Praxisnahe Tester-Ausbildung mit KI
Theorie und Praxis im Software-Testen klaffen oft auseinander. Wie eine KI-gestützte Zertifizierung das ändern soll – und warum 40 nationale Boards mitmachen.

A4Q (Alliance for Qualification) ist ein internationales Netzwerk, das Fachkräfte im Bereich Software-Qualität praktisch weiterbildet und zertifiziert. Gegründet von den Zertifizierern GASQ und iSQI, ergänzt A4Q bestehende theoretische Standards wie ISTQB um praxisorientierte Formate, darunter die Zertifizierung „Practical Tester”, bei der KI-gestützte Lernumgebungen konkrete Test-Skills statt reines Buchwissen vermitteln.
Das Wichtigste in Kürze
- A4Q (Alliance for Qualification) baut Weiterbildungsbarrieren gezielt ab, indem Kursmaterial und Prüfungen niedrigschwellig und in fünf Sprachen angeboten werden, damit auch Trainer in Regionen ohne etablierte Anbieter loslegen können.
- Der A4Q Practical Tester ergänzt den ISTQB-Standard nicht als Konkurrenz, sondern als praxisorientiertes Add-on: Kandidaten üben an realen Szenarien wie Testplanerstellung und Defect-Reporting statt Multiple-Choice-Kreuze zu setzen.
- KI-gestützte Prüfungsfragen im Practical Tester werden ausschließlich von Experten befüllt und korrigiert, das heißt fehlerhafte Nutzereingaben verändern das Modell nicht, und die finale Zertifizierungsentscheidung trifft weiterhin ein Mensch.
- Der jährliche A4Q Testing Summit stellt alle Vorträge kostenlos und dauerhaft online bereit und erreicht damit eine Millionenreichweite, inklusive Teilnehmender aus Ländern, die sich Konferenztickets nicht leisten könnten.
Was ist die Alliance for Qualification (A4Q)?
Die Alliance for Qualification, kurz A4Q, ist ein Zusammenschluss, der Fachkräfte in der Software-Branche qualifiziert. Der Name beschreibt das Programm: “Alliance for Qualification. Und das sagt eigentlich schon alles. Es geht um die Qualifizierung von Fachkräften”, erklärt Stephan Goericke.
Hinter A4Q stehen die beiden weltweit tätigen Zertifizierer GASQ und iSQI sowie eine Reihe weiterer Partner. Der Grundgedanke: Einzellösungen, bei denen jeder Anbieter für sich arbeitet, bringen am Markt nicht das beste Ergebnis. Die Dynamik im Weiterbildungsmarkt ist hoch, und Trends müssen schnell aufgegriffen werden.
A4Q funktioniert deshalb als Plattform. Experten aus verschiedenen Regionen kommen dort zusammen, um Trainingsangebote, Examen und Konferenzen zu entwickeln. Die Initiative entstand während der Pandemie aus großen virtuellen Konferenzen und ist daraus zu einem Netzwerk gewachsen, das Content entlang der Bedürfnisse der Industrie produziert.
Warum A4Q die Hürden für Trainingsanbieter senkt
A4Q stellt Kursmaterial und Prüfungen niedrigschwellig bereit, damit der Zugang zu Wissen nicht am Geld oder an der Region scheitert. Für viele Anbieter, die in ihren Regionen Trainings aufbauen wollen, ist die Entwicklung von Trainingsmaterial eine große Hürde.
Genau hier setzt das Modell an. A4Q liefert das Kursmaterial, stellt die Examen bereit und übersetzt diese in fünf Sprachen. So erreichen die Angebote auch Kolleginnen und Kollegen in Regionen, in denen sonst kein Trainingsprovider aktiv ist, etwa in Südamerika, Asien, Osteuropa oder Afrika.
Der Effekt ist messbar an der Reichweite. A4Q erreicht heute Regionen, die vorher außerhalb des Zugriffs lagen, weil niemand vorab viel Geld investieren muss, um überhaupt loszulegen. Stephan Goericke und Werner Henschelchen ordnen das auch als Geste ein: Beide sind mit ihren Firmen seit fast 20 Jahren am Markt und wollen Teile dieses Erfolgs an die Community zurückgeben.
Wofür steht der A4Q Practical Tester?
Der A4Q Practical Tester ist eine Zertifizierung, die das praktische Testen prüft, nicht nur das theoretische Wissen. Befragungen von Trainingsprovidern und Firmen ergaben einen klaren Wunsch: Die Leute wollen in den praktischen Bereich gehen. Die Theorie ist die eine Seite, die Arbeit in der Praxis eine andere.
Das Konzept versteht sich als Ergänzung zu etablierten Standards, nicht als Konkurrenz. Die inhaltliche Basis kommt weiter vom ISTQB, das mit über einer Million zertifizierter Personen weltweit den Standard im Testen setzt. Der Practical Tester deckt das ab, was darüber hinausgeht.
Konkret geht es um Tätigkeiten aus dem Arbeitsalltag eines Testers:
- Wie schreibe ich einen Testplan?
- Wie reporte ich einen Defekt?
- Wie finde ich in einem konkreten System tatsächlich Fehler?
Werner Henschelchen beschreibt den Kern als Verschiebung von Wissen zu Können: “Es war bisher immer im Bereich Knowledge. Du hast etwas gelernt, du hast Wissen gehabt. Aber jetzt wollen wir tatsächlich auch dahin übergehen, dass wir Skills vermitteln.”
Wie KI das Lernen und Prüfen beim Practical Tester verändert
Beim Practical Tester generiert eine KI die Prüfungsfragen, statt sie als feste PDF-Liste vorzugeben. Mehrere Large Language Models sind dafür zusammengebunden. Der Kandidat bekommt eine große Menge an Fragen und kann sich dadurch intensiv mit dem Stoff auseinandersetzen.
Auch in der Schulung selbst kommt die Technik zum Einsatz. Statt reiner PowerPoint-Theorie arbeiten Teilnehmer in einer App an praktischen Testfällen, etwa an einem Shop-System, in dem sie Fehler finden müssen. Wissen wird so nicht mehr nur vorgetragen, sondern an Beispielen angewendet.
Wichtig ist die Grenze des Systems. Über das Bestehen entscheidet nicht die KI, sondern ein Mensch.
Das ist wirklich fürs Lernen und vielleicht als Hilfe für die Prüfer gedacht, aber die wirkliche Prüfungsentscheidung trifft bei uns immer noch ein Mensch. So gut ist KI dann am Ende doch nicht, dass sie unfehlbar ist.
Werner Henschelchen
A4Q arbeitet nach ISO-Standards. Die finale Entscheidung über die Zertifizierung läuft als Assessment, in dem der Kandidat Skills demonstrieren muss, und liegt bei der Zertifizierungsstelle.
Wie die Sprachmodelle gegen Fehleingaben abgesichert sind
Die Modelle lernen nicht aus den Eingaben der Teilnehmer. Gibt jemand in der App hundertmal etwas Falsches ein, führt das nicht dazu, dass das Modell den Fehler übernimmt. Nur ein Experte kann den Inhalt überschreiben. Das unterscheidet die A4Q-Anwendung von frei verfügbaren Werkzeugen wie ChatGPT.
Theoretische Zertifikate allein sagen wenig über die Praxis
Ein bestandenes Zertifikat belegt Wissen, aber nicht zwangsläufig die Fähigkeit, dieses Wissen anzuwenden. Manche lernen gezielt auf die Prüfung hin, ohne praktische Erfahrung zu sammeln. Arbeitgeber kennen den Effekt: Jemand bringt das Zertifikat mit, überzeugt im Alltag aber nicht.
Hier liegt der Mehrwert der Kombination. Wer ein theoretisches Zertifikat und einen praktischen Nachweis vorlegt, dessen Profil sagt mehr über die tatsächlichen Fähigkeiten aus. Die Anwendung ergänzt den Standard, statt ihn zu ersetzen.
Der Start verlief mit deutlicher Nachfrage. Gelauncht am 1. Mai in Budapest, folgte eine Präsentation in Kapstadt, und für die Zeit bis Sommer 2025 sind 25 weitere Termine gebucht, darunter fünf Städte in Deutschland sowie Stationen wie Havanna und Sydney. Der Practical Tester ist zunächst auf Englisch verfügbar, Französisch folgt als zweite Sprache, weitere wie Deutsch, Spanisch, Polnisch und Italienisch sind in Vorbereitung.
Der Testing Summit gibt der Community Zugang zu Experten
Der Testing Summit ist eine kostenfreie virtuelle Konferenz, die A4Q jährlich an einem Tag ausrichtet. Der nächste Termin ist der 9. September, der Tag des Software-Testens. Auch dieses Format entstand während Corona aus dem Wunsch, der Community etwas zurückzugeben, und wuchs nach der Pandemie weiter.
Das Besondere am Summit ist die Wirkung in beide Richtungen. Namhafte Experten halten Vorträge, ohne dafür bezahlt zu werden, weil sie die Idee unterstützen. Im Gegenzug sind diese Speaker für Menschen erreichbar, die sich Reise und Ticket zu einer Präsenzkonferenz nie leisten könnten.
Aus dem Summit sind eigene Initiativen entstanden. Ein Beispiel ist “Women in Testing”, das aus einem Frauen-Panel hervorging und eine eigene Dynamik entwickelte: Teilnehmerinnen vernetzten sich, treffen sich heute regelmäßig bei Hybrid-Konferenzen und Panel-Diskussionen.
Die Vorträge bleiben auch nach dem Veranstaltungstag kostenlos verfügbar und lassen sich für die eigene Weiterbildung nutzen. Finanziert wird das Modell aus dem Kerngeschäft: Rund 80 Prozent der Einnahmen von A4Q fließen zurück in solche Programme, Konferenzen und Neuentwicklungen.
Wohin A4Q als Nächstes will
A4Q versteht sich als Katalysator, der Trends früh aufgreift und ausprobiert, auch mit dem Risiko, dass eine Initiative scheitert. Maßstab ist der Bedarf des Marktes. So war A4Q nach eigener Darstellung früh dran beim Thema KI und Software-Testen und baute hier eine Zertifizierung mit auf.
Inhaltlich steht das Skills-Training im Vordergrund. Das Ziel: Menschen sollen beim Berufseinstieg nicht nur theoretisches Uni-Wissen mitbringen, sondern bereits praktische Erfahrung gesammelt haben und sich im Beruf praktisch weiterbilden können.
Darüber hinaus soll der Fokus über das Testen hinauswachsen, hin zum Software Quality Engineering. Themen wie Projektmanagement, Requirements Engineering und Software-Architektur gehören dazu. Im Testbereich arbeiten bereits über 40 nationale Boards in der einen oder anderen Form mit A4Q zusammen, was die internationale Reichweite zeigt.
Der persönliche Antrieb bleibt, Communities zu erreichen, die sonst außen vor bleiben. Stationen wie Havanna, Regionen in Afrika und Asien, dazu Länder wie der Iran: Über solche Wege erreicht A4Q talentierte, gut ausgebildete Menschen und gibt ihnen eine berufliche Perspektive.
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