Stoizismus in der Softwareentwicklung
Stoische Prinzipien im Produktmanagement: Wer Entscheidungen nach dem Ergebnis bewertet, urteilt falsch. Drei Lektionen, die das ändern.

Stoische Prinzipien im Softwarealltag bedeuten: Konzentriere dich auf das, was du tatsächlich beeinflussen kannst, nämlich deine Entscheidungsfindung, nicht auf Ergebnisse, die von externen Faktoren abhängen. Drei Ansätze helfen dabei: Ergebnisorientierung hinterfragen, negative Szenarien vorausdenken und Entscheidungen nach der 10-10-10-Regel bewerten, also nach Wirkung in zehn Minuten, zehn Monaten und zehn Jahren.
Das Wichtigste in Kürze
- Stoische Entscheidungsqualität hängt nicht vom Ergebnis ab: Wer Entscheidungen nur nach ihrem Ausgang bewertet, verwechselt Glück mit gutem Urteilsvermögen.
- Das Prinzip “premeditatio malorum” empfiehlt, negative Szenarien aktiv einzuplanen, weil schlechte Ergebnisse nicht Pech sind, sondern vorhersehbare Möglichkeiten.
- Die 10-10-10-Methode schärft Entscheidungen, indem sie drei Zeithorizonte kombiniert: die Wirkung in 10 Minuten, 10 Monaten und 10 Jahren.
- Ein Entscheidungsprotokoll, wie es Marcus Aurelius in seinen Meditationen praktizierte, macht den Entscheidungsprozess sichtbar und damit lernbar.
- Die stoische Tugend der Mäßigung schützt Teams davor, Experimente und Maßnahmen durchzuführen, nur weil sie technisch möglich sind.
Was Stoizismus für Produktentwicklung bedeutet
Der Stoizismus ist eine antike Philosophie, die sich praktisch anwenden lässt: im Privatleben und in der Arbeit an Produkten. Geprägt haben sie Namen wie Seneca, der Sklave Epiktet und der römische Kaiser Marcus Aurelius, der nach stoischen Prinzipien zu regieren versuchte.
Maryse Meinen arbeitet als Product Ownerin im Bereich Infrastruktur und überträgt diese Prinzipien auf ihren Arbeitsalltag. Ihr Weg dorthin begann privat, nach der Geburt ihrer Tochter, und wanderte von dort in den Beruf.
Entscheidend für die Übertragung ist der praktische Anspruch der Stoiker. Sie wollten keine Philosophie für Klöster oder Berggipfel, sondern eine Haltung mitten in der Gesellschaft. Marcus Aurelius brachte das auf den Punkt: Hör auf, darüber zu reden, was ein guter Mensch ausmacht, und sei einfach einer.
Du kontrollierst weniger, als du denkst
Der Kern des Stoizismus ist die Trennung zwischen dem, was du beeinflussen kannst, und dem, was außerhalb deiner Kontrolle liegt. Die Stoiker sagen: Das meiste liegt außerhalb. Die Meinungen anderer, dein Körper, deine Gesundheit, der Verlauf der Dinge, das Wetter.
Kontrollieren kannst du nur, was in deinem Kopf passiert: deine Wahrnehmung, wie du Dinge siehst und einordnest. Dort hast du tatsächlich eine Wahl.
Für die Produktentwicklung hat dieser Gedanke direkte Folgen. Er führt zur These, dass das Ergebnis kein guter Fixpunkt ist, weil zu viele äußere Faktoren darauf einwirken.
Warum du das Ergebnis überdenken solltest
Produktteams konzentrieren sich fast reflexhaft auf Ergebnisse. Frag einen beliebigen Agile-Coach, Scrum-Master oder Product Owner, und die Antwort lautet: outcome-orientiert. Maryse setzt dem ein stoisches Gegenargument entgegen.
Das Ergebnis kannst du nicht beeinflussen, weil zu viele Faktoren mitspielen. Was du beeinflussen kannst, ist deine Entscheidungsfindung: wie du zu einer Entscheidung kommst.
Statt nur auf Wachstum, mehr Kunden und mehr Klicks zu schielen, lohnt es sich, einen moralischen Kompass anzulegen. Stoische Werte wie Mut, Gerechtigkeit und Mäßigung können diesen Kompass bilden. Triff Entscheidungen entlang dieser Werte, nicht entlang eines Ergebnisses, das du ohnehin nicht in der Hand hast.
Rechne mit dem Schlechten, bevor es eintritt
Der stoische Grundsatz “premeditatio malorum” bedeutet, schlimme Dinge im Voraus zu durchdenken und sich darauf vorzubereiten. Das Leben ist ungerecht, schlechte Dinge passieren jedem, und das ist keine außergewöhnliche Pechsträhne, sondern normal.
Ein einfaches Bild: Wer eine Hochzeit im Oktober in München plant, sollte mit Wetterumschwung rechnen. Das Wetter selbst kannst du nicht steuern. Vorbereiten kannst du dich.
Im Testing kennt man dieses Prinzip längst. Tests prüfen eben nicht nur den Happy Flow. Sie gehen davon aus, dass etwas schiefgeht. Genau dieselbe Haltung gehört in die Produktplanung.
Daraus folgt die Szenarioplanung. Du entwickelst Szenarien für deine Produktziele und spielst dabei bewusst auch die negativen durch, nicht nur die idealen Verläufe.
Wie das 10-10-10-Prinzip Entscheidungen verändert
Das 10-10-10-Prinzip betrachtet jede Entscheidung über drei Zeithorizonte: die nächsten 10 Minuten, die nächsten 10 Monate und die nächsten 10 Jahre. Maryse hat es aus einem Buch der ehemaligen Profi-Pokerspielerin Annie Duke übernommen.
Produktteams denken meist nur im kurzen Fenster. Was bringt mir diese Entscheidung jetzt? Manchmal ist das richtig. Wer bei roter Ampel vor der Straße steht, sollte genau im 10-Sekunden-Horizont denken.
Für tragende Entscheidungen reicht das nicht. Du musst denselben Schritt für 10 Monate und 10 Jahre durchspielen. Erst der lange Horizont ist die eigentliche stoische Perspektive.
Wichtig ist die Balance. Das Prinzip ist keine Einladung, in reine Langzeitplanung zurückzufallen und das Naheliegende zu übersehen. Du lebst und entscheidest in deiner aktuellen Lage. Der 10-10-10-Blick holt die weitere Perspektive nur näher heran.
Bewerte Entscheidungen nach ihrer Qualität, nicht nach dem Ergebnis
Menschen beurteilen eine Entscheidung danach, wie sie ausgegangen ist. Annie Duke nennt das “resulting”, und es ist ein Denkfehler. Die Qualität des Ergebnisses sagt nichts über die Qualität der Entscheidung aus.
Ein Beispiel: Jemand kündigt seinen Job für ein schickes Start-up. Wird das Start-up verkauft und die Person reich, heißt es: gute Entscheidung. Geht das Start-up pleite und die Person bleibt ausgebrannt und finanziell ruiniert zurück, heißt es: schlechte Entscheidung. Die Entscheidung selbst war in beiden Fällen identisch. Nur das Ergebnis war ein anderes.
Wir neigen dazu, Entscheidungen nach dem Ergebnis zu beurteilen, nicht nach der tatsächlichen Qualität der Entscheidungsfindung. — Maryse Meinen
Wer das verinnerlicht, hört auf, sich für gute Würfe zu feiern und für schlechte zu geißeln, und schaut stattdessen auf den Prozess dahinter.
Führe ein Entscheidungstagebuch
Reflexion ist ein stoisches Kernprinzip. Wir kennen die stoische Philosophie überhaupt nur, weil Marcus Aurelius seine “Meditationen” als Tagebuch führte, teils während er in Germania im Feld stand.
Für Beruf und Privatleben empfiehlt sich ein Entscheidungslog: ein Tagebuch darüber, wie du Entscheidungen triffst, nicht darüber, wie sie ausgehen. Das hält dich vom resulting fern und macht deinen Prozess sichtbar.
Beim Führen eines solchen Logs helfen mehrere konkrete Schritte:
- Sammle Daten, wo du kannst, aber akzeptiere, dass du nie alles wissen wirst.
- Mach Entscheidungen kleiner, so wie du beim Refinement große Items verkleinerst, um den Überblick zu behalten.
- Setze kleinere Einsätze statt großer Wetten.
- Notiere, wann und unter welchen Umständen du gute Entscheidungen triffst. Ohne Eile, ohne Zeitdruck, ohne den großen Hunger nach langem Arbeitstag.
Es wird immer Entscheidungen unter Druck geben. Wer das Tagebuchschreiben aber zur Gewohnheit macht, trainiert sich eine innere Stimme an, die im richtigen Moment meldet: Das fühlt sich für die nächsten 10 Minuten gut an, langfristig wahrscheinlich nicht.
Mäßigung heißt: nicht alles tun, was möglich ist
Mäßigung ist ein stoischer Wert, der sich direkt auf Produktarbeit übersetzen lässt. Sie meint Zurückhaltung: nicht auf den ersten Impuls reagieren, nicht sofort umsetzen, was gerade machbar erscheint.
Ein verbreitetes Missverständnis sollte man ausräumen. Stoizismus heißt nicht, keine Gefühle zu haben. Menschen haben Gefühle. Die Idee ist, nicht reflexhaft auf sie zu reagieren, weil deine eigene Bewertung das Einzige ist, was du steuern kannst.
In der Infrastruktur lassen sich viele ausgefallene Experimente fahren, einfach weil das Können da ist. Genau hier greift die Mäßigung mit zwei Fragen: Müssen wir das wirklich tun? Und müssen wir es wirklich jetzt tun?
Maryse beschreibt sich selbst halb im Scherz als faule Product Ownerin, die etwas lieber lässt, solange es nicht wirklich nötig ist. Das ist keine Bequemlichkeit, sondern angewandte Zurückhaltung. Ein guter Product Owner sagt im Zweifel Nein.
Wende dich nach innen und vertraue deinem Kompass
Als vierte, ergänzende Lektion steht die Hinwendung nach innen. Es gibt unzählige Dinge, die ein Team tun könnte. Manchmal ist der bessere Zug, einen Schritt zurückzutreten und besonnener zu handeln.
Das kann Meditation sein oder eine andere Form der Einkehr. Der Buchtitel “Meditationen” von Marcus Aurelius trägt diesen Gedanken schon im Namen.
Einkehr bedeutet keinen Rückzug aus der Gesellschaft. Du bleibst Teil von ihr. Du trittst nur kurz beiseite, gehst in dich und vertraust deinem eigenen moralischen Kompass, bevor du weitermachst.
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