Quereinstieg ins Software Testing bedeutet, ohne IT-Hintergrund über eine strukturierte Ausbildung in den Beruf einzusteigen. Der Einstieg gelingt am besten durch ein Praktikum oder ein Ausbildungsprogramm mit anschließender Festanstellung. Zertifikate allein reichen dafür nicht. Wichtige Voraussetzungen sind Kommunikationsfähigkeit, Neugier und die Bereitschaft, viele Fragen zu stellen.
Das Wichtigste in Kürze
- Zertifikate und Kurse allein reichen nicht für den Berufseinstieg als Softwaretester: Ohne nachweisbare Praxiserfahrung, zum Beispiel durch ein Praktikum, findet man nach Isabelle Chariots Beobachtung keinen Job.
- Kommunikationsfähigkeit aus fachfremden Berufen ist im Softwaretest ein echter Vorteil, weil Tester unklare Anforderungen aktiv hinterfragen und Grundsatzfragen stellen müssen, die anderen gar nicht auffallen.
- Der Quereinstieg ins Softwaretest gelingt leichter über strukturierte Förderprogramme, die Ausbildung und Anstellung kombinieren, als über den klassischen Weg eines langen Studiums.
- Softwaretest ist kein homogener Beruf: Was Tester täglich tun, unterscheidet sich von Unternehmen zu Unternehmen erheblich, weshalb Berufsbilder aus einer einzelnen Stelle nicht verallgemeinert werden sollten.
Quereinstieg ins Testing: ein Weg ohne IT-Vergangenheit
Software-Testing lässt sich ohne klassischen IT-Hintergrund erlernen. Isabelle Chariot kam aus der Online-Kommunikation und arbeitet heute als Software-Testerin im Versicherungsbereich. Ihr Weg zeigt, dass Berufserfahrung aus einem ganz anderen Feld in der Qualitätssicherung anschlussfähig sein kann.
Vor dem Wechsel war sie über zehn Jahre an der französischen Botschaft in Wien tätig, in der Online-Kommunikation. Der Job war interessant, bot aber kaum Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Die Frage, wie sie die verbleibenden Jahre bis zur Pension verbringen wollte, gab den Anstoß für den Wechsel.
Über eine Bildungskarenz in Richtung Digital Marketing und Data Management kam sie erstmals mit technischen Themen wie Datenbanken in Berührung. Diese Inhalte sprachen sie an. Daraus entstand die Idee, in die IT zu gehen, ohne genau zu wissen, in welche Richtung.
Welche Vorstellung viele vom Testing haben, und warum sie falsch ist
Wer Testing nicht kennt, unterschätzt es leicht als reines Ausprobieren. Isabelle hatte vor ihrer Ausbildung den Beruf noch nie gehört und stellte sich vor, dass Tester den ganzen Tag spielen. Diese Vorstellung deckt sich nicht mit der Realität der Arbeit.
Eine treffendere Analogie ist das Auflösen von Knoten. Isabelle beschreibt einen Moment am Meer, in dem Kinder ihr immer wieder verknotete Angelschnüre brachten. Den Drang, diese Schnur von Anfang bis Ende zu entwirren, übertrug sie auf das Testen: Strukturen entwirren, Schritt für Schritt, bis alles aufgeht.
Testing hat damit etwas vom Lösen eines Rätsels. Dieser Reiz, kombiniert mit der Aussicht, eigene Stärken einzubringen, machte den Beruf für sie attraktiv.
Welche Skills aus einem anderen Beruf im Testing tragen
Kommunikationsfähigkeit ist die Brücke zwischen vielen Vorberufen und dem Testing. Isabelle musste an der Botschaft mit unterschiedlichen Menschen sprechen, deren Interessen verstehen und auf den Punkt bringen, was sie eigentlich meinten. Genau diese Fähigkeit braucht es, wenn Anforderungen unklar sind und nachgefragt werden muss.
Hinzu kommt die Neigung, Dinge genau anzuschauen und zu analysieren: das Was, Wie, Wo und Warum. Diese analytische Haltung war in ihrem alten Job kaum gefragt, im Testing dagegen zentral.
Ein Teil der Testarbeit besteht darin, mit Entwicklern zu klären, was sie sich bei der Umsetzung einer Anforderung gedacht haben. Wer gerne redet und nachfragt, ist hier im Vorteil.
Warum Einsteiger die wertvollsten Fragen stellen
Fehlendes Vorwissen ist im Testing nicht nur ein Nachteil, sondern manchmal ein Vorteil. Ein Einsteiger stellt die Grundsatzfragen, über die andere längst nicht mehr nachdenken. Genau diese Fragen decken Lücken auf.
Man stellt wirklich die dämlichste Frage, die es gibt, nicht aus Tricks, sondern weil man verstehen will. Und da kommen die Grundsatzfragen, die niemand vorher nachgedacht hatte. — Isabelle Chariot
Dieser Mehrwert ist konkret. Wer gute Testfälle schreiben will, muss verstehen, was eine Anforderung bedeutet. Ein Fragenkatalog, der Unklarheiten benennt und Erklärungen einfordert, verbessert die Testbasis, gerade weil Anforderungen oft lückenhaft formuliert sind oder ganz fehlen.
Wie der Einstieg konkret aussehen kann
Ein kombiniertes Modell aus Ausbildung und Job senkt die Einstiegshürde deutlich. Isabelle nutzte in Wien ein Förderprogramm des Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds namens “Job plus Ausbildung”. Ein Unternehmen finanzierte die Ausbildung mit der Absicht, sie anschließend fest anzustellen.
Die Ausbildung dauerte ein Jahr und gliederte sich in drei Teile:
| Phase | Inhalt |
|---|---|
| Theorie an der Fachhochschule | Grundlagen der Programmierung, Software-Entwicklungs-Lebenszyklus |
| Praxis im Unternehmen | Praktikum bei der Firma, die die Ausbildung finanzierte |
| Vertiefung und Zertifikate | Praktische Erfahrung sammeln, Zertifikate erwerben |
An Zertifikaten kamen unter anderem ISTQB, Requirements Engineering, DevOps, Scrum Master und Product Owner zusammen. Nach der Ausbildung wurde sie übernommen und ist seither in diesem Unternehmen tätig. Der Übergang vom Praktikum in die feste Stelle war fließend, weil das Praktikum auf die spätere Tätigkeit ausgerichtet war.
Was der Berufsalltag einer Junior-Testerin umfasst
Der Begriff Software-Tester bedeutet je nach Arbeitsplatz etwas anderes. Isabelle macht heute Blackbox-Testing von Backend-Systemen im Versicherungsbereich. Verschiedene Anwendungen werden in unterschiedlichen Rahmen getestet.
Den Großteil ihrer Arbeit macht Testautomatisierung aus. Sie bedient Software, die zum Automatisieren von Tests gebaut wurde, ohne im Detail zu kennen, was technisch dahintersteckt.
Automatisierung ersetzt nicht das Denken. Auch ein automatisierter Test prüft nur, was ihm vorgegeben wurde. Getestet wird vor allem mit dem Kopf. Neben der Automatisierung gibt es das explorative Testen neuer Features, das Isabelle als eigene, geistige Tätigkeit beschreibt.
Das Spielfeld im Testing ist groß
Quereinsteiger starten häufig im fachlichen Test und entwickeln sich von dort weiter. Typisch ist der Einstieg über Blackbox-Test, Systemtest oder Abnahmetest. Von dort führen Wege zu technischeren Tests, Infrastruktur, Quality Engineering oder Testautomatisierung.
Isabelle ordnet ihre aktuelle Position als Junior ein und sieht Entwicklungspotenzial. Die Tätigkeit entspricht dem, was sie sich vorgestellt hat, aber sie ist noch nicht dort, wo sie hinwill. Erfahrung lässt sich nur über Zeit und Tun sammeln.
Reizvoll findet sie technischere Aufgaben innerhalb des Tests. Nicht jeder Bereich muss einen interessieren. Mit Hardware will sie sich auf absehbare Zeit nicht beschäftigen, und das ist im Testing vertretbar.
Tester brauchen Breite, nicht überall Tiefe
Im Testing braucht man Wissen über viele Bereiche, aber nur in einigen davon echte Tiefe. Manches darf an der Oberfläche bleiben. Mit gesundem Halbwissen lässt sich an viele Themen herangehen, solange man weiß, wo man genau sein muss.
Wo das Wissen fehlt, hilft eine einfache Regel: nachfragen oder still sein. Nachfragen geht immer und sollte eigentlich immer gehen. Diese Haltung schützt vor Scheinwissen und hält die Lernkurve offen.
Der Wechsel ins Testing ist herausfordernd. Es ist viel auf einmal, jede Firma erklärt Dinge anders, und das Feld verändert sich laufend. Davon sollte man sich nicht beeindrucken lassen.
Warum Zertifikate allein keinen Job bringen
Kurse und Zertifikate reichen für den Einstieg nicht aus. Isabelles klare Beobachtung aus ihrem Netzwerk von Quereinsteigern: Wer nur Zertifikate sammelt, findet damit in der Regel keinen Job. Das ist die bittere Realität.
Was den Unterschied macht, ist praktische Erfahrung, am besten in Form eines Praktikums oder Traineeships. Erst der Nachweis, das Gelernte in einer Firma angewendet zu haben, macht die Zertifikate verwertbar. Ohne diesen praktischen Teil klappt der Einstieg selten, abgesehen vom Glücksfall.
Für alle, die mit dem Gedanken spielen, ergibt sich daraus eine Reihenfolge: zuerst mit mehreren Menschen sprechen, die im Testing arbeiten, und herausfinden, wie sich die Arbeit anfühlt. Dann gezielt eine Möglichkeit für praktische Erfahrung suchen, statt nur Kurse aneinanderzureihen.


