Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz bedeutet, offen über Belastungen, Krankheiten und schlechte Tage zu sprechen, statt sie zu verbergen. Wer das Schweigen bricht, ermöglicht anderen dasselbe. Laut einem EU-Bericht aus 2018 hatte jede sechste Person in der EU ein Problem mit ihrer psychischen Gesundheit, also sind Betroffene in jedem Team präsent.
Das Wichtigste in Kürze
- Offen über psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz zu sprechen senkt die Hemmschwelle für andere: Sobald Sophie Küster bei cronn über ihre Geschichte redete, vertrauten ihr Kolleginnen und Kollegen ihre eigenen Geschichten an.
- Laut dem State of Health in the EU Report aus dem Jahr 2018 hatten 17 Prozent der EU-Bevölkerung ein Problem mit ihrer psychischen Gesundheit, was bedeutet, dass psychische Erkrankungen in jedem Team statistisch präsent sind.
- Wer einen schlechten Tag hat und das offen benennt statt zu überspielen, schützt das Team vor Fehlinterpretationen und ermöglicht achtsamen Umgang miteinander.
- Der erste Schritt bei einem Verdacht auf eine psychische Erkrankung ist Reden, egal ob mit einer vertrauten Person, einer Hotline oder einem Profi, und kein Schamgefühl sollte davon abhalten.
- IT-Berufe begünstigen einen ausgeprägten Perfektionismus, der laut Sophie Küster in Kombination mit hoher Arbeitsbelastung und familiären Verpflichtungen besonders an der psychischen Gesundheit zehrt.
Psychische Erkrankungen im Job sind häufiger, als der Schweigemodus vermuten lässt
Im Jahr 2018 hatten laut dem State of Health in the EU Report 17 Prozent der EU-Bevölkerung ein Problem mit ihrer psychischen Gesundheit. Rechnet man das auf ein durchschnittliches IT-Team hoch, sitzt das Thema längst mit am Tisch, nur spricht niemand darüber.
Sophie Küster, Test Automation Engineer bei cronn in Bonn, hat genau diese Diskrepanz erlebt. Im Privaten redete sie offen über Depressionen, Angststörungen und eine Essstörung. Bei der Arbeit blieb sie still. Die Diagnosen bekam sie mit 22, während ihres Mathestudiums. Bis das wieder in geregelten Bahnen lief, verging Zeit, und diese Zeit hinterließ Spuren im Lebenslauf.
Genau dieser Lebenslauf war der erste Reibungspunkt mit der Arbeitswelt. Eine Lücke lässt sich nicht erklären, wenn man über ihre Ursache schweigt. Das Bewerbungsanschreiben wird zum Versteckspiel, das Vorstellungsgespräch zur Übung in Ausweichmanövern.
Warum der Lebenslauf zur Falle wird, wenn man nicht reden darf
Eine Krankheitsphase produziert Brüche im Werdegang, die ohne Kontext wie Faulheit oder Versagen aussehen. Das ist das Kernproblem für Betroffene auf dem Arbeitsmarkt.
Sophie druckste in ihrem Bewerbungsgespräch um die Wahrheit herum und erzählte stattdessen, wie organisatorisch schwierig das Studium gewesen sei. Eingestellt wurde sie trotzdem. Am nächsten Tag rief ihr Chef noch einmal an und fragte direkt nach, warum das Studium so lange gedauert habe.
Sie erzählte ihm von der Essstörung, ließ den Rest aber weg. Ihre Überlegung: Eine Essstörung klinge für Außenstehende vielleicht nach einer Sache, aus der man herauswächst, und nicht nach etwas, das bei Stress zurückkommt. Die halbe Wahrheit fühlte sich sicherer an als die ganze.
Dieses Kalkül kennen viele. Man wägt ab, welcher Teil der eigenen Geschichte gerade noch erträglich klingt für ein Gegenüber, das das Thema nicht kennt. Das kostet Energie und hält die Scham am Leben.
Reinen Tisch machen: ein Vortrag als Wendepunkt
Der Bruch mit dem Schweigen kam über eine Konferenz. Auf den Agile Testing Days hörte Sophie einen Vortrag über einen Burnout, der sie tief berührte. Sie fragte den Sprecher danach, wie er seinem Chef erklärt habe, warum er nicht bei der Arbeit gewesen sei. Seine Antwort: Er habe die Wahrheit gesagt.
Zurück im Büro hatte sie direkt am ersten Tag eine Performance Review. Übermüdet und ein bisschen übermütig vom Konferenztrubel beschloss sie, ihrem Chef die ganze Geschichte zu erzählen. Seitdem redet sie darüber.
Der zweite Schritt folgte konsequent: Sie kündigte an, im nächsten Jahr selbst auf die Bühne zu gehen. Im ersten Anlauf traute sie sich nicht, im Jahr darauf schon. 2020 hielt sie ihren Vortrag das erste Mal. Seitdem ist ihre Geschichte öffentlich.
Offenheit erzeugt einen Sog, der andere zum Reden bringt
Wer ein Tabuthema offen anspricht, gibt anderen die Erlaubnis, es auch zu tun. Das ist der stärkste Effekt, den Sophie in ihrem Umfeld beobachtet hat.
Sie war nicht die Einzige im Büro, das wurde schnell klar. Ein Kollege sprach sie an: Er habe auch eine Geschichte, über die er nie rede, und wisse nicht, wie er anfangen solle. Weil sie so offen gewesen sei, traue er sich, sie ihr anzuvertrauen. Kurz darauf erzählte er dieselbe Geschichte beim Mittagessen weiteren Kollegen. Aus einem Geheimnis wurde ein Nicht-Thema, im besten Sinne.
Ich habe die Schnauze voll davon, mich dafür zu schämen. Es ist etwas, wofür ich nichts kann, was mir einfach passiert ist und was eigentlich gar nicht geheim sein sollte.
Sophie Küster
Auf einer Eurostar-Konferenz in Kopenhagen gewann ihr Talk die Abstimmung der Teilnehmenden und wurde am letzten Tag in einer Redo-Session wiederholt, vor rund 300 Leuten. Während des Vortrags konnte sie kaum irgendwohin schauen, ohne jemanden mit Tränen in den Augen zu sehen. Den Nachmittag verbrachte sie damit, mit Menschen über deren Geschichten zu reden.
Perfektionismus und Dauerbelastung machen die IT zum Risikofeld
Test- und Entwicklungsteams arbeiten unter hoher Belastung, oft kombiniert mit familiären Verpflichtungen und energieintensiven Hobbys. Dazu kommt ein verbreiteter Perfektionismus, der an allen Lebensbereichen zerrt.
Diese Mischung ist kein guter Nährboden für seelische Stabilität, und trotzdem fehlt der Raum, sie zu thematisieren. In agilen Teams wird viel über Kommunikation und Zusammenarbeit geredet, doch die persönliche Ebene bleibt meist ausgespart. Ein gemeinsames Bier am Abend ersetzt kein echtes Gespräch darüber, wie es jemandem geht.
Das Schweigen hat direkte Folgen für die Zusammenarbeit. Wer einen schlechten Tag überspielt, riskiert, als motzig oder faul wahrgenommen zu werden, wenn das Pensum nicht stimmt. Sagt dieselbe Person stattdessen offen, dass heute ein schlechter Tag ist und sie morgen wieder normal arbeitet, weiß das Team, woran es ist. Dann lässt sich rücksichtsvoller miteinander umgehen.
Wie du anfängst, über deine psychische Gesundheit zu sprechen
Der Einstieg hängt davon ab, in welcher Phase du gerade bist. Sophie unterscheidet zwischen dem ersten Verdacht und dem späteren Alltag mit dem Thema.
Wenn du zum ersten Mal den Verdacht hast, dass hinter deiner Traurigkeit mehr stecken könnte, ist der erste Schritt immer das Reden. Egal mit wem.
- Mit einem lieben Menschen aus dem persönlichen Umfeld.
- Mit einer Hotline, wenn es niemanden gibt, dem du dich anvertrauen möchtest.
- Mit einem Profi, also therapeutischer Hilfe.
Kein Schamgefühl sollte dich davon abhalten, dir Hilfe zu suchen.
Wenn du bereits stabiler bist, aber noch unsicher, wie du im Alltag darüber sprechen kannst, hilft eine einfache Suchstrategie: Es gibt überall Gleichgesinnte und Menschen, die es verstehen. Sprich gezielt jemanden an, von dem du weißt, dass er selbst offen mit einem Tabuthema umgeht. Solche Leute haben Sophies Erfahrung nach fast immer ein offenes Ohr.
Der Kopf-durch-die-Wand-Weg, alles auf einmal offenzulegen, ist nicht für jeden der richtige. Die meisten tasten sich vorsichtiger heran, und das ist völlig in Ordnung.
Eine Teamkultur, in der Therapie kein Tabu ist
Offenheit verändert auf Dauer die Kultur eines Teams, und zwar spürbar. Sophie beobachtet bei ihren engsten Kolleginnen tiefere Gespräche und eine engere Verbindung.
Manches ist sogar zum Running Gag geworden. In ihrem Talk beschreibt sie, wie befreiend es ist, im Büroalltag einfach sagen zu können, dass man kurz zur Therapie geht, statt sich jedes Mal eine Ausrede auszudenken. Ein Kollege übernahm ihre Formulierung und kündigt seine eigenen Therapiestunden jetzt im selben Ton an. Aus Tarnung wurde Normalität.
Das ist der eigentliche Gewinn: Wenn psychische Gesundheit ein erlaubtes Gesprächsthema ist, gehen Menschen achtsamer miteinander um. Sie bringen jemandem etwas aus der Küche mit, sie nehmen Rücksicht an einem schwierigen Tag, sie deuten Verhalten nicht vorschnell als Charakterfehler. Das macht Teams nicht weicher, sondern verlässlicher.


