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Organisationsintelligenz: Effizienz steht Anpassung im Weg

Organisationsintelligenz zeigt sich darin, wie gut ein Team gemeinsam lernt. Retrospektiven wirken am stärksten, reine Effizienz macht schockanfällig.

• • Aktualisiert: • 10 Min. Lesezeit
Cover zum Expertengespräch über 'Organisationsintelligenz: Effizienz steht Anpassung im Weg' mit Johannes Mainusch und Richard Seidl.

Organisationsintelligenz beschreibt, wie gut eine Gruppe von Menschen gemeinsam lernt, sich selbst hinterfragt und Veränderungen trägt. Drei Faktoren fördern sie: echte Herausforderungen, die ein Team zusammenschweißen, regelmäßige Reflexion über die eigene Arbeitsweise und Diversität, die unterschiedliche Denkweisen einbindet statt aussortiert. Effizienz und Anpassungsfähigkeit stehen dabei in dauerhafter Spannung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Retrospektiven sind der stärkste Hebel für Organisationsveränderung, weil sie Teams dazu zwingen, regelmäßig aus dem System herauszutreten und die eigene Arbeitsweise zu hinterfragen.
  • Effiziente Organisationen sind besonders anfällig für externe Schocks, weil ihre auf Optimierung getrimmten Strukturen kaum Spielraum für Anpassung lassen.
  • Wachstum selbst ist ein Veränderungstreiber: Ab einer bestimmten Teamgröße funktionieren frühere Organisationsstrukturen nicht mehr und erfordern eine grundlegende Neuausrichtung.
  • Innovationsfreiräume wie zeitlich begrenzte, cross-funktionale Teams können Startup-Kultur in etablierte Unternehmen bringen, sind aber ein Luxus, den sich eine Organisation leisten können muss.

Sind Organisationen dumm oder intelligent?

Organisationen lassen sich wie Organismen betrachten, die ein eigenes Bewusstsein und eine eigene Kultur ausbilden. Diese Sichtweise klingt erst groß gedacht, hilft aber beim Verständnis, warum manche Unternehmen funktionieren und andere wehtun.

Der menschliche Körper besteht aus vielen kleinen Zellen, in denen Proteine mit hoher Präzision arbeiten, milliardenfach und gleichzeitig. Der Neokortex, die obere Schicht des Gehirns, umfasst etwa 20 Milliarden Zellen, die zusammen einen Teil des Bewusstseins ausmachen. Jede einzelne Zelle weiß nichts vom Ganzen.

Übertragen auf acht Milliarden Menschen ergibt sich eine Frage: Bilden Menschen zusammen so etwas wie einen Meta-Organismus? Es gibt Kommunikationswege wie das Internet, logistische Bahnen wie Autobahnen und Flugrouten, ein Finanzsystem als Nervensystem. Würden die einzelnen Menschen ein Bewusstsein der Menschheit überhaupt bemerken? Dieselbe Frage gilt im Kleinen für jede Firma. Was ist das Bewusstsein, was die Kultur einer Organisation?

Eine gute Organisation tut auch dem Einzelnen gut

In einer guten Organisation geht es nicht nur der Organisation gut, sondern auch den Menschen darin. Das ist die zentrale These, und sie ist keine Selbstverständlichkeit.

Eine Firma kann hohe Gewinne erwirtschaften, ohne dass es ihren Mitarbeitenden gut geht. Rein betriebswirtschaftlich wäre das Wohlbefinden des Einzelnen egal. Johannes Mainusch widerspricht dieser Logik mit einem klaren Anspruch: Menschen haben ein Anrecht darauf, dass es ihnen gut geht, und dieser Anspruch gilt in einer Demokratie auch innerhalb von Organisationen.

Die Erfahrung stützt das. Jeder kennt Phasen, in denen Arbeit Hand in Hand lief, energiereich und purposevoll, sodass man sich noch lange gern daran erinnert. Und jeder kennt das Gegenteil: Organisationen, die einen nachts nicht schlafen lassen, in denen man sich ärgert oder beschränkt fühlt. Dort, wo es richtig gut lief, ging es meist auch den einzelnen Menschen gut.

Was macht den Unterschied zwischen guten und schlechten Organisationen?

Gute Organisationen teilen einige wiederkehrende Merkmale, auch wenn es kein Patentrezept gibt. Diese Merkmale lassen sich benennen, ihre Wirkung aber nicht garantieren.

  • Herausforderung: Eine große Aufgabe mit unsicherem Ausgang wirkt oft als Ansporn und schweißt ein Team zusammen. Wenn alle wissen, dass die Chancen bei 50 Prozent liegen, entsteht Raum, etwas Neues auszuprobieren.
  • Lernen durch Fehler: Etwas zu wiederholen, Fehler zu machen, erneut zu machen, bis es besser läuft. Auch durch Krisen hindurchzugehen gehört dazu.
  • Respekt, nicht Dauerharmonie: Eine gute Stimmung muss respektvoll sein, aber nicht konfliktfrei. Wenn alle etwas wollen, knallen Meinungen aufeinander. Wichtig ist, aus Streit und Diskurs wieder herauszufinden.
  • Diversität: Schräge Vögel, die zusammenkommen, ergeben oft ein gutes Team.

Vieles davon erinnert an die agilen Konzepte der letzten zwei Jahrzehnte: Diversität, viel Kommunikation, eine greifbare und doch ambitionierte Herausforderung.

Der Hubschrauber-Blick als Hebel für Veränderung

Wer regelmäßig aus dem System heraustritt und es von außen betrachtet, erkennt blinde Flecken und kann gezielter verändern. Dieses Rein und Raus ist ein wirksames Prinzip.

Auf Team-Ebene liefert die Agilität dafür ein einfaches Werkzeug: die Retrospektive. Sich regelmäßig zusammenzusetzen und darüber zu sprechen, wie die Arbeit läuft und was man ändern will, ist ein starker Hebel. In der Praxis sind Retros oft der Punkt, an dem Veränderung überhaupt in Gang kommt, weil man sich die Zeit nimmt, das Ganze als Gesamtes zu sehen.

Manche Organisationen sind ungeübt darin, selbst das Heft des Handelns zu ergreifen. Sie warten auf Ansagen, statt eigene Initiativen zu starten. Genau hier liegt der Unterschied zu Gruppen, die sagen: So wollen wir es machen, das probieren wir jetzt aus.

Wie entsteht eine Bewegung in einer Organisation?

Ein Patentrezept für Bewegungen mit positivem Ausgang gibt es nicht. Was bleibt, sind Bedingungen, unter denen so etwas entstehen kann.

Ein Beispiel ist das Solution Lab der Hanseatic Bank in Hamburg. Ein cross-funktionales Team aus sieben Leuten arbeitete vier Wochen lang in Vollzeit isoliert an einem Problem und kam dann mit einer Lösung zurück. Die Bank institutionalisierte das als Innovationsformat und führte es 10 bis 15 Mal durch. Es brachte einen Startup-Spirit in ein gesetztes Unternehmen und funktionierte. Solcher Freiraum ist allerdings ein Luxus, den sich eine Organisation leisten können muss.

Bewegung entsteht auch aus der Krise, wenn eine Notsituation alle zwingt, alles andere liegenzulassen und das Schiff vorm Sinken zu retten. Das birgt eine Gefahr: Wer den positiven Effekt einer Krise einmal erlebt hat, kann als Manager zum Krisenmacher werden und ein Loch ins eigene Boot schlagen, nur um die Dynamik künstlich herzustellen.

Effektivität und Effizienz schließen sich oft aus

Effiziente Organisationen tun sich mit Veränderung schwer, weil ihre Stärke gerade in der Optimierung des Bestehenden liegt. Das ist der Kern des Spannungsfelds.

Effektivität bedeutet, etwas zu erzielen. Das kann teuer sein, aber einen großen Gewinn bringen, wenn man bereit ist, in einer offenen Konstellation auszuprobieren. Effizienz dagegen heißt, das vorhandene Geschäft so weit auszutrimmen, dass es extrem günstig läuft.

Eine effiziente Organisation kann einen Brief für wenige Cent durch ganz Deutschland befördern. Das ist eine starke Markteintrittsbarriere. Verändert sich aber das Umfeld, hat genau diese ausgetrimmte Struktur ein Problem. Eine treffende Metapher dafür: Change in einer hocheffizienten Organisation ist, als setze man einen anorektischen Marathonläufer am Nordpol aus. Er friert, und es geht ihm nicht gut.

Beweglichkeit in einem veränderlichen Umfeld erhöht die Überlebenschancen, kostet aber Effizienz. Die Dinosaurier hatten es nach dem Meteoriteneinschlag schwer, die Mäuse kamen durch. Im stabilen Markt machen die effizienten großen Firmen die großen Geschäfte, die beweglichen kribbeln vor sich hin. Kommt der Einschlag, kehrt sich der Vorteil um.

Warum macht Wachstum Organisationen träge?

Wachstum ist selbst ein Change-Treiber, ein innerer, nicht ein äußerer. Erfolg erzwingt Veränderung, ob man will oder nicht.

In der IT zeigt sich das deutlich. Ein Startup beginnt oft mit einem Backend- und einem Frontend-Team, der logischen Trennung von Datenbank und Oberfläche. Bis etwa 20 Leute lässt sich so gut skalieren. Darüber hinaus funktioniert die horizontale Aufteilung nicht mehr, und Konzepte wie Vertikalisierung oder Domain-Driven Design verlangen Teams, die vertikal statt geschichtet aufgestellt sind.

An einem bestimmten Punkt bedeutet das eine 90-Grad-Rotation der gesamten Produktorganisation. Dazu kommt die Software, die das Startup schnell gebaut und die das Venture-Kapital eingebracht hat, jetzt aber zur Last wird. Wachstum zwingt also dazu, Dinge loszulassen und wegzuwerfen. Für die Menschen, die sich in ihrer bisherigen Arbeit wohlfühlen, ist dieser Shift schwer, weshalb in solchen Phasen oft das Management rotiert und Leute gehen.

Die Lone Nut und der erste Follower

Eine Bewegung braucht zwei Rollen am Anfang: den Verrückten, der etwas Ungewöhnliches startet, und den ersten, der mitmacht. Dieses Muster zeigt das bekannte Video vom tanzenden Einzelnen auf einem Musikfestival.

Zuerst hibbelt einer allein auf der Wiese, und alle denken, der muss weg. Dann kommt ein Zweiter dazu und macht voll mit. Kurz darauf stürmen die Massen herbei und tanzen ab. Der wichtige Punkt: Es braucht diese Lone Nut und vor allem den ersten Follower. Wenn die Bewegung dann zur Massensache wird, sind die, die sie angefangen haben, oft schon nicht mehr dabei.

Was tun, wenn du der Verrückte in der Organisation bist?

Wer gerne verändert und Neues ausprobiert, wird zwangsläufig schmerzerprobt. Das gehört dazu, und es lässt sich nicht wegtrainieren.

Wenn eine Idee größer wird, denken Leute irgendwann, was macht der denn da schon wieder, kann der nicht mal aufhören. Das tut weh, weil man die eigene Veränderung in ein System hineinträgt, das sich reibt. Und es tut weh, loszulassen, wenn die Sache in einen normalen Gang übergeht und man selbst es anders gemacht hätte.

Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit. Es passieren doofe Sachen im Leben, Enttäuschung und Zeug, das nicht so gut ist. Behalte dir einfach deine gute Laune bei.

Johannes Mainusch

Der praktische Rat fällt nüchtern aus: Wer so ist, ist so und wird seine Schmerzen damit haben. Nicht verhärten, nicht die Fröhlichkeit verlieren. Es wird gut werden, und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht am Ende.

Häufig gestellte Fragen

Was bringt es, ein Unternehmen wie einen Organismus zu betrachten?

Die Sicht hilft zu verstehen, warum manche Unternehmen funktionieren und andere wehtun. Der Vergleich läuft über den menschlichen Körper: Der Neokortex umfasst etwa 20 Milliarden Zellen, und keine einzelne weiß etwas vom Ganzen. Genauso bilden Menschen in einer Firma zusammen etwas aus, das sie selbst kaum bemerken: eine Kultur, ein Bewusstsein der Organisation.

Muss es den Menschen in einer Organisation gut gehen, damit sie gut funktioniert?

Rein betriebswirtschaftlich nicht. Eine Firma kann hohe Gewinne erwirtschaften, während es ihren Mitarbeitenden schlecht geht. Johannes Mainusch setzt dagegen einen anderen Anspruch: Menschen haben ein Anrecht darauf, dass es ihnen gut geht, und dieses Recht endet in einer Demokratie nicht am Werkstor. Die Erfahrung stützt das, denn dort, wo Arbeit wirklich gut lief, ging es meist auch den Einzelnen gut.

Braucht ein gutes Team eine harmonische Stimmung?

Nein. Nötig ist Respekt, nicht Konfliktfreiheit. Wenn alle etwas wollen, knallen Meinungen aufeinander, und entscheidend ist, aus Streit und Diskurs wieder herauszufinden. Dazu kommen Diversität, also schräge Vögel, die zusammenkommen, und die Bereitschaft, Fehler zu wiederholen, bis eine Sache besser läuft. Dauerharmonie ist kein Qualitätsmerkmal.

Warum gelten Retrospektiven als starker Hebel für Veränderung?

Sie zwingen ein Team dazu, regelmäßig aus dem System herauszutreten und es von außen zu betrachten. Dieses Rein und Raus macht blinde Flecken sichtbar. In der Praxis ist die Retro oft der Punkt, an dem Veränderung überhaupt in Gang kommt, weil sich das Team die Zeit nimmt, die eigene Arbeitsweise als Ganzes zu sehen und selbst zu entscheiden, was es ändert.

Wie lässt sich Innovationsarbeit in einem etablierten Unternehmen organisieren?

Ein Weg sind zeitlich begrenzte Freiräume mit cross-funktionalen Teams. Im Solution Lab der Hanseatic Bank arbeiteten sieben Leute vier Wochen lang in Vollzeit isoliert an einem Problem und kamen dann mit einer Lösung zurück. Die Bank führte das Format 10 bis 15 Mal durch. Es brachte Startup-Spirit in ein gesetztes Unternehmen, ist aber ein Luxus, den sich eine Organisation leisten können muss.

Warum tun sich sehr effiziente Unternehmen mit Veränderung schwer?

Ihre Stärke liegt in der Optimierung des Bestehenden, und genau das nimmt ihnen den Spielraum. Wer einen Brief für wenige Cent durch ganz Deutschland befördert, hat eine starke Markteintrittsbarriere, aber eine ausgetrimmte Struktur. Ändert sich das Umfeld, wirkt das wie ein anorektischer Marathonläufer am Nordpol. Beweglichkeit erhöht die Überlebenschancen, kostet aber Effizienz: Die Dinosaurier hatten es nach dem Einschlag schwer, die Mäuse kamen durch.

Ab welcher Größe muss eine Produktorganisation neu aufgestellt werden?

Die horizontale Trennung in ein Backend- und ein Frontend-Team skaliert bis etwa 20 Leute. Darüber verlangen Ansätze wie Vertikalisierung oder Domain-Driven Design vertikal aufgestellte Teams, was auf eine 90-Grad-Rotation der gesamten Produktorganisation hinausläuft. Dazu kommt die schnell gebaute Software, die jetzt zur Last wird. In solchen Phasen rotiert oft das Management, und Leute gehen.

Wer bringt eine Veränderung in einer Organisation ins Rollen?

Es braucht zwei Rollen: die Lone Nut, die etwas Ungewöhnliches startet, und vor allem den ersten Follower, der voll mitmacht. Das Muster zeigt das Video vom tanzenden Einzelnen auf einem Musikfestival: erst hält man ihn für verrückt, nach dem Zweiten stürmen die Massen herbei. Wird die Bewegung zur Massensache, sind die Anfänger häufig schon nicht mehr dabei.

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