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Mentale Fähigkeiten: Tester lagern ihr Gehirn nicht aus

Vier mentale Fähigkeiten halten Tester am Denken, wenn KI die Antworten liefert: Zielsetzung, Visualisierung, Self-Talk und Stresskontrolle.

• • 8 Min. Lesezeit
Cover zum Expertengespräch über 'Mentale Fähigkeiten: Tester lagern ihr Gehirn nicht aus' mit Ard Kramer und Richard Seidl.

Mentale Fähigkeiten sind die Fertigkeiten, mit denen Tester ein Ziel setzen, ein System visualisieren, die innere Stimme lenken und Stress regulieren. Zusammen mit Konzentration, Motivation, Selbstvertrauen und Aktivierung erhöhen sie die Chance, im Flow zu testen. Mit KI zählen sie mehr, denn ein Gehirn, das die Denkarbeit einem Werkzeug überlässt, verliert Verbindungen, die sich nur mühsam zurückholen lassen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach Ard Kramer sagt ein Tester nie, dass ein System funktioniert, sondern nur, dass er alles versucht und nichts gefunden hat, was nicht funktioniert.
  • Zielsetzung, Visualisierung, Self-Talk und Stresskontrolle sind die vier mentalen Fähigkeiten, die ein Tester trainieren kann; Konzentration, Motivation, Selbstvertrauen und Aktivierung bringt er schon mit.
  • Hinter dem Cue HAH stecken Human, AI, Human: Ein Mensch denkt vor, die KI arbeitet, und ein Mensch testet den Output, bevor er ihn abgibt.
  • Wenn KI das Denken übernimmt, gilt use it or lose it auch fürs Gehirn, denn ungenutzte Verbindungen verschwinden und kommen nur mit viel Mühe zurück.
  • Allein das Herumlaufen steigert die Gehirnaktivität und verbessert das Denken; Bewegung ist damit die einfachste Form von Stresskontrolle vor einer schwierigen Testaufgabe.

Was passiert mit dem Gehirn, wenn KI das Denken übernimmt?

Mentale Fähigkeiten im Testen fangen bei einer schlichten biologischen Tatsache an. Das Gehirn lässt fallen, was es nicht benutzt. Ard Kramer stellt die Frage nach KI und Gehirn evolutionär. Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, so effizient wie möglich zu arbeiten. Manche nennen das Faulheit, Ard nennt es lieber Effektivität. Kann etwas anderes eine Aufgabe leicht erledigen, gibt das Gehirn sie gern ab. Mit KI wird daraus ein Risiko. Prompt eintippen, warten, ein paar Tokens verbrennen, Output nehmen. Gedacht hat dabei niemand, also hat auch niemand gelernt.

Use it or lose it ist die Kurzform. Das Gehirn hält Millionen von Verbindungen, viele davon im Unterbewusstsein, und nur der Gebrauch hält sie am Leben. Gibt man das Denken oft genug ab, dünnen die Verbindungen aus. Sie zurückzuholen ist laut Ard eine Heidenarbeit. Die Psychologie nennt die Gewohnheit, eine Denkaufgabe an ein äußeres Hilfsmittel abzugeben, kognitives Offloading.

Ard argumentiert nicht gegen KI. Er will, dass Tester sie so einsetzen, dass das eigene Gehirn in der Schleife bleibt, und dafür hat er ein Modell.

Das Denken beginnt vor dem Prompt

Ards Cue für die Arbeit mit KI heißt HAH, Human, AI, Human. Der Mensch startet die Schleife und überlegt, was er will. Die KI übernimmt den Teil in der Mitte. Der Mensch schließt die Schleife und prüft das Ergebnis. Beide Enden zählen, und das erste ist das, was die meisten überspringen.

Das vordere Ende ist altes Handwerk unter neuem Namen. Zu wissen, was man will, bevor man promptet, ist dieselbe Disziplin wie gutes Requirements Engineering. Ards Rat lautet, die Tastatur erst einmal in Ruhe zu lassen. In ein Notizbuch schreiben, eine Mindmap zeichnen, mit einem Kollegen reden. Ein kurzer Austausch nach dem Muster „Ich denke gerade über das hier nach, was hältst du davon?“ bringt oft einen Blickwinkel, den noch niemand angeschaut hat. Menschliche Köpfe sind dicht assoziativ und stellen Verbindungen her, die für ein Modell statistisch unwichtig sind und deshalb in seinem Output nie auftauchen.

Das hintere Ende ist ein Heimspiel für Tester. KI-Output ist Software-Output. Tester prüfen Software-Output von Berufs wegen, also gibt es keinen Grund, einen generierten Testplan oder ein generiertes Stück Code anders zu behandeln. Ard bringt es auf eine Frage. Wir sind Tester, warum testen wir nicht den Output der KI? Das heißt auch, dass noch eine Menge Arbeit vor uns liegt.

Vier mentale Kapazitäten entscheiden, ob du bereit bist

Ard holt sein Modell aus dem Sport und teilt es in zwei Ebenen. Die erste Ebene ist das, was man schon mitbringt, die mentalen Kapazitäten. Es sind vier, jede mit einer Frage daran.

KapazitätDie Frage dahinter
KonzentrationWie lange kannst du dich konzentrieren?
MotivationWie motiviert bist du, und kommt die Motivation von innen?
SelbstvertrauenWie sicher fühlst du dich, und kommst du mit Zweifeln klar?
AktivierungHast du genug Spannung, um bereit für den Sprint zu sein?

Zum Selbstvertrauen gehört eine Randnotiz, die man sich merken sollte. Auch selbstsichere Menschen zweifeln. Der Unterschied ist, dass sie damit umgehen können, wenn der Zweifel auftaucht.

Die Aktivierung schwankt am stärksten von Mensch zu Mensch. Manche Sportler brauchen viel davon. Ard zeigt den Haka der All Blacks als Extremfall einer Mannschaft, die sich vor dem Spiel in Stimmung bringt. Usain Bolt ist das Gegenbild, völlig gelöst an der Startlinie, und er hat auf diese Weise ziemlich viele Medaillen gewonnen. Es geht darum, das eigene Niveau zu kennen. Sind alle vier Kapazitäten hoch, bist du bereit für deine beste Leistung. Sie sind nicht immer hoch, und deshalb gibt es die zweite Ebene.

Zielsetzung beim Testen heißt, nach dem Beweis zu suchen, dass etwas nicht funktioniert

Die zweite Ebene bilden die mentalen Fähigkeiten, die die Kapazitäten nach oben schieben, nämlich Zielsetzung, Visualisierung, Self-Talk und Stresskontrolle. Zielsetzung kommt zuerst, und beim Testen verändert sie, wozu ein Test da ist.

Ein Ziel in Ards Sinn ist klein und liegt vollständig in deiner Hand. Ein Stück Stoizismus steckt darin, auf eine Zeile reduziert, ich und meine Aufgabe. Ich mache meine Arbeit so gut ich kann, unabhängig davon, was alle anderen tun. „Ich werde testen“ fällt an diesem Maßstab durch, weil Testen eine Aktivität ist und eine Aktivität kein Ziel. Das Ziel ist die Information, die du aus dem System herausholen willst. Wie viel Risiko ist noch übrig? Ist es gut genug? Ist unterwegs noch etwas anderes schiefgegangen? Eine Zahlungsschnittstelle ist ein sauberes Beispiel. Die Schnittstelle zählt, weil ohne sie niemand bezahlen kann, also ist das Testziel Information darüber, ob Bezahlen funktioniert.

Dann kommt die Wendung. Such nicht nach der Bestätigung, dass die Schnittstelle funktioniert; ein bestandener Test liefert die, und sie sagt sehr wenig. Stell die Hypothese andersherum auf und such nach den Bedingungen, unter denen die Schnittstelle nicht funktioniert. Ard nennt das die Welt auf den Kopf stellen, und der Grund ist der Confirmation Bias. Sucht man nach Belegen, dass etwas funktioniert, findet man sie. Die ehrliche Auskunft über einen Testaufwand klingt deshalb so. Ich habe alles ausprobiert, was mir eingefallen ist, und ich habe nichts gefunden, das nicht funktioniert hat. Für Ard ist das die wertvollste Information, die Tester liefern.

Welche mentalen Fähigkeiten bringen Tester in den Flow?

Die übrigen drei mentalen Fähigkeiten setzen beim Tester selbst an.

Visualisierung nutzt das Kino in voller Größe, das jeder im Kopf trägt. Eine Mindmap, auch wenn sie nur im Kopf existiert, zeigt dir, was du abgedeckt hast und was noch offen ist. Ein Architekturdiagramm erledigt denselben Job. Ards Lieblingsbild ist die Seifenoper. In einer Soap heiraten Leute fünfmal, verschwinden, als wären sie tot, und tauchen später wieder auf. Ein HR-System muss dieselben Handlungsstränge überstehen. Jemand fällt aus dem System; kann die Person zurück, und wie hoch ist das Risiko, wenn nicht? Das sind interessante Testfälle, und ein Bild hat sie hervorgebracht.

Self-Talk ist die kleine Stimme, die dir sagt, hol dir erst einen Kaffee. Ard nennt das Prokrastination, und das Gegenmittel ist ein Cue. Ein Cue ist eine kurze Formel, die die Aufmerksamkeit zurück zur Aufgabe zieht, etwa Interface, Zahlung, wichtig, jetzt. HAH ist ein Cue derselben Art, gezielt auf den Moment, in dem du ein KI-Tool öffnen willst. Stopp, warte, erst denken.

Stresskontrolle wirkt in beide Richtungen. Manchmal ist zu viel Spannung da und sie muss runter, manchmal zu wenig und sie muss rauf. Ards wichtigstes Werkzeug für beides ist Bewegung. Herumlaufen steigert die Gehirnaktivität und verbessert das Denken ganz von allein, weshalb so viele Leute ein Problem auf den Beinen lösen und mit einem „Ich hab’s“ zurückkommen.

Sitzen Ziele, Visualisierung, Self-Talk und Stresskontrolle, steigen die vier Kapazitäten. Kommt eine wirklich fordernde Aufgabe dazu, stehen die Chancen gut, in den Flow zu geraten. Flow ist der Zustand, in dem die Zeit verschwindet und die Arbeit sich selbst trägt, und die meisten merken erst hinterher, dass sie drin waren. Ards Ziel für Tester folgt daraus. Im Flow testen.

Der Zeigarnik-Effekt lässt eine offene Aufgabe für dich arbeiten

Manchmal ist Warten der beste Einsatz deiner mentalen Kräfte. Der Zeigarnik-Effekt beschreibt, was passiert, wenn eine Aufgabe im Kopf offen bleibt. Das Unterbewusstsein arbeitet weiter daran, ohne dass du es merkst. Ards eigene Routine ist ein Beispiel. Ein Angebot oder eine schwierige E-Mail kommt am späten Nachmittag herein, und er weiß nicht, wie er antworten soll. Er liest sie, lässt sie liegen, geht nach Hause und schläft. Am nächsten Morgen ist die Antwort da, und sie ist besser als die, die er auf der Stelle getippt hätte.

Der Effekt hat auch eine Kehrseite. Zu viele offene Aufgaben erzeugen Stress, weil jede davon einen Prozess am Laufen hält. Das Gegenmittel ist, Aufgaben bewusst abzuschließen. Ards Bild dafür ist ein Kellner, der eine Bestellung über zehn verschiedene Biere aufnimmt und jedes zur richtigen Person bringt. Bittet man denselben Kellner am Ende der Schicht, die Bestellung zu wiederholen, kann er es nicht. Die Aufgabe war abgeschlossen, also hat das Gehirn sie losgelassen.

Wie nutzt man KI als kritischen Partner?

KI-Tools sind wie Social-Media-Feeds darauf gebaut, Aufmerksamkeit anzuziehen und dich bei der Stange zu halten. Die Anschlussfragen am Ende jeder Chat-Antwort gehören zu diesem Design. Ards Verteidigung ist dasselbe Prinzip wie zuvor. Erst das Denken, dann das Tool.

Innerhalb dieser Reihenfolge schlägt er vor, KI als Kumpel zu behandeln, als eine Art Kollegen. Stell ihr Fragen. Besser noch, lass sie dir Fragen stellen. Ard nutzt denselben Trick vor Publikum. Eine Frage triggert das Gehirn, egal ob der Fragende sich für die Antwort interessiert, und genau diesen Effekt willst du auch von einem Tool. Eine KI, die deine Testidee ausfragt, hält dich am Denken.

Warum das zählt, ist eine Frage der Verantwortung. Lieferst du deinem Chef etwas ab und der Chef nennt es Müll, kannst du nicht sagen, das war die KI. Das Ergebnis gehört so oder so dir.

„Du bist verantwortlich. Also sei dir dessen immer bewusst. Du kannst dein Gehirn nicht outsourcen.“

(Ard Kramer)

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