Neue ISTQB Präsidentin
68 Länder, über 800.000 Zertifikate, fast alles ehrenamtlich: Was hinter dem ISTQB wirklich steckt und wohin der neue CTFL 4.0 führt.

Das ISTQB (International Software Testing Qualifications Board) ist eine weltweite Dachorganisation aus 68 nationalen Member Boards, die Lehrpläne für Softwaretester entwickelt und standardisiert. Der bekannteste Lehrplan ist der Certified Tester Foundation Level (CTFL), der zuletzt in Version 4.0 um agile Methoden erweitert wurde. Alle Inhalte entstehen ehrenamtlich, Prüfungen werden von unabhängigen Exam-Providern abgenommen.
Das Wichtigste in Kürze
- Das ISTQB besteht aus 68 nationalen Member Boards weltweit und hat über eine Million Prüfungen sowie rund 800.000 Zertifikate ausgegeben, ohne dass eine zentrale bezahlte Struktur dahintersteht: fast alle Arbeit ist ehrenamtlich.
- Der neue CTFL 4.0 löst den Lehrplan von 2018 ab und bringt erstmals agile Entwicklungspraktiken als Kernbestandteil ins Standardcurriculum, weil die meisten Unternehmen längst agil arbeiten.
- Die Qualitätssicherung des Zertifikats basiert auf einer bewussten Gewaltentrennung: Lehrplanerstellung, Trainingsanbieter und Prüfungsanbieter sind drei voneinander getrennte Rollen, damit niemand gleichzeitig schulen und prüfen kann.
- Klaudia Dussa-Zieger nennt als wichtigstes strukturelles Defizit, dass Lehrpläne teils über ein Jahrzehnt unverändert bleiben, und will einen verbindlichen Überarbeitungszyklus von maximal fünf Jahren einführen.
Was ist das ISTQB und wofür steht es?
Das International Software Testing and Qualification Board (ISTQB) ist eine weltweite Dachorganisation, die das Berufsbild des Softwaretesters über standardisierte Lehrpläne und Zertifizierungen definiert. Sie besteht ausschließlich aus nationalen Member Boards, die sich unter dem internationalen Dach zusammenfinden.
Die Idee entstand vor mehr als 20 Jahren auf einer Testkonferenz. Sieben Länder, darunter UK, die Niederlande, Österreich und die Schweiz, taten sich zusammen, um ein Berufsprofil zu beschreiben: Was soll ein Tester tatsächlich können? Zu jener Zeit gab es Softwaretesting als eigenständige Disziplin kaum, Programmierkurse schon, eine Testausbildung nicht.
Die zentrale Entscheidung war, das Konzept von Anfang an international zu denken. Ein Certified Tester aus Österreich gilt damit genauso viel wie einer aus Deutschland, weil dasselbe Konzept darunterliegt. Aus den ursprünglich sieben Ländern sind heute 68 Member Boards geworden, manche für ein einzelnes Land zuständig, andere für ganze Regionen wie Südosteuropa oder Südamerika.
Tragend für das ganze Modell ist das Ehrenamt. Bis auf ein kleines Back-Office wird niemand bezahlt. Die Lehrpläne, die Reviews, die Übersetzungen, das alles entsteht aus Arbeitszeit und Engagement von Fachleuten, die das neben ihrem Hauptjob stemmen.
Wie steht der ISTQB-Erfolg in Zahlen da?
Das ISTQB hat weit über eine Million Prüfungen und an die 800.000 ausgestellte Zertifikate verzeichnet. Im Vergleich zu anderen Zertifizierungsschemata wie ITIL oder den iSAQB-Programmen muss sich das Berufsbild damit nicht verstecken.
Den breiten Durchbruch hat vor allem ein Produkt gebracht: der Certified Tester Foundation Level (CTFL). Er ist das bekannteste Zertifikat und hat seinen Weg in die Wirtschaft gefunden. In Stellenbeschreibungen taucht er als Anforderung an Tester auf, viele Unternehmen bilden ihre Mitarbeiter gezielt darauf aus.
Klaudia Dussa-Zieger beschreibt die Organisation als Eisberg: Sichtbar ist die Spitze mit dem CTFL und vielleicht ein, zwei weiteren Kursen. Der weitaus größere Teil, die gesamte Organisation und Arbeit dahinter, bleibt für die meisten unsichtbar.
Foundation Level 4.0: näher an der gelebten Praxis
Der CTFL 4.0 bringt die Foundation-Ausbildung näher an die tatsächliche Industriepraxis, vor allem an agile Entwicklung. Die Urform des Lehrplans stammt aus dem Jahr 2001, die letzte Vorgängerversion 3.1 aus 2018. Diese älteren Versionen waren stark am V-Modell orientiert und in der agilen Welt noch nicht angekommen.
Viele Unternehmen arbeiten heute in irgendeiner Form agil, ob mit Scrum oder anderen Ansätzen. Der neue Lehrplan nimmt deshalb deutlich mehr agile Anteile auf: Prinzipien und Vorgehensweisen aus der agilen Entwicklung wandern ins Kernprodukt.
Die klassischen Methoden bleiben gültig, sie werden nur in einen neuen Kontext gesetzt. Gerade Berufsanfänger profitieren davon. Wer sieht, dass um ihn herum agil entwickelt wird, findet sich mit einem Lehrplan, der diese Realität abbildet, schneller zurecht.
Welche Zertifikate gibt es über den Foundation Level hinaus?
Der Foundation Level ist die Wurzel, auf der mehrere Säulen aufbauen. Das CTFL gilt dabei als das kleine Einmaleins des Testens, alles Weitere baut darauf auf.
Die erste Säule kommt aus der klassischen Welt:
- Test Manager: Testmanagement, Aufwandsabschätzung, Projektplanung, Testprozessverbesserung. Dieser Lehrplan wird derzeit überarbeitet, um die agile Welt zu heben.
- Test Analyst: detaillierte Testentwurfsmethoden, White-Box- und Black-Box-Verfahren.
- Technical Test Analyst: Überblick über nicht-funktionale Testbereiche wie Performance, Security und Usability.
- Darüber liegt eine Expert-Schiene.
Die zweite Säule sind die Spezialisten-Lehrpläne mit klar abgegrenztem Fokus. Sie richten sich an alle, die sich in ein einzelnes Thema einarbeiten wollen, etwa Security Testing, Performance, Usability, AI Testing, Mobile App Testing oder die domänenspezifische Variante Automotive Testing.
Die dritte Säule ist die agile Schiene. Dazu gehört der Agile Test Leadership at Scale, der agiles Testen in skalierten Projekten mit mehreren koordinierten Release Trains behandelt. Ein eintägiger Kurs ist bereits verfügbar, eine zweitägige Erweiterung in Arbeit.
Wie entsteht ein ISTQB-Lehrplan?
Ein Lehrplan entsteht über einen mehrstufigen Review-Prozess, der Qualität vor Tempo stellt. Auslöser ist meist eine Interessensgruppe, die ein Thema für wichtig hält und daran arbeiten will.
Beim Certified Tester AI Testing etwa gab es gleich mehrere Gruppen, aus Europa, dem indischen und dem asiatischen Raum, die teils schon eigene Lehrplanentwürfe hatten. Drei parallele Lehrpläne ergeben in einer Organisation mit 68 Boards keinen Sinn. Also setzten sich die Gruppen zusammen und arbeiteten jedes Lernziel gemeinsam durch, kontrovers und engagiert, bis ein gemeinsamer Lehrplan stand.
Der formale Ablauf folgt festen Schritten:
- Lernziele abstimmen, danach Aufgaben verteilen und Texte schreiben.
- Gruppeninternes Peer Review des zusammengefügten Dokuments.
- Alpha Review innerhalb des ISTQB. Kommentare müssen beantwortet und mit den Autoren besprochen werden.
- Beta Review in einem größeren Kreis, inklusive Training- und Exam-Providern außerhalb der Organisation. Auch dieses Feedback wird eingearbeitet.
- Freigabe durch die General Assembly, das Abstimmungsgremium des ISTQB.
Hinzu kommen Technical Edits zur Sicherung der Sprachqualität. Nur ein kleiner Prozentsatz der Mitwirkenden sind Native English Speaker, entsprechend braucht es eine redaktionelle Schicht. Zum Release-Paket gehört nicht nur der Lehrplan, sondern auch Prüfungsvorgaben, eine Beispielprüfung und eine Beschreibung.
Der Prozess ist mühsam und langwierig. Genau das sichert die Qualität, die das Zertifikat tragen soll.
Warum dauert ISTQB-Arbeit manchmal länger?
Verzögerungen entstehen fast immer aus dem ehrenamtlichen Charakter der Arbeit, nicht aus Böswilligkeit. Rund 98 Prozent der Tätigkeit ist ehrenamtlich. Die Beteiligten reservieren sich Zeitslots, treffen sich etwa wöchentlich für zwei Stunden, doch das funktioniert nicht immer.
Viel hängt am sogenannten Taskforce-Leiter, der einen Lehrplan verantwortet. Wie gut er die Leute zusammenbringt und durch die Diskussionen führt, beeinflusst die Durchlaufzeit spürbar. Ehrenamt bedeutet hohe Leidenschaft und Engagement, aber auch längere Zyklen.
Wie kommt ein Lehrplan in die jeweilige Landessprache?
Englisch ist die Kernsprache des ISTQB, und jedes Member Board hat das Recht, Lehrplan und Musterprüfung in seine Sprache zu lokalisieren. Verpflichtend ist das nicht, aber es passiert regelmäßig.
Im deutschsprachigen Raum erstellen das deutsche, österreichische und Schweizer Board die deutschen Versionen gemeinsam. Auch das französische, japanische und koreanische Board übersetzen ihre Lehrpläne. Für die Lokalisierung gelten eigene Übergangsfristen, weil die Boards erst mit der Beta-Version sinnvoll aufsetzen können.
Der Bedarf ist real. In vielen Behörden wird Software entwickelt und getestet, und dort ist Englisch noch eine spürbare Hürde. Übersetzung ist dabei keine Nebensache, sondern harte Arbeit.
Wie kommt das Wissen in den Markt?
Das ISTQB selbst erstellt nur die Lehrpläne als PDF, vermittelt und prüft aber nicht. Dahinter steht ein Ökosystem mit klarer Gewaltentrennung zwischen drei Partnern.
| Rolle | Aufgabe |
|---|---|
| ISTQB | erstellt den Lehrplan, betreibt Marketing und Webinare |
| Training-Provider | erstellt Schulungsunterlagen und Übungen, hält die Trainings |
| Exam-Provider | nimmt die Prüfungen ab, organisiert Räume, Prüfer und Remote Proctoring |
Der Lehrplan ist nur ein Dokument, daran kann man nicht schulen. Die Training-Provider machen daraus echte Schulungsunterlagen und Übungen. Ihre Materialien müssen von den Member Boards akkreditiert werden, damit alle Inhalte korrekt und vollständig abgedeckt sind.
Die Trennung von Schulung und Prüfung ist Absicht. Wer das Training hält, soll nicht zugleich die Prüfung abnehmen, sonst bestünde jeder Teilnehmer automatisch. Die Trainer kennen die Prüfungsfragen nicht. Genau das hält den Wert des Zertifikats hoch: Man klickt sich nicht durch, man muss Arbeit investieren.
Wir wollten nicht, dass derjenige, der das Training macht, auch die Prüfung abnimmt. Das Zertifikat sollte eine gewisse Qualität haben. Klaudia Dussa-Zieger
In Deutschland treffen sich Board, Training- und Exam-Provider vier- bis fünfmal im Jahr zum Austausch. Kommt aus der Industrie ein dringender Bedarf, etwa nach Big Data Testing oder Machine Learning Testing, fließt das über diesen Kanal zurück.
Testwissen gehört auch in die Hochschule
Das ISTQB versucht, seine Inhalte über die Wirtschaft hinaus in die Ausbildung zu tragen. In Deutschland kümmert sich eine eigene Gruppe um Hochschulkontakte, schreibt Professoren an, trifft sie auf Fachtreffen und stellt das CTFL-Material zur freien Nutzung bereit.
Mehr als 50 Hochschulen haben dort bereits einen Kontakt, der die Unterlagen entgegengenommen hat. Wegen der Freiheit der Lehre entscheidet jede Hochschule selbst, ob sie das Material einsetzt. Mehrere Board-Mitglieder unterrichten selbst als Dozenten an Universitäten.
Was bei Studierenden ankommt, ist die Kombination aus Theorie und Projekteinblicken. Wer im Unterricht hört, wo etwas in der Praxis gut lief und wo es schlecht lief, nimmt mehr mit als aus reiner Methodenlehre.
Auch andere Boards gehen das Thema an. Das englische Board ist mit dem UK Apprenticeship Board im Gespräch, um Testinhalte in eine Lehrberufsausbildung zu bringen. Solche Wege über staatliche Behörden sind aufwendig und nicht trivial.
Drei Prioritäten für die nächsten Jahre
Die Agenda für die kommende Amtszeit ruht auf drei Punkten, die Klaudia Dussa-Zieger als Präsidentin voranbringen will.
Erstens: ein aktuelleres Portfolio. Dass ein Lehrplan zehn, elf, zwölf Jahre unverändert bleibt, passt nicht zur Entwicklung der Industrie. Ein Mechanismus ähnlich der ISO könnte helfen, bei dem spätestens nach fünf Jahren entschieden wird, ob ein Lehrplan noch passt oder überarbeitet werden muss. Dazu gehört auch, die weniger bekannten Lehrpläne sichtbarer zu machen und über Allianzen Querverbindungen zu schaffen, etwa zu Requirements Engineering oder Business Analysis. Partnerschaften bestehen bereits mit IREB und TMMi, mit dem iSAQB laufen Gespräche.
Zweitens: neue, jüngere Member Boards aktivieren. Wer das ISTQB vor 20 Jahren gründete, war damals Mitte bis Ende 30 und ist heute entsprechend älter. Es braucht neues Blut, neue Ideen und Leute, die aktuelle Technologie aus der Universität mitbringen. Eine Hürde dabei: Viele Vertreter der jüngeren Boards trauen sich vor den gesetzten Namen kaum, sich zu melden oder zu fragen.
Drittens: Frauen im Testing fördern. Die Initiative Women in Testing soll weiterlaufen, möglicherweise mit Fokus auf einzelne Erdteile.
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