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Teamkonflikte als Katalysator

Konflikte im Team sind keine Störung – sie sind Energie. Wie du sie früh erkennst, richtig ansprichst und für das Team nutzt.

8 Min. Lesezeit
Cover für Teamkonflikte als Katalysator

Konflikte im Team sind keine Störung, sondern der Ausgangspunkt für Entwicklung. Hinter jedem sichtbaren Streit liegt ein tieferes Thema: Verteilungskämpfe, Rollenkonflikte oder Machtfragen. Solange die Eskalation niedrig ist, lässt sich die gebundene Energie nutzen, indem Führungskräfte Überparteilichkeit wahren, Ich-Botschaften einsetzen und das gemeinsame Ziel wieder sichtbar machen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Konflikte werden erst destruktiv, wenn Emotionen eine dauerhafte Verstimmung erzeugen: reine Meinungsverschiedenheiten ohne emotionale Verhärtung sind noch kein Konflikt.
  • Das Eisberg-Modell gilt für Teamkonflikte: sichtbar ist der Auslöser, etwa ein Rollenstreit oder Verteilungsunrecht, darunter liegt meist ein Beziehungs- oder Identitätskonflikt.
  • Bis zur dritten Eskalationsstufe nach Friedrich Glasers Modell können Führungskräfte Konflikte noch intern lösen, ab Stufe vier braucht es externe Moderation.
  • Ich-Botschaften statt Du-Vorwürfe sind die wirksamste Gesprächstechnik, weil sie niemanden auf die Anklagebank setzen und die Sachebene erreichbar halten.
  • Wer als Teammitglied einen Konflikt lösen will, sucht zuerst das direkte Einzelgespräch mit der betreffenden Person, bevor er Verbündete einbezieht.

Konflikte sind normal, das Problem beginnt später

Meinungsverschiedenheiten sind in Teams der Normalzustand, kein Alarmsignal. Zwei Menschen haben zwei Meinungen, die nicht übereinstimmen: das allein ist noch kein Konflikt. Ein Konflikt entsteht erst, wenn Dauerhaftigkeit hinzukommt, eine Verstimmung sich verhärtet und Emotionen die Sachebene überlagern.

Genau an dieser Schwelle wird es für die Beteiligten schwer, die Sache wieder zu versachlichen. Ein typisches Bild aus dem Testumfeld: Der Tester kommt zum dritten oder vierten Mal mit einem gefundenen Bug. Was als sachliche Rückmeldung beginnt, lädt sich emotional auf, und es braucht Fingerspitzengefühl, um weiter konstruktiv mit den Entwicklern zu arbeiten.

Ruben Gotthardt, Coach und Prozessbegleiter mit Spezialisierung auf Teamkonflikte, dreht die übliche Sichtweise um. Hinter jedem sichtbaren Konflikt liegt eine Entwicklungschance. Ohne Konflikte gibt es keinen nächsten Entwicklungsschritt, weder im Tierreich noch im Pflanzenreich noch bei Menschen. Reibung ist das Vehikel für Veränderung, nicht ihr Gegner.

Was an der Oberfläche sichtbar ist, ist selten der eigentliche Konflikt

Konflikte funktionieren wie ein Eisberg: Über der Wasserlinie sieht man den Streit, darunter liegt das eigentliche Thema. Wer einen Konflikt lösen will, muss beide Ebenen trennen. Worum geht es sichtbar, und worum geht es in Wirklichkeit?

Ein Verteilungskonflikt zeigt sich oft an einer Nichtigkeit. Wer in der Schicht den unbeliebten Abwasch übernimmt, wird zum Streitpunkt: an der Oberfläche eine Lappalie, darunter ein Beziehungskonflikt zwischen Menschen, die nicht gut miteinander können. Der Rollenkonflikt wird sichtbar, der Beziehungskonflikt bleibt verborgen.

Beim Positionskampf liegt unter dem sichtbaren Machtkampf eine tiefere Frage. Zwei Personen ringen mit allen Mitteln um eine Führungsposition. Sichtbar ist der Kampf um die Stelle. Darunter geht es um Identität, um einen Führungsanspruch, der die eigene Person berührt. Diese tiefere Ebene muss man sich erst bewusst machen, um zu verstehen, worum es einem wirklich geht.

Ungelöste Konflikte verschwinden nicht, sie wandern mit. Wechselt jemand die Position, nimmt er die alte Reibung mit. So entstehen Grabenkämpfe zwischen Abteilungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, bis sich herausstellt: Die haben früher in einem Projekt zusammengearbeitet, und da war schon etwas. Mit der Zeit knüpft sich daraus ein Konfliktnetz, das im Unternehmen viel blockiert.

Eskalationsstufen entscheiden, wer den Konflikt noch lösen kann

Konflikte eskalieren in Stufen, und die Stufe bestimmt, welche Lösung überhaupt noch greift. Der Konfliktforscher Friedrich Glasl hat dieses Modell mit insgesamt neun Stufen ausdifferenziert. Für die Praxis reicht ein Blick auf die ersten Übergänge.

Es beginnt mit der Verhärtung als erster Stufe. Danach folgen Debatten und Polemik. Die dritte Stufe heißt bei Glasl “Taten statt Worte”: Die Parteien hören auf, miteinander zu sprechen, und suchen sich Verbündete und Koalitionen.

Bis zu diesem Punkt lässt sich der Konflikt intern lösen. Eine Führungskraft, ein Bereichs- oder Projektleiter kann hier noch selbst moderieren, vorausgesetzt, sie geht souverän damit um. Ab der vierten Stufe reicht das nicht mehr. Dann baut sich ein Schwarz-Weiß-Denken auf: Das eigene Bild wird besser, indem die Darstellung der Gegenpartei verschlechtert wird.

Auf dieser Stufe braucht es externe Begleitung, also Moderation oder Mediation, um eine Situation herzustellen, die in einem Kompromiss enden kann. Eine Win-Win-Lösung ist dann nicht mehr drin. Am Ende jeder vollen Eskalation steht der Versuch, das gegnerische System zu zerstören, nicht zwingend körperlich, aber materiell oder psychisch. Im Unternehmen bedeutet der Machteingriff dann die Trennung von Teilen des Teams, weil sonst die Existenz des Projekts gefährdet ist.

Solange die Eskalation niedrig bleibt, lässt sich die im Konflikt gebundene Energie nutzen, um für die Sache zu gewinnen und aus Gegnern Freunde zu machen.

Bist du noch Teil des Konflikts oder hat der Konflikt schon dich?

Die erste Frage an jeden, der einen Konflikt steuern will: Bin ich noch Teil der Meinungsverschiedenheit, oder bin ich darin gefangen? Wer den Konflikt noch analysieren kann, steht außerhalb. Wer in Koalitionen und Emotionen verstrickt ist, hat die nötige Distanz verloren.

Diese Distanz setzt Selbstreflexion voraus. Du brauchst eine Beobachterrolle, die Fähigkeit, in die Metaperspektive zu wechseln und dich selbst in der Situation zu erkennen. Dazu gehört Klarheit über die eigene Rolle und über die eigene Persönlichkeit.

Aus dieser Klarheit entsteht ein Haltungsfilter. Der Weg führt von der Rolle über die Persönlichkeit zur eigenen Haltung, und dieser Filter macht das Handeln in zugespitzten Situationen wirksamer. Du erkennst früher, wann etwas aus dem Ruder läuft, und kannst eingreifen, bevor die Verhärtung öffentlich wird.

Manchmal braucht das keine großen Worte. Wenn ein Konflikt hinter verschlossenen Türen schwelt, reicht es, die Tür zu öffnen, in den Raum zu treten und zu fragen: Was ist hier eigentlich los? Alles, was verborgen bleibt, trägt das Potenzial, über die Eskalationsstufen zu klettern, bis es außerhalb des eigenen Einflusses liegt.

Wie Führungskräfte gebundene Energie nach vorne lenken

Eine Führungskraft kann Konfliktenergie nutzen, wenn sie überparteilich bleibt und niemanden auf die Anklagebank setzt. Das ist die zentrale Regel. Auch wer seine Streitlust roh auslebt und sich gut durchsetzt, muss in seiner Art existieren dürfen, ohne als Schuldiger dazustehen. Sonst verstärkt sich die gebundene Energie, statt sich aufzulösen.

Authentizität wirkt stärker als jede Moderationstechnik. Eine Führungskraft, die sagt “ich habe mich hier falsch verhalten” oder “ich habe zu diesem Thema beigetragen”, öffnet den Raum. Dazu gehört Mut zur eigenen Verletzlichkeit, die nach außen sichtbar wird.

Hilfreich sind konkrete Werkzeuge, die Druck ablassen, ohne neue Koalitionen zu schaffen. Eine “Klagemauer” im Büro, an der jeder auf einem Zettel festhalten kann, was ihn stört, macht Verstimmungen sichtbar. Die anschließende Frage, ob die Beteiligten bereit sind, ihre Zettel zu zerreißen, holt sie zurück in die Verbundenheit. Die meisten Menschen wollen positiv nach vorne arbeiten.

Eine Ich-Botschaft hält die Schuldfrage draußen. Der Satz “Ihr seid ein tolles Team, ich kann es nicht sehen, wenn ihr euch so bekämpft” vermeidet das anklagende Du. Im Konflikt selbst findet genau dieses anklagende Du bereits zwischen den Parteien statt, deshalb muss die moderierende Person es konsequent meiden.

Den größten Hebel hat eine geteilte Vision. Ein attraktives Bild der Zukunft, auf das die Leute hinarbeiten wollen, verwandelt Konfliktenergie in Vorwärtsenergie für das ganze Team.

Was du als Teammitglied ohne Führungsrolle tun kannst

Wer kein Führungsmandat hat, sucht zuerst das direkte Gespräch. Eins zu eins, mit der betroffenen Person, ohne Umweg. Jeder andere Weg wäre bereits eine Koalition: Sobald jemand mitbekommt, dass sich eine Gruppe zusammentut, beginnt das Spekulieren.

Im Gespräch bleibst du in der Ich-Perspektive und sprichst sachlich über eine konkrete Situation. Schildere, was du beobachtet hast, und benenne, was es mit dir macht. “Das hat mich verletzt”, “deswegen bin ich sauer”, “ich konnte zwei Tage nicht schlafen”. Frage dann zurück, wie es dem anderen damit geht, und schlag ein Abkommen für künftige Situationen vor.

Erst wenn das direkte Gespräch scheitert, führt der Weg über die verantwortliche Instanz, also Test- oder Projektleitung. Auch dort gilt die Ich-Perspektive, nicht die Anklage. Aufgabe der Führungskraft ist es dann, beide Seiten anzuhören und in einem Raum zusammenzubringen.

Vor dem direkten Gespräch läuft bei vielen ein Befürchtungsfilm ab: Es könnte noch schlimmer werden. Dieser Film tritt selten ein, wenn man sich wirklich zeigt und in der Ich-Perspektive bleibt. Da muss man durch.

Aus Interpretation zurück auf die Sachebene

Je länger ein Konflikt schwelt, desto mehr wird interpretiert statt zugehört. Jede Situation speist sich aus dem, was gerade passiert, und aus den Erfahrungen aller Beteiligten. In einem Team sitzen ganze Lebensgeschichten an einem Tisch.

Ab einer bestimmten Eskalationsstufe hört man dem anderen nicht mehr richtig zu. Man weiß vorher schon, was er sagen wird, und baut daraus die eigene Interpretation. Sätze wie “das hat vor 30 Jahren schon mal einer erzählt” oder “das machen wir schon immer so” sind Marker für diesen Zustand.

Der Ausweg führt über die Emotionen zurück auf die Sachebene. Die zentrale Frage lautet: Worum geht es euch eigentlich, ganz persönlich? In den frühen Stufen zeigt sich oft, dass beide Seiten dasselbe Ziel haben und nur an einer Stelle unterschiedlich abgebogen sind. Aus dieser Erkenntnis lässt sich die Energie aufschließen, um gemeinsam das Schiff zu bauen und wieder in dieselbe Richtung zu fahren.

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