachleute behaupten, diese seien introvertiert, wenig gesellig und auf ein einziges Interesse fixiert. Eine Branchenumfrage unter Testern zeigt das Gegenteil: Nur 6 % entsprechen diesem Klischee. Tester kommen aus Theaterwissenschaft, Stadtplanung, Bootsbau und Kunst, bringen unterschiedliche Abschlüsse mit und decken technische wie nicht-technische Rollen gleichermaßen ab.
Das Wichtigste in Kürze
- Nur 6 % der befragten Tester entsprechen dem klassischen IT-Klischee des introvertierter, sozial isolierten Nerds mit einem einzigen Interessenschwerpunkt.
- Tester kommen aus Berufsfeldern wie Bootsbau, Theaterwissenschaft, Stadtplanung und internationalen Beziehungen, was zeigt, dass IT-Kompetenz keinen einheitlichen Bildungsweg voraussetzt.
- Ein IT-Abschluss sagt nicht vorher, ob jemand technische Rollen übernimmt: 40 % der Geisteswissenschaftler arbeiteten in Testautomatisierung, 40 % der IT-Absolventen nicht in technischen Rollen.
- Personalvermittlungsdatenbanken und Karriereratgeber reproduzieren das Klischee aktiv, indem sie vor allem den stereotypen IT-Typ zur Bewerbung ermutigen und so Vielfalt systematisch einschränken.
- Isabel Evans hat 12 Heuristiken in Frageform entwickelt, die Tool-Entwickler und Evaluatoren dabei unterstützen sollen, Testwerkzeuge besser an echte Nutzerbedarfe anzupassen.
Das Tester-Klischee hält der Wirklichkeit nicht stand
Tester sind weit vielfältiger, als das gängige IT-Klischee behauptet. Eine Branchenumfrage von Isabel Evans liefert dafür harte Daten statt Bauchgefühl. Sie verteilte offene Fragebögen über Online-Netzwerke und Konferenzen und fragte nicht nur nach Arbeitsweisen und Werkzeugen, sondern auch nach Hobbys und Hintergrund.
Das Ergebnis: Tester kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Bootsbau, Theaterwissenschaft, Internationale Beziehungen, Stadtplanung, bildende Kunst. Die ursprüngliche Fassung des Artikels trug deshalb den Titel “From Artists to Town Planners”, später wurde er in “Breaking Stereotypes” umbenannt.
Auffällig ist die Bandbreite der Hobbys. Viele Befragte gaben künstlerische Interessen an, oft mehrere parallel. Das passt nicht zum Bild des engstirnigen Einzelkämpfers, der sich auf ein einziges Spezialinteresse fixiert.
Was sagt das IT-Klischee überhaupt aus?
Das Klischee beschreibt einen Menschen, der wenig gesellig ist, sich nicht für Kunst interessiert, wenig redet und sich auf ein einziges Hobby fixiert. Ein nerdiger, eigenwilliger Typ also.
Dieses Bild ist kein Zufall. Es steckt in Datenbanken für Personalbeschaffung und in Ratgebern zur Berufswahl. Wer dort nachschlägt, liest sinngemäß: Wenn du so ein Typ bist, geh in die IT. Das Klischee wirkt damit als Filter, bevor jemand überhaupt eingestellt wird.
Isabel Evans stützt sich auf eine Arbeit von McChesney, die genau diesen Vergleich untersuchte: Menschen, die in die IT wollten, gegen Menschen, die tatsächlich in der IT arbeiteten, gemessen am Klischee aus den Datenbanken.
Nur ein kleiner Teil der Tester passt ins Schema
In Isabels Testergruppe entsprachen lediglich 6 Prozent dem IT-Klischee. Bei McChesneys allgemeiner IT-Stichprobe waren es rund 26 bis 30 Prozent. Ein beträchtlicher Anteil, aber bei weitem nicht die Mehrheit.
Die Bewerber, die eine IT-Karriere anstrebten, entsprachen dem Klischee häufiger als die Menschen, die den Job schon machten. Der Einstellungsprozess verengt also die Liste derer, die sich überhaupt ermutigt fühlen, in die IT zu gehen.
Daraus folgt ein praktisches Problem. Wenn Software die ganze Welt abbilden soll, aber nur eine schmale Gruppe sie baut und testet, fehlt der Realitätsbezug. Vielfalt im Team ist kein Selbstzweck, sondern eine Frage davon, wen die Software am Ende erreicht.
Der Studienabschluss sagt wenig über die spätere Rolle
Der Bildungshintergrund von Testern reicht von Geisteswissenschaften über Natur- und Sozialwissenschaften bis zu Menschen ganz ohne Hochschulabschluss. Und der Abschluss prognostiziert kaum, welche Aufgabe jemand später übernimmt.
Die Zahlen widersprechen der naheliegenden Erwartung. Etwa 40 Prozent der Geisteswissenschaftler arbeiteten in der Testautomatisierung oder in technischen Testrollen. Gleichzeitig waren rund 40 Prozent der IT-Absolventen in gar keiner technischen Rolle tätig.
Wer also annimmt, ein geisteswissenschaftlicher Hintergrund führe automatisch ins Testmanagement und ein Informatikstudium an die Automatisierung, liegt daneben. Der Abschluss verrät weder die Begabung noch die Vorlieben.
Der Studienhintergrund prägt, wie Tester kommunizieren
Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Studienfach und der Art, wie Tester über ihre Arbeit schreiben. Isabel Evans modellierte dazu die Kommunikationsstile aus den offenen Antworten.
Die Muster waren deutlich:
| Hintergrund | Kommunikationsstil |
|---|---|
| Geisteswissenschaften | Gut lesbare, klar formulierte Texte, fast essayistisch, erzählende Beschreibungen rund um Menschen und Probleme |
| Sozialwissenschaften | Fokus auf Organisation, Teams und den Umgang der Leute miteinander |
| Naturwissenschaften | Strukturierte Listen, knapp und informativ, klare Reihenfolge |
| IT-Absolventen | Viele technische Details, wenig Struktur, zweckmäßig statt erzählerisch |
| Ohne Abschluss | Begeistertes Geschichtenerzählen, lebendig und unmittelbar |
Daraus ergibt sich ein Argument für gemischte Teams. Geisteswissenschaftler und Sozialwissenschaftler tragen die Geschichte durchs Unternehmen und reden mit anderen Abteilungen. Naturwissenschaftler bringen Ordnung und Struktur hinein. IT-Absolventen liefern die technischen Fähigkeiten, oft aber ohne die kommunikative Seite.
Ein Team braucht alle diese Stimmen, um Risiken zu benennen und zu klären, was jeder vom anderen braucht.
Tools scheitern an der Bedienbarkeit, nicht an der Optik
Den Ausgangspunkt der Forschung bildeten die Erfahrungen von Testern mit ihren Werkzeugen. Diese Erfahrungen schlugen oft auf die Lebensqualität: viel Frustration, starke emotionale Reaktionen, vereinzelt auch positive Gefühle. Das allein ist Grund genug, sich um Wohlbefinden am Arbeitsplatz zu kümmern.
Das eigentliche Qualitätsmerkmal, an dem sich die Nutzer rieben, war die Bedienbarkeit, nicht die oberflächliche Benutzerfreundlichkeit. Die zentrale Frage lautete: Kann ich meinen Arbeitsablauf fortsetzen? Komme ich mit dem Werkzeug ans Ziel?
Daraus entstand der Begriff der Illusion von Benutzerfreundlichkeit. Tools werden gekauft, weil sie hübsche Oberflächen haben. Beim ersten Blick wirkt die Bedienung leicht, doch sobald man arbeitet, unterstützt das Werkzeug die eigene Testweise nicht.
Diese Erkenntnisse stammen nicht aus Suggestivfragen. Die Befragten sollten von einer Erfahrung mit dem Tool erzählen. Welche technischen und qualitativen Eigenschaften dahinterstanden, ergab sich erst aus der Auswertung der offenen Antworten.
Zwölf Heuristiken statt eines fertigen Frameworks
Aus den Daten entstand kein allumfassendes Framework, sondern ein Satz von zwölf Heuristiken, formuliert als Fragen. Der ursprüngliche Plan, ein Modell zu bauen, das aus Eingaben das ideale Testwerkzeug ableitet, scheiterte an der Zahl der Variablen.
Der Anstoß kam von Hussein Dugan, einem Forscher an einer anderen Universität. Sein Rat: kein Werkzeug zum Bauen von Werkzeugen schreiben, nicht das ganze Problem lösen wollen, sondern aus den vorliegenden Belegen Heuristiken ableiten.
Die Heuristiken sind ein Werkzeug, das man beim Denken einsetzen muss. Sie sind eine Denkanregung, keine fertigen Antworten.
- Isabel Evans
Die zwölf Fragen sind bewusst offen gehalten, weil es keine einheitliche Antwort gibt. Du arbeitest sie nicht stur von eins bis zwölf ab. In Fallstudien nutzten Anwender sie je nach Kontext unterschiedlich: Sie zogen einzelne Fragen vor, änderten die Reihenfolge oder kehrten später im Prozess zu einer Frage zurück.
Die Heuristiken richten sich an alle Seiten der Werkzeug-Praxis. Teams, die intern Tools bauen, Entwickler von Open-Source-Werkzeugen, Anbieter und Menschen, die Tools bewerten, können sie übernehmen. Geplant ist eine Veröffentlichung unter einer Creative-Commons-Lizenz, sodass jeder sie frei einsetzen kann.
Wer Vielfalt will, muss bei der Personalbeschaffung ansetzen
Die belastbaren Daten gehören in die Hände von Personalern und Recruitern. Genau dort sitzt das Klischee, das die Bewerberauswahl verengt, lange bevor ein Mensch eingestellt wird.
Der Nutzen reicht über das Testen hinaus. Dieselben Belege helfen bei der Suche nach Entwicklern, UX-Fachleuten, Product Ownern, Systemanalysten und Architekten. Eine Studie, die zeigt, wie breit die Hintergründe erfolgreicher IT-Leute sind, gibt dir ein konkretes Argument an die Hand.
Praktisch heißt das: Nimm die Belege, leg sie deiner Personalabteilung oder deinen Vorgesetzten vor und bring das Gespräch in Gang. Wer IT und Testen zukunftsfähig halten will, braucht Menschen, die den Rest der Welt widerspiegeln, nicht nur ein einziges Klischee.


