Zum Inhalt springen

Suchen...

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit in der Softwareentwicklung hat sieben Dimensionen, doch die meisten kennen nur eine. Was CO2-Bilanz, Nutzungshäufigkeit und Green Features wirklich bedeuten.

7 Min. Lesezeit
Cover für Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit in der Softwareentwicklung bedeutet, ökologische Verantwortung als eigenständige Qualitätseigenschaft in Entwicklungsentscheidungen einzubeziehen. Der Pink Index bewertet Produkte in sieben Dimensionen: Herstellungsgüte, Notwendigkeit, Nutzungshäufigkeit, Langlebigkeit, Energieverbrauch, Verwertung und Engagementstärkung. Auf Software angewandt umfasst das konkret Caching, Bildkompression, sparsame Cloud-Dimensionierung und bewusstes Feature-Design.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Pink Index bewertet Produkte nicht nur nach CO2-Äquivalenten, sondern in sieben Dimensionen: Herstellung, Herkunft, Notwendigkeit, Nutzungshäufigkeit, Langlebigkeit, Energieverbrauch im Betrieb und Engagementstärkung.
  • KI-Modelle selbst zu trainieren verbraucht erheblich mehr Strom als der spätere Betrieb, weshalb Unternehmen kritisch prüfen sollten, ob ein eigener GPU-Cluster wirklich notwendig ist.
  • Rechner verbrauchen auch im Leerlauf substanziell Energie, daher ist eine konservative Dimensionierung der Ausführungsumgebung aus Nachhaltigkeitssicht besser als großzügig bereitgestellte, schlecht ausgelastete Nodes.
  • Viele Softwarefeatures werden kaum oder nie genutzt, verbrauchen aber dauerhaft Rechenleistung, Speicher und Übertragungskapazität, was sie zu einem vermeidbaren Nachhaltigkeitsproblem macht.
  • Ein Zielbild, das unerreichbar wirkt, verhindert, dass überhaupt der erste Schritt gemacht wird: Kleine Verbesserungen von vielen Beteiligten wirken in der Summe mehr als perfekte Lösungen von wenigen.

Green IT und Green by IT sind zwei verschiedene Hebel

Wer Nachhaltigkeit in der Softwareentwicklung diskutiert, landet meistens bei Green IT: Software so bauen, dass sie weniger Speicher und weniger Strom verbraucht, damit Rechenzentren weniger Energie ziehen und weniger Daten über die Leitung wandern. Das ist sinnvoll, deckt aber nur die eine Seite ab.

Green by IT meint etwas anderes. Hier geht es um die Frage, was Software für die Nachhaltigkeit insgesamt bewirken kann. Dominik Rost und Marcus Trapp sehen darin das größere Potenzial.

Ein einfaches Beispiel ist die Fuhrparkplanung. Wenn eine Software hilft, ein Auto einzusparen, dann hat das einen Effekt für die Umwelt und für den Geldbeutel. Solche Win-Win-Fälle muss man nicht lange diskutieren, man macht sie einfach.

Was der Pink Index misst

Der Pink Index bewertet ein Produkt über seinen gesamten Lebenszyklus, statt nur eine einzelne Kennzahl bis auf die achte Nachkommastelle zu berechnen. Pink steht für “pragmatisch präzise Informationen zu nachhaltigem Konsum” und gehört zum Unternehmen Full Flamingo.

Der übliche Ansatz in Deutschland bohrt tief in CO2-Äquivalente: Herstellung, Verpackung, Auslieferung, Zulieferung der Komponenten und Rohstoffe. Das ist gründlich, lässt aber viele andere Dimensionen unter den Tisch fallen.

Der Pink Index dreht die Logik um. Statt in einer Dimension immer genauer zu werden, schaut er auf alle Dimensionen mit pragmatischer Genauigkeit. Dazu gehören Fragen jenseits des CO2:

  • Brauchst du das Produkt wirklich, oder ist es ein Komfort- oder Luxusgut?
  • Wie oft benutzt du es, wie hoch ist die Nutzungshäufigkeit?
  • Wie langlebig ist es, ist es ein Wegwerfprodukt oder hält es lange?
  • Wie viel Energie braucht es nicht in der Herstellung, sondern im laufenden Betrieb?
  • Was passiert am Ende, wird es recycelt, abgebaut oder weitergegeben?

Eine eigene, fast esoterische Dimension nennen Dominik und Marcus “Engagementstärkung”. Sie beschreibt, wie ein Produkt dir hilft, dich selbst nachhaltiger zu verhalten. Ein wassersparender Duschkopf ist dafür das Beispiel: Selbst wenn die Herstellung nicht ideal ist, sparst du mit jeder Benutzung Wasser.

Wie der Index in den Einkauf kommt

Full Flamingo betreibt keinen eigenen Shop und keinen öffentlichen Rechner, sondern hängt sich in bestehende Shops ein. Im Warenkorbbereich, dort wo etwa Versicherungen für Elektrogeräte angeboten werden, erscheint die Nachhaltigkeitsbewertung des konkreten Einkaufs.

Die Bewertung zeigt die sieben Dimensionen des Pink Index mit einem Ampelsystem an. So bekommst du direkt einen Eindruck, wie nachhaltig dein Einkauf gerade ist.

An diese Bewertung koppelt sich ein Betrag, je nach Einkauf grob zwischen 4 und 6 Prozent. Diesen Betrag kannst du an einen regionalen Aktionsträger spenden, der Nachhaltigkeit vor Ort voranbringt. Das Ganze ist opt-in, ohne Abo und ohne Zwang.

Der regionale Bezug ist dabei das Ziel, nicht der Startzustand. Repair Cafés, Urban Gardening oder Foodsharing-Initiativen gibt es zu Tausenden in Deutschland, oft ohne Sichtbarkeit und ohne gemeinsame Organisation. Was sie alle brauchen, ist Geld. Den größten Hebel dafür sehen Dominik und Marcus im täglichen Konsum.

Den eigenen Entwicklungsprozess auf den Prüfstand stellen

Ein Nachhaltigkeitsunternehmen muss die eigenen Standards auch an sich selbst anlegen. Genau deshalb wenden Dominik und Marcus die Logik des Pink Index auf ihre eigene Softwareentwicklung an. Sie verstehen sich als Tech-Unternehmen für Nachhaltigkeit, also gehört der Blick nach innen dazu.

Übertragen auf Software wird die Herstellung zu allem, was zur Development-Time passiert. Vieles davon hat zunächst gar nichts mit Code zu tun: Bezieht das Unternehmen echten Ökostrom? In Deutschland gibt es nur etwa zehn Anbieter, die wirklich echten Ökostrom liefern. Brennt nachts in leeren Büros überall Licht?

Näher an der Technik stellt sich die Frage nach den Testsystemen. Muss bei jedem einzelnen Commit die komplette Testinfrastruktur durchlaufen, auch wenn nur die Readme geändert wurde? Aus Testsicht kann das sinnvoll sein, aus Nachhaltigkeitssicht nicht automatisch.

KI-Modelle selbst zu trainieren ist eine Stromfrage

Eigene Modelle zu trainieren kostet enorm viel Strom. KI braucht schon in der Anwendung viel Energie, aber das Trainieren der Modelle braucht ungleich mehr.

Bevor jeder ein eigenes GPU-Cluster aufbaut, lohnt die Frage, ob das wirklich nötig ist. Der Reflex, sich selbst etwas hinzustellen, weil es gerade alle machen, ist aus Nachhaltigkeitssicht teuer.

Warum konservatives Dimensionieren oft besser ist

Rechner verbrauchen substanziell Energie, auch wenn sie nichts tun. Deshalb ist es günstiger, Maschinen auszulasten, als mehrere Nodes im Cluster mit niedriger Grundlast leerlaufen zu lassen.

Cloud-Anbieter machen es leicht, die nächstgrößere CPU oder mehr Speicher zu buchen. Entwickler mögen den Puffer, weil dann alles flüssig läuft. Aus Nachhaltigkeitssicht ist der umgekehrte Weg besser: erst konservativ dimensionieren, dann nachlegen, wenn tatsächlich Performanceprobleme auftauchen.

Dieselbe Frage gilt für ungenutzte Hardware. Ein Restbudget am Jahresende führt schnell zu Rechnern, von denen niemand weiß, ob man sie braucht.

Jedes Feature kostet Energie über seine ganze Lebensdauer

Viele Features, die in Software eingebaut werden, werden kaum oder nie verwendet. Studien deuten darauf hin. Einmal gebaut, bleibt ein Feature meist drin, obwohl es CPU, Speicher und Datentransfer beansprucht.

Das gilt auch für Technologien und Daten. Braucht es wirklich ein zusätzliches Redis daneben, oder reicht etwas, das schon im Einsatz ist? Muss man im Data-Lake-Stil so viele Daten wie möglich sammeln, weil sich später vielleicht eine interessante Korrelation fürs Dashboard finden lässt? Jede erfasste, transportierte und gespeicherte Datenmenge kostet Energie.

Mit wenig Aufwand viel sparen: Daten über die Leitung

Zwischen Server und Client liegt keine dumme Leitung, sondern eine Kette aus DNS-Servern, Routern und Firewalls. Jedes dieser Geräte muss betrieben werden und jede Datenmenge verarbeiten. Je weniger über die Leitung geht, desto besser.

An dieser Stelle bringen kleine Maßnahmen schnell einen Effekt:

  • HTTP-Caching ist mit überschaubarem Aufwand umgesetzt.
  • Bildkompression und responsive Images senken die übertragene Datenmenge deutlich.
  • Statische HTML-Seiten ersetzen oft ein vollwertiges Content-Management-System.

Die statische Seite ist dabei ein gutes Beispiel für überflüssige Komplexität. Viele Geschäftswebseiten brauchen kein CMS mit Datenbank. In einem Fall bei Fraunhofer war der einzige Grund für ein CMS am Ende, dass jede Filiale andere Öffnungszeiten hatte.

Webstandards sind heute mächtig genug, um mit HTML und CSS ein gutes Nutzererlebnis zu liefern. Eine statische Seite ist schnell, sicher und kommt ohne viel JavaScript aus.

Was am Ende der Hardware-Lebenszeit passiert

Die letzte Dimension fragt, wohin ein Produkt geht, wenn es abgebaut wird. In der IT zeigt sich das an den Stapeln alter Notebooks, die sich ansammeln, weil neue Geräte angeschafft wurden, obwohl die alten den Anforderungen im normalen Businessalltag noch genügen würden.

Diese Geräte einfach zu entsorgen ist die schlechteste Option. Mindestens ein vernünftiges Recycling sollte sein. Besser ist eine zweite Nutzung: an Schulen oder Vereine spenden oder über Unternehmen wie Laptop.org in den globalen Süden geben, die Geräte CO2-neutral transportieren, reparieren und sauber aufsetzen.

Dieselbe Idee steckt in der Sharing Economy und der Circular Economy. Ein Gartenvertikutierer wird ein- bis zweimal im Jahr gebraucht, steht aber in vielen Kellern. Solche Produkte eignen sich zum Ausleihen. Second-Hand-Plattformen führen Dinge einer zweiten oder dritten Nutzung zu, sobald Angebot und Größe stimmen.

Nachhaltigkeit ist eine Qualitätseigenschaft mit Trade-Offs

Nachhaltigkeit gehört in der Softwareentwicklung neben die anderen Qualitätseigenschaften eines Systems und sollte explizit mit abgewogen werden. Es geht nicht darum, alles sofort zu machen, sondern den Aspekt überhaupt mitzudenken.

Nicht jede Maßnahme ist eindeutig sinnvoll. Workloads in eine Weltregion mit grünem Strom zu verlagern klingt gut, kostet aber viel Aufwand und bedeutet, Daten und Logik einmal um die Welt zu transportieren. Ob sich das am Ende lohnt, hängt vom Kontext ab. Einen Cookie-Cutter, der für jeden passt, gibt es nicht.

Wichtiger als ein perfektes Zielbild ist der erste Schritt. Wer ein unerreichbares Ideal aufbaut, sorgt dafür, dass niemand losgeht.

Jede und jeder, wenn ein kleiner Beitrag irgendwo liegt, dann ist uns am Schluss allen geholfen.

Marcus Trapp

Dass das Prinzip auch im Kleinen greift, zeigt die eigene Homepage von Full Flamingo: 92 Bilder, die nicht klein, sondern großzügig dargestellt sind, kommen zusammen auf 2,72 Megabyte. Früh mitgedacht, später leichter zu halten.

Diese Seite teilen

Ähnliche Beiträge