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Warum deutsche Konzerne handlungsunfähig werden

Deutsche Unternehmen wollen KI und Robotik, aber die Prozesse blockieren jeden Aufbruch. Warum sich kein Business Case rechnet, solange die Dateninseln bleiben.

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Innovationsstau in deutschen Unternehmen entsteht, weil übermäßige Prozesskontrolle, fehlende Budgetvollmachten und politische Zurückhaltung gegenüber neuen Technologien Entscheidungen blockieren. Gezielte Industriepolitik, die ganze Branchen statt einzelner Projekte fördert, und kleine Teams exzellenter Fachkräfte mit echter Handlungsfreiheit wären konkrete Auswege.

Das Wichtigste in Kürze

  • Überprozessierte Unternehmen werden handlungsunfähig: Wer jede Reise einzeln genehmigen lassen muss, frisst Managementzeit auf und zerstört die Tiefenkonzentration, die Softwareentwicklung braucht.
  • KI rechnet sich ohne Foundation nicht: Wer kein einheitliches, maschinenlesbares Datenfundament aufbaut, legt nur eine weitere teure Schicht über bestehende Dateninseln, die seit 30 Jahren niemand bereinigt.
  • Gifford Pinchots Grundsatz “Work underground as long as you can” bleibt der einzige praktische Weg, in durchprozessierten Konzernen überhaupt noch Innovation zu treiben.
  • Industriepolitik und Förderung sind zwei verschiedene Dinge: Förderung verteilt Geld ohne Richtung, Industriepolitik benennt eine Branche und zieht eine gesamte Zuliefererinfrastruktur koordiniert hoch.
  • Humanoide Roboter scheitern bislang vor allem an der Hand, weil die nötige Tastsensorik für unterschiedliche Griffkräfte noch nicht gelöst ist, obwohl Kopf und Bewegung technisch weitgehend fertig sind.

Warum sich KI in Unternehmen oft nicht rechnet

Künstliche Intelligenz hat keinen isolierten Business Case, der sich für sich allein trägt. Der Grund liegt in der nötigen Vorarbeit: Eine KI braucht eine Foundation. Ein Sprachmodell wie das von Anthropic muss mit Wissen befüllt werden, und daneben müssen alle Firmendaten in einem Format stehen, das dieses Modell lesen und verstehen kann.

Genau diese Vorarbeit kostet viel Geld und bringt zunächst keinen direkten Ertrag. Dateninseln müssen verschwinden, damit eine KI sinnvoll auf Firmenwissen zugreifen kann. Das ist keine neue Forderung. Seit dreißig, vierzig Jahren wird sie gestellt, und sie wird seit dreißig Jahren ungerührt zur Kenntnis genommen, ohne dass etwas passiert.

Die größere Gefahr ist, dass Unternehmen oben drüber einfach eine neue KI-Schicht legen, statt aufzuräumen. Dann entstehen wieder neue komplizierte Prozesse, und das Ganze lohnt sich nicht. Wer KI auf ungeordnete Datenstrukturen aufpfropft, wiederholt einen alten Fehler in teurerer Form.

Durchprozessierte Konzerne werden handlungsunfähig

Viele große Unternehmen sind so stark durchprozessiert, dass sie heute handlungsunfähig werden. Das ist keine Bösartigkeit einzelner Menschen, sondern eine Eigenschaft des Systems geworden. Was früher als modern galt, lähmt heute die Organisation.

Der Kontrast zu früher ist drastisch. Gunter Dueck beschreibt, wie er bei IBM einen renommierten Wissenschaftler an einem einzigen Tag einstellen konnte: Boss informiert, Betriebsrat informiert, unterschrieben, fertig. Heute ist so etwas undenkbar.

Auch das Budget funktionierte anders. Früher gab es einen Etat pro Person und Jahr, über den man Vollmacht hatte. Reisekosten, Software, Sozialversicherung, alles lief darüber, ohne dass jede einzelne Ausgabe genehmigt werden musste. Heute muss jede Reise einzeln genehmigt werden, und über jeden kleinen Betrag wird diskutiert.

Der Schaden ist messbar in Zeit. Jede zersplitterte Aufgabe stößt einen neuen Prozess an, und das frisst Managementzeit und Mitarbeiterzeit. Niemand macht sich etwas daraus, Vorgänge zu verschieben. So vergeht Woche um Woche mit Rückfragen, Einsprüchen und erneuter Abstimmung.

Tiefe Konzentration wird in Organisationen unterschätzt

Tiefe Konzentration beim Programmieren bricht durch eine einzige Unterbrechung zusammen, und der Weg zurück dauert. Ein einfacher Zuruf zum Mittagessen kann einen Entwickler rund zwanzig Minuten kosten, bis er wieder im Thema ist.

Dueck vergleicht das mit einem Schach-Weltmeister, den man mitten im Brüten fragt, ob er heute Fleisch oder Fisch essen will. Diese Persönlichkeitsattitüden von Technikern werden in vielen Organisationen bis heute nicht verstanden. Stattdessen werden hochkonzentrierte Menschen von lauter kleinen Vorgängen zerfressen.

Deutschland hat verlernt, sich am Wettbewerb zu messen

Das Schämen über den zweiten Platz ist verschwunden, und genau das ist das Problem. Früher war es eine echte Kränkung, wenn ein anderes Land vorbeizog. Als Japan im Autobau überholte und ein Corolla weniger Schäden hatte als ein Golf, war das ein tiefer Stachel, der zu einer Aufholjagd führte.

Heute lässt man sich an jeder Ecke vorhalten, dass Skandinavien, die Niederlande oder Singapur besser seien, ohne daraus Antrieb zu ziehen. Bei jedem Vergleichsland findet sich ein Grund zur Abwehr: Singapur sei eine Diktatur, über China dürfe man nichts sagen. Bei Finnland oder Schweden bleibt dann nur Abwehr.

Dabei sind die Positivbeispiele längst da. Bildung, Einigkeit, Entschlossenheit, Energie: Andere Länder bekommen das nachweislich besser hin. Der Reflex, jeden Vergleich kleinzureden, verhindert, dass man von ihnen lernt.

Förderung ist nicht dasselbe wie Industriepolitik

Der Staat verwechselt Förderung mit Industriepolitik, und das ist ein teurer Irrtum. Bei der Förderung werden Milliarden freigegeben, ohne dass klar ist, wofür. Dann werden Programme ausgeschrieben, ein Jahr vergeht mit der Definition, und am Ende nimmt ein Unternehmen den Zuschuss mit, weil es ins Förderraster passt.

Niemand fragt dabei, ob das geförderte Vorhaben gut ist. Niemand will einen Business Case sehen. Wer in die gewünschte Branche fällt, bekommt seinen Anteil, oft 20 bis 25 Prozent. In der Zeitung steht dann, mit einem Euro Förderkapital sei ein Vielfaches an Innovationskapital ausgelöst worden, obwohl das Geld schlicht mitgenommen wurde.

Industriepolitik dagegen weiß, wofür. Sie fördert nicht eine einzelne Firma, sondern das Zusammenwachsen einer gesamten Infrastruktur. Sie benennt eine Branche und schafft die Bedingungen, damit sie entstehen kann.

FörderungIndustriepolitik
Zielunklar, breit ausgeschriebenbenannte Branche
Prüfungpasst ins Raster, kein Business Casegezielter Aufbau
Reichweiteeinzelne Unternehmengesamte Zulieferkette
Rolle des StaatsGeld verteilenBedingungen schaffen

Sonderzonen könnten Innovation in Deutschland möglich machen

Sonderzonen sind ein konkretes Werkzeug der Industriepolitik, und Deutschland nutzt es kaum. China arbeitet mit Innovationszonen wie Shenzhen, in denen Fluggenehmigungen schlicht entschieden werden. Dort sind rund tausend Flugrouten bis 120 Meter Höhe definiert und freigegeben, sodass Flugtaxis zwischen den Millionenstädten geübt und betrieben werden können.

Dueck überträgt das Prinzip auf deutsche Orte. In Bad Füssing liegen die Heilquellen rund zwei Kilometer außerhalb des Ortes, während die Gäste im Ort wohnen. Eine abgesperrte Sonderzone mit Park-and-Ride außen und selbstfahrenden Autos innen könnte das verbinden.

Das Modell skaliert weiter. Funktioniert es an einem Ort, lässt es sich auf Tourismusregionen übertragen, in denen man dann nicht mehr direkt am Strand wohnen muss, sondern sich vom Fremdenzimmer abholen lässt. Zwei Gemeinden hatten sich für ein solches Projekt freiwillig gemeldet. Das Interesse ist da, was fehlt, ist die politische Entscheidung.

Das Argument, solche Technologien dienten nur Reichen, hält Dueck für inkonsequent. Wer bei Flugtaxis ablehnt, weil nur Wohlhabende sie nutzen, müsste dasselbe bei Porsche oder bei Mercedes-Modellen für China sagen. Als Exportland muss Deutschland an die Kunden denken, nicht an den eigenen Gebrauch.

Warum bei Robotern die Hand das Geschäft ist

Der humanoide Roboter ist technisch fast fertig, der Engpass sitzt in der Hand. Kopf und KI-Foundation gelten als gelöst, doch der Griff bleibt schwierig. Ein Roboter weiß nicht ohne Weiteres, wie fest er zugreifen muss, um eine Flasche zu halten, ohne sie zu zerdrücken oder fallen zu lassen.

Der Mensch löst das mühelos. Er erkennt Glas oder Plastik, dosiert den Druck und korrigiert über tausende Tastfunktionen. Diese Sensorik in einen Roboterarm zu bringen, ist die eigentliche Aufgabe, und sie ist groß genug, dass sich ein eigener Großkonzern allein für die Hand lohnen würde.

Genau hier liegt für Dueck eine offene deutsche Chance. Es braucht weder ein eigenes KI-Modell noch einen kompletten Roboter, sondern Maschinenbau und Tüftelei, also das, was deutsche Industrie für ihre Stärke hält. Die Frage, warum kein deutscher Konzern sich darauf spezialisiert, bleibt unbeantwortet.

China gewinnt über konzertierte Infrastruktur

Chinas Vorsprung bei Robotern liegt nicht in einzelner Software, sondern im konzertierten Aufbau einer ganzen Zulieferkette. Ein Roboter besteht aus vielen Einzelteilen: Sensoren, Aktoren, Antriebe. Das verlangt eine Zuliefererindustrie, vergleichbar mit der Automobilbranche.

Amerikanische Firmen zielen laut dieser Einschätzung stärker auf reine Software, wo schnell viel Geld fließt. China dagegen fährt die gesamte Infrastruktur gemeinsam hoch und entwickelt inzwischen eigene Chips, die etablierte Anbieter ablösen sollen. Diese Chips sind nicht Ankündigung, sondern stecken bereits in aktuellen High-End-Smartphones.

Das Tempo ist das eigentliche Signal. Innerhalb von ein bis zwei Jahren entstehen eigene Chips, gebaut in Taiwan, und damit die Unabhängigkeit von westlichen Lieferanten. Firmen wie Xiaomi bauen Smartphone, Hausgeräte, Fernseher und Autos und legen jetzt eine gemeinsame Infrastruktur für alles darüber.

Intrapreneuring: Im Verborgenen arbeiten, solange es geht

Wer im Konzern etwas bewegen will, muss es durchsetzen, notfalls gegen Widerstand. Dueck verweist auf die Grundsätze von Gifford Pinchot aus dessen Buch über Intrapreneuring. Die wichtigsten lauten:

  • Work every day as if you would be fired. Handle jeden Tag, als stünde dein Job auf dem Spiel.
  • Work underground as long as you can. Arbeite im Verborgenen, solange es möglich ist, bevor die Prozesse zugreifen.
  • Work only with the best people. Stell exzellente Leute ein und halte dich von den anderen fern.

Der dritte Punkt wird heute am häufigsten vergessen. Statt Tausende mittelmäßiger Kräfte zusammenzusuchen, rät Dueck, mit zehn oder zwanzig herausragenden Leuten zu starten, sie aus Top-Firmen abzuwerben, gut zu bezahlen und sie dann in Ruhe arbeiten zu lassen.

OpenAI hat das gemacht. Microsoft hat die Leute eingestellt und gesagt, sie können Geld verbrennen, wie sie wollen. Sie haben gar keinen Etat gekriegt.

Gunter Dueck

Das Gegenmodell kennt jeder Konzern. Innovation sitzt ganz unten, darüber stapeln sich mehrere Chefs, und sobald einer wechselt, lässt er sich alles neu vorrechnen und stoppt die Finanzierung. Das ist das Gegenteil eines klaren “Go”.

”Do nothing”: der Kunde, der nichts ändern will

Viele Optimierungen scheitern nicht an der Technik, sondern am Kunden, der nichts ändern will. Dueck erzählt von seiner Zeit mit Fabrikoptimierung: Trotz nachweisbarer Einsparung von rund 20 Prozent kamen die großen Aufträge nicht. Ein Venture Capitalist lieferte ihm die Diagnose, der Hauptkunde sage schlicht “do nothing”.

Der Mechanismus wiederholt sich bei KI. Echte Optimierung verlangt größere Sprünge: Fabrikdurchlaufzeiten ins System geben, das System umstellen, einen übergeordneten Befehl akzeptieren, der Abläufe neu ordnet. So viel aufräumen tun die wenigsten.

Dieser Widerstand ist nicht neu, aber er ist heute systematisiert. Früher ließ sich noch etwas im Einzelfall regeln. Heute steht der durchprozessierte Apparat dem “do nothing” zur Seite und macht Veränderung noch schwerer.

KI-Code, den nie ein Mensch gesehen hat

Aktuelle KI-Modelle erzeugen Code in einer Qualität, die ihn unmittelbar einsetzbar macht. Entwickler aus Duecks Umfeld berichten, dass das neue Modell von Anthropic so gut sei, dass man den erzeugten Code direkt verwenden könne, ohne dass je ein Mensch hineingeschaut hat.

Dabei arbeiten inzwischen ganze Teams von Agenten zusammen. Man bildet die Rollen einer Bank nach, etwa Kreditsachbearbeiter und Kasse, ersetzt die Menschen eins zu eins durch Agenten und lässt sie gemeinsam eine Aufgabe lösen. In solchen Aufbauten sind Sicherheitslücken aufgetaucht, die man bei rein menschlicher Arbeit lange nicht gesehen hat.

Die Angst vor unverständlichem Maschinencode teilt Dueck nicht. Sein Eindruck aus eigenen Versuchen: Der Code ist sauber dokumentiert, Schritt für Schritt erklärt, oft gründlicher, als Menschen es sich gönnen würden.

Humanoide lernen schneller, weil sie menschlich gebaut sind

Ein menschenähnlicher Roboter lernt schneller als eine Spezialmaschine, weil man ihn auf menschliche Daten und menschliche Abläufe ansetzen kann. Hat man einen Roboter gebaut, der sich bewegt wie wir, reicht im Idealfall die Aufforderung, einmal zuzusehen und es dann selbst zu machen.

Für Spezialmaschinen gilt das nicht. Jede Aufgabe wie das Spargelstechen müsste eigens konstruiert und programmiert werden. Beim Humanoiden lässt sich auf die vorhandenen Daten zurückgreifen, wie sich Menschen verhalten.

Konkrete Ansätze gibt es bereits. Bei einer Firma bei Metzingen tragen Beschäftigte Sensoranzüge und üben Bewegungen am Fließband, die gespeichert und dem Roboter als Fähigkeit übergeben werden. Die Vision reicht bis zu einem App-Store für humanoide Roboter, in dem man eine Fähigkeit wie das Spargelernten für einige Wochen mietet.

Automatisierung verschiebt die fiskalische Balance

Wenn gut bezahlte Arbeit durch Roboter ersetzt wird, verschiebt sich die Balance zwischen denen, die das Gemeinwesen finanzieren, und denen, die es trägt. Dueck nutzt dafür den Begriff Net Fiscal Contribution. Wer mehr Steuern zahlt, als er vom Staat erhält, ist fiskalisch positiv. Wer überwiegend vom Staat bezahlt wird, ist im rein steuerlichen Sinn negativ.

Diese Rechnung ist bewusst provokant und sagt nichts über den gesellschaftlichen Wert einer Tätigkeit. Ein Lehrer oder Pfleger erfüllt einen Sinn, ist aber im engen Steuersinn negativ, weil sein Gehalt aus dem Staatshaushalt kommt. Tragfähig bleibt der Staat nur, wenn die positiven Einzahler mehr leisten, als er verbraucht.

Die Tendenz läuft in die falsche Richtung. Während gut verdienende Arbeit durch Humanoide ersetzbar wird, kümmert sich der Staat selbst kaum um KI. Wer gut bezahlte Stellen automatisiert und gleichzeitig die fiskalisch negative Seite vergrößert, untergräbt die eigene Finanzierung.

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