Software-Testen 2024 steht unter drei dominanten Vorzeichen: der Integration von KI-Werkzeugen in den Testprozess, dem EU-Accessibility-Act als Treiber für Barrierefreiheitstests und dem Cyber Resilience Act als Pflichtrahmen für Sicherheitsprüfungen. KI wird dabei kein Ersatz für menschliche Testerfahrung, sondern ein Hilfsmittel, das gute Tester stärkt und schlechte Ergebnisse schneller produziert.
Das Wichtigste in Kürze
- KI-gestützte Testwerkzeuge sind heute Standard: Kein nennenswertes Testwerkzeug kommt mehr ohne eingebaute KI-Funktionen für Testfallerstellung, GUI-Automatisierung oder Log-Auswertung aus.
- Ein guter Tester liefert mit KI bessere Ergebnisse schneller, ein schlechter Tester liefert mit KI schlechtere Ergebnisse noch schneller.
- Gesetzgebung wie der EU-Accessibility-Act, der Cyber-Resilience-Act und der EU-AI-Act sind die stärksten Treiber dafür, dass Qualitätsprüfung früher in den Entwicklungsprozess eingebaut wird.
- Low-Code- und No-Code-Testautomatisierung ermöglicht Fachexperten ohne Programmierkenntnisse, Tests selbst zu spezifizieren und durchzuführen, und gewinnt 2025 weiter an Bedeutung.
KI ist im Test angekommen, die Experimentierphase ist vorbei
Künstliche Intelligenz hat sich vom Hype-Thema zum festen Bestandteil der Testarbeit entwickelt. Wer früh im Jahr ein Sprachmodell aufrief, einen Satz eingab und auf vollständige Testfälle und Testdaten hoffte, arbeitet inzwischen nüchterner. Die anfängliche Begeisterung ist einer kritischen Betrachtung gewichen, sowohl beim Testen von KI als auch beim Testen mit KI.
Florian Fieber ordnet die Lage so ein: KI war auf nahezu jeder Konferenz das Metathema, von eigenen Formaten wie den SIQ Info Days bis zur Testing United, die das Thema ausschließlich behandelte. Die zentrale Erkenntnis aus diesem Jahr lautet, dass beim Testen mit KI nicht alles Gold ist, was glänzt.
Der Mensch bleibt im Prozess. KI verstärkt vorhandene Fähigkeiten, sie ersetzt sie nicht. Ein guter Tester liefert mithilfe von KI bessere Ergebnisse und arbeitet schneller. Ein schlechter Tester produziert mit KI schlechtere Ergebnisse, nur eben schneller.
Wir können hier bei weitem nicht den Menschen rausnehmen, nicht unsere Fähigkeiten als Tester und unsere Erfahrungen. Das ist essentiell und das bleibt bestehen. Florian Fieber
Wie wird KI zum Werkzeug im täglichen Testen?
KI wird zur Commodity, also zum selbstverständlichen Hilfsmittel im Testprozess. Aktuell nutzt zwar jeder einzelne Tester ein Sprachmodell für eigene Aufgaben, doch fest in den Test- und Entwicklungsprozess eingeflochten ist das selten.
Beim Testen mit KI verschiebt sich die Verbreitung in die Werkzeuglandschaft. Es gibt kaum noch Testwerkzeuge ohne eingebaute KI, sei es für die Testfallerstellung, die Skripterstellung, das Entwickeln von Testideen, die Oberflächenerkennung in der GUI-Automatisierung oder die Mustererkennung in Log-Dateien und Fehlerprotokollen.
KI-Assistenten werden besonders leichtgewichtig nutzbar. Über APIs und Plattformen wie die von OpenAI lässt sich für einen spezifischen Anwendungsfall ein eigener Assistent bauen. Ein solcher Assistent hilft etwa dabei, aus eingegebenen Anforderungen Ideen und Akzeptanzkriterien zu entwickeln.
Sinnvoll ist es, sich eine Sammlung solcher Assistenten anzulegen, die einzelne Testaktivitäten unterstützen. Diese Hilfsmittel werden nach und nach an vielen Stellen eingebaut.
Die KI-Verbreitung verläuft heterogen, nicht gleichmäßig
KI breitet sich im Testen nicht homogen aus. Die Entwicklung ist kein Entweder-oder, und sie verläuft weder über die einzelnen Testaktivitäten noch über Domänen oder Organisationen mit gleicher Geschwindigkeit.
Manche Teams gehen all-in, andere Bereiche sind weit davon entfernt. Dieses Muster kennt man von früheren Methoden und Werkzeugen, die im Lauf der Jahre eingeführt wurden.
Auch innerhalb der Testaktivitäten gibt es ein Gefälle. In der Testdurchführung, beim Erstellen von Testfällen und bei der Auswertung wird KI sehr stark werden. In der Testplanung, der Überwachung und der Steuerung bleibt der Autonomiegrad dagegen lange niedriger.
Warum Gesetze derzeit die stärksten Treiber im Test sind
Gesetzgebung ist im weitesten Sinne ein Treiber für Testthemen. Festgeschriebene, geprüfte Anforderungen an Produkte sind aus Testperspektive ideal, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen und die Themen voranbringen.
Drei Regulierungen wirken aktuell als solche Treiber:
| Regulierung | Thema im Test |
|---|---|
| EU Accessibility Act | Accessibility Testing, Zugänglichkeit von Produkten |
| Cyber Resilience Act | Cyber Security, organisatorische und prozessuale Nachweise |
| EU AI Act | KI-Governance, Prüfung und Bewertung von KI-Systemen |
Accessibility Testing war neben KI das zweite große Konferenzthema des Jahres, getrieben vom bevorstehenden Inkrafttreten des Accessibility Act. Cyber Security und der Cyber Resilience Act erzeugten ebenfalls erheblichen Aufklärungsbedarf, der noch nicht gedeckt ist.
Diese Anforderungen sind größer als reines Testen. Cyber Security umfasst auch organisatorische und prozessuale Aspekte sowie Nachweisthemen, die über das klassische Prüfen hinausgehen.
Nichtfunktionale Qualität gehört in den Entwurf, nicht ans Ende
Sicherheit, Accessibility und ähnliche Eigenschaften müssen von Anfang an mitgedacht und eingebaut werden. Sie lassen sich nicht erfolgreich nachträglich in ein fertiges Produkt hineintesten.
Der verbreitete Reflex sieht anders aus. Erst wird die Software fertiggestellt, dann folgt der Performance-Test, der Security-Test oder die Accessibility-Prüfung, ohne dass man sich in den Monaten zuvor damit beschäftigt hätte.
Die Herausforderung liegt darin, die entsprechenden Tests in die Pipelines und in die Continuous Integration einzubauen. Wer Accessibility erst am Ende prüft, stellt offene Punkte fest und zieht die Prüfung dann schrittweise nach vorne. Sinnvoller ist es, von Beginn an aufs Requirements Engineering auszustrahlen, sodass die Eigenschaften eingebaut sind und im Test nur noch belegt werden müssen.
Agilität bleibt unerledigt, und Qualität ist ihr Hebel
Viele Organisationen sind von einer durchgängigen agilen Arbeitsweise weiter entfernt, als sie selbst annehmen. Die agile Transformation, die Skalierung und die Adoption haben noch einen weiten Weg vor sich, und Testen spielt darin eine tragende Rolle.
Agilität erzwingt Qualität. Wer in kurzen Iterationen arbeitet und nicht auf Tests und Qualität setzt, dem fliegt die Software nach wenigen Sprints um die Ohren. Diese Einsicht war vor Jahren noch unbequem, sie ist heute ein starker Treiber für Testen an den richtigen Stellen.
In diesem Umfeld gewinnen DevOps und Quality Engineering an Gewicht. Entwickeln und Testen verzahnen sich enger, und das Testen rückt früher in den Entwicklungsprozess.
Wie Low-Code und No-Code das Testen öffnen
Testautomatisierung gewinnt weiter an Bedeutung, und der Bereich Low-Code und No-Code ist stark in Bewegung. Das Ziel ist eine Entkopplung von Technik und Fachlichkeit.
Das Prinzip ist nicht neu. Keyword-Driven Testing zielt seit Längerem darauf, vom Testobjekt und der darunterliegenden Technik zu abstrahieren, sodass niemand mehr eigene Testskripte schreiben muss.
Für dich heißt das: Fachanwender und Domänen-Experten können Tests spezifizieren und durchführen, ohne tief in der Technik zu stecken. Diese Befähigung von Nicht-Technikern bindet mehr Fachwissen in die Testautomatisierung ein.
Internationale Standardisierung lebt von wechselnden Perspektiven
Standardisierung im Testen ist sinnvoll, weil sie einen gemeinsamen Nenner, ein Grundgerüst und einheitliche Begriffe schafft. Der Markt und die Teilnehmer spiegeln diesen Bedarf immer wieder zurück.
Der Blick über die Landesgrenzen verändert die eigene Sicht. Die Wahrnehmung von Zertifizierungsschemata und von der gesamten Testdisziplin unterscheidet sich zwischen Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderen Ländern teils erheblich. Diese Perspektiven zu kennen, ist wichtig, kostet aber Zeit und verlangt Kompromisse.
Die Arbeit pendelt zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite droht Überregulierung und Überstandardisierung, auf der anderen Seite die Gefahr, zu schnell etwas zu entwickeln.
Beim ISTQB strukturiert eine eigene Working Group das Testen in spezifischen Domänen. Im Portfolio des Certified Tester finden sich dazu bereits Module für Automotive Testing sowie für Gaming und Gambling, und es gibt Raum für weitere Themen. Lehrpläne zu DevOps, zum Testen mit KI und zu Accessibility Testing dürften früher oder später folgen.


