Zum Inhalt springen

Suchen...

Impostor-Syndrom: Was gegen das Hochstaplergefühl hilft

Das Impostor-Syndrom ist kein Krankheitsbild, lässt sich aber rational kaum wegargumentieren. Diese Strategien führen aus dem Hochstapler-Kreislauf.

• • Aktualisiert: • 10 Min. Lesezeit
Cover zum Expertengespräch über 'Impostor-Syndrom: Was gegen das Hochstaplergefühl hilft' mit Sophie Küster und Richard Seidl.

Das Impostor-Syndrom, auf Deutsch Hochstapler-Syndrom, ist ein psychologisches Phänomen, bei dem Betroffene glauben, sich Erfolge, Talente und Abschlüsse erschlichen zu haben, und eine Enttarnung fürchten, obwohl objektive Belege das Gegenteil zeigen. Perfektionismus, Gruppenangst und fehlende Selbstwahrnehmung verstärken den Teufelskreis.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Impostor-Syndrom ist kein Zeichen fehlender Kompetenz, sondern ein psychologisches Phänomen, das Menschen befällt, die ihre nachgewiesenen Fähigkeiten und Erfolge trotz vorhandener Belege nicht als echt akzeptieren können.
  • Wer zum Hochstapler-Syndrom neigt, gerät in einen Teufelskreis: Die eigenen Symptome werden als Beweis gewertet, man sei tatsächlich unfähig, was eine realistische Selbsteinschätzung verhindert.
  • Frauen in der IT entwickeln das Hochstapler-Syndrom häufiger, weil sie in einer von Männern dominierten Gruppe automatisch als Außenseiterinnen wahrgenommen werden und sich gleichzeitig als Repräsentantinnen ihrer gesamten Gruppe fühlen.
  • Das Impostor-Syndrom hat ursprünglich eine sinnvolle Schutzfunktion, es soll vor Blamage bewahren, läuft aber auf zwei Denkfehler auf: Man kann die angestrebten Aufgaben meist wirklich, und Fehler sind auch bei echter Unfähigkeit kein sozialer Weltuntergang.
  • Den eigenen Perfektionsanspruch realistisch zu kalibrieren hilft konkret: Wer sich fragt, was im schlimmsten Fall wirklich passiert, merkt, dass die Angst die tatsächliche Konsequenz fast immer übersteigt.

Was ist das Impostor-Syndrom?

Das Impostor-Syndrom (oft auch Imposter-Syndrom geschrieben), auf Deutsch auch Hochstapler-Syndrom, ist ein psychologisches Phänomen, kein Krankheitsbild. Betroffene fühlen sich, als hätten sie sich ihre Erfolge, Talente und Abschlüsse erschlichen oder erlogen. Im Kern steckt die Angst, dass jemand herausfindet, wie schlecht man angeblich in den Dingen ist, die man augenscheinlich gut macht, und dass dann alles wieder weggenommen wird.

Sophie Küster legt Wert auf die Unterscheidung: ein Phänomen, kein Defizit und keine Diagnose. Genau diese Einordnung nimmt dem Thema die Schwere. Wer es benennen kann, hört auf, sich für verrückt zu halten.

Die Gegenbeweise liegen meist offen vor einem. Es gibt das Diplom, den Zettel, auf dem steht, dass jemand die Prüfung bestanden hat. Trotzdem glaubt der Kopf die eigenen Belege nicht. Das Gefühl gewinnt gegen die Fakten.

Warum dich Logik allein nicht aus dem Kopf holt

Rational lässt sich das Impostor-Syndrom nicht wegargumentieren, weil es ein Gefühl ist und kein Denkfehler, den man kurz korrigiert. Du kannst dir selbst dabei zusehen, wie du jedes Kriterium dieses Phänomens erfüllst, und trotzdem denkst du: bei mir ist es wirklich so, ich habe das Diplom wirklich nicht verdient.

Genau darin liegt die Hinterhältigkeit. Der Verstand baut sich eine Sonderregel: Nur die schlauen Leute, die fälschlich an sich zweifeln, hätten ein echtes Impostor-Syndrom, man selbst sei einfach nur tatsächlich nicht gut genug. So entsteht ein Teufelskreis, aus dem man schwer wieder herausfindet.

Wer das einmal erkennt, hat den ersten Hebel in der Hand. Nicht das Gefühl verschwindet, aber seine Autorität sinkt.

Tu zuerst so, als hättest du das Selbstvertrauen

Wenn die Zeit knapp ist und du gleich auf die Bühne, ins Meeting oder ins Gespräch musst, lautet der schnellste Tipp: tu einfach so. Das wirkt zunächst widersprüchlich, weil man ja gerade Angst hat, als Hochstapler entlarvt zu werden, und jetzt auch noch das Selbstvertrauen hochstapeln soll.

Der Punkt dahinter: Viele Menschen machen genau das, sie machen ein bisschen auf dicke Hose. Wer als Einziger nicht mitspielt, weil ihn der innere Zweifel bremst, fällt zurück, obwohl er vielleicht genauso fähig ist wie die Person, die laut sagt, sie sei die Coolste im Raum.

Wenn alle hochstapeln, darf das auch in deinen Spielregeln erlaubt sein. Du bremst dich sonst selbst aus, gegen niemanden außer dich.

Perfektionismus ist der Treibstoff, nicht die Lösung

Hinter dem Impostor-Syndrom steckt oft ausgeprägter Perfektionismus und die Angst vor dem Ausgestoßenwerden. Die Sorge ist nicht nur, einen Fehler zu machen, sondern dass die Gruppe einen bei der kleinsten Imperfektion auslacht und verstößt. Diese Angst macht das Phänomen so quälend, weil so viel Scham daran hängt.

Dabei übersieht man leicht, dass ein Zweier-Diplom ein Diplom ist. Wer den Führerschein erst im zweiten Versuch besteht, darf danach trotzdem Auto fahren. Nicht alles muss perfekt sein, damit es zählt.

Imperfektion verleiht Charakter. Perfekt symmetrische KI-Gesichter wirken ein bisschen gruselig, eine kleine Zahnlücke und ein schiefes Grinsen wirken sympathisch. Genauso ist es mit einem offenen, authentischen Auftreten, bei dem man auch mal auf die Nase fällt. Es ist kein Weltuntergang, Dinge nicht perfekt zu machen.

Was man dabei so gerne ausblendet, ist, dass jede kleine Imperfektion einfach Charakter verleiht und menschlich macht. (Sophie Küster)

Warum besonders Frauen in der IT betroffen sind

Nicht so richtig dazuzugehören ist einer der großen Faktoren für das Hochstapler-Syndrom. Wer augenscheinlich nicht zur Gruppe passt, fühlt sich schneller wie ein Eindringling, der jeden Moment auffliegt.

In der IT-Welt trifft das viele Frauen. Wenn die Umgebung männlich geprägt ist, fühlt man sich als Frau leicht verloren und gehört nicht offensichtlich dazu. Dazu kommt der zusätzliche Druck, sich doppelt anstrengen zu müssen, um nicht durch eigene vermeintliche Unfähigkeit gleich die ganze Gruppe bloßzustellen, die man unfreiwillig repräsentiert.

Die Urangst dahinter ist alt. Ausgestoßen werden bedeutete früher Gefahr. Der Kopf behandelt einen harmlosen Fehler so, als stünde die Zugehörigkeit auf dem Spiel.

Mach das Ganze zum Teamsport

Das Impostor-Syndrom lässt sich besser im Verbund angehen als allein. Schließ dich mit anderen Hochstaplern zusammen, schon eine gemeinsame Auskotz-Session entlastet, und du bekommst Tipps von Leuten, die dasselbe kennen.

Besonders nützlich wird das beim Eigenlob. Sich selbst zu loben oder Werbung für sich zu machen fällt vielen extrem schwer. Über andere zu sprechen ist viel leichter. Du sagst über jemand anderen: ich kenne diese brillante Sprecherin. Diese Person sagt dasselbe über dich. So lobt ihr euch gegenseitig, ohne dass jeder den unangenehmen Satz über sich selbst sagen muss.

Wer offen zugibt, dass er ein Problem hat und nicht weiterweiß, schafft Nähe. Aus dem gemeinsamen Reden über solche Themen entstehen Freundschaften, und Hilfe verbindet.

Mach dich über das Phänomen schlau

Wissen über das Hochstapler-Syndrom ist eines der stärksten Mittel dagegen. Allein das Wort zu lernen, kann viel verändern. Wer denkt, er sei verrückt, weil sein Hirn ihn überzeugt, jemand wolle ihm das Abitur wegnehmen, beruhigt sich, sobald er merkt: das Phänomen ist so häufig, dass es einen Namen hat. Also gibt es viele andere, denen es genauso geht.

Konkret heißt das: Bücher lesen, Podcasts hören, mit anderen darüber reden. Wer anfängt, sich einzulesen, erkennt plötzlich, wie viele eigene Gedanken Ausdruck genau dieses Musters sind.

Labels und Schubladen gelten oft als etwas Schlechtes, können aber heilsam sein. Wer sein Leben lang glaubt, ein schlechtes Pferd zu sein, fühlt sich befreit, wenn er merkt, dass er von Anfang an ein ganz normales Zebra war. Man wird nicht glücklich, wenn man weiter versucht, ein Pferd zu sein.

Externalisiere die innere Stimme und widersprich ihr

Eine wirksame Technik ist, das Hochstaplergefühl als eigene Stimme zu behandeln und ihr bewusst zu widersprechen. Mach dir klar, wann gerade diese Impostor-Stimme im Kopf spricht, und sag ihr dann: halt die Klappe, ich kann das, ich mache das jetzt.

Meist reicht der innere Widerspruch. Wer in eine Gedankenspirale rutscht, kann sich auch laut “stopp” sagen, um aus dem Strudel herauszukommen. Es klingt seltsam, hilft aber.

Auch Aufschreiben wirkt. Wenn du morgens deine Gedanken einfach runterschreibst, tauchen genau diese Sorgen auf: hoffentlich kommt keiner drauf. Sie auf Papier zu sehen, nimmt ihnen Gewicht. So schlimm ist es gar nicht.

Frag dich, was wirklich das Schlimmste passieren kann

Ein realistischer Maßstab entlarvt die übertriebene Angst. Spiel das Spiel “Was ist das Schlimmste, was passieren kann?” durch, eine Technik, die auch bei Angststörungen genutzt wird.

Vor einer Prüfung fühlt es sich an, als würdest du tot umfallen, wenn du durchfällst. Setz dich hin und denk es zu Ende: Wenn ich nicht bestehe, habe ich noch einen weiteren Versuch. Das ist machbar, kein Weltuntergang. Fast immer ist die Angst viel größer als das, was realistisch eintreten kann.

Die Angst hat einen sinnvollen Kern. Sie lässt den Wolf größer aussehen, und evolutionär war das nützlich: Unsere Vorfahren sind beim Säbelzahntiger weggelaufen, statt ihn niedlich zu finden. Nur galoppiert dieser Schutzmechanismus heute davon, wo gar keine Gefahr ist.

Das Hochstapler-Syndrom hat einen positiven Kern

Im Grunde will das Hochstapler-Syndrom etwas Gutes: dich davor schützen, dich zu blamieren. Es überzieht nur. In dieser Schutzlogik stecken zwei Denkfehler.

Der erste Denkfehler: Du wirst dich nicht blamieren, weil du die Sache, die du angehst, tatsächlich kannst. Du kannst den Podcast führen, sie kann den Vortrag halten. Die Kompetenz ist da.

Der zweite Denkfehler: Selbst wenn du etwas nicht kannst, ist das nicht bloßstellend und erniedrigend. Es ist menschlich, nicht alles perfekt zu beherrschen. An dieser Wurzel greift man das Phänomen an, indem man nachdenkt: Was ist eigentlich Erfolg, was ist Kompetenz, welche Erfolge hatte ich realistisch, und was bedeutet Scheitern für mich überhaupt?

Begriffe wie Erfolg und Scheitern sind selten klar definiert. Meint Erfolg dein Lebensglück, deinen finanziellen Stand, deine Zufriedenheit? Wer das für sich klärt, nimmt diesen Worten ihre diffuse Drohkraft.

Sei mutig und stürz dich rein

Der knappste Rat zum Schluss eines langen Themas lautet: Du bist nicht allein, du kannst das, du schaffst das, sei mutig und stürz dich rein.

Das Business besteht aus den Menschen, die es betreiben. Wer mit sich selbst beschäftigt ist, oft mehr als nötig, tut gut daran, über solche Themen offen zu sprechen, statt die Maske immer weiter zu polieren.

Häufig gestellte Fragen

Ist das Impostor-Syndrom eine psychische Erkrankung?

Nein. Es handelt sich um ein psychologisches Phänomen, nicht um ein Krankheitsbild und nicht um eine Diagnose. Betroffene halten ihre Erfolge, Talente und Abschlüsse für erschlichen und fürchten, dass jemand herausfindet, wie schlecht sie angeblich in dem sind, was sie sichtbar gut machen. Die Einordnung als Phänomen nimmt dem Thema Schwere: Wer es benennen kann, hört auf, sich für verrückt zu halten.

Warum erkennen Betroffene bei sich selbst oft nicht, dass es das Hochstapler-Syndrom ist?

Der Verstand baut sich eine Sonderregel. Nur die schlauen Leute, die fälschlich an sich zweifeln, hätten ein echtes Impostor-Syndrom, man selbst sei einfach tatsächlich nicht gut genug. Damit werden die eigenen Symptome zum Beweis der eigenen Unfähigkeit umgedeutet, und eine Selbsteinordnung wird systematisch unmöglich. Wer diesen Mechanismus durchschaut, wird das Gefühl nicht los, aber seine Autorität sinkt.

Was hilft kurzfristig, wenn man gleich auf die Bühne oder ins Meeting muss?

So tun, als hätte man das Selbstvertrauen. Das klingt widersprüchlich, wenn man ohnehin fürchtet, als Hochstapler aufzufliegen. Der Punkt: Viele machen ein bisschen auf dicke Hose. Wer als Einziger nicht mitspielt, weil der innere Zweifel bremst, fällt zurück, obwohl er genauso fähig ist wie die Person, die laut sagt, sie sei die Coolste im Raum.

Beeinflusst das Arbeitsumfeld, wer sich als Hochstapler fühlt?

Ja. Nicht so richtig dazuzugehören ist einer der großen Faktoren. Wer augenscheinlich nicht zur Gruppe passt, fühlt sich schneller wie ein Eindringling, der jeden Moment auffliegt. In männlich geprägten IT-Umgebungen trifft das viele Frauen, verstärkt durch den Druck, sich doppelt anstrengen zu müssen, um nicht die ganze Gruppe bloßzustellen, die man unfreiwillig repräsentiert.

Welche Rolle spielt Perfektionismus dabei?

Perfektionismus ist der Treibstoff, nicht die Lösung. Die Sorge ist nicht nur, einen Fehler zu machen, sondern dass die Gruppe einen bei der kleinsten Imperfektion auslacht und verstößt. Daran hängt viel Scham. Dabei ist ein Zweier-Diplom ein Diplom, und wer den Führerschein erst im zweiten Versuch besteht, darf danach trotzdem Auto fahren.

Warum fällt Eigenlob so schwer, und was hilft dagegen?

Über andere zu sprechen ist deutlich leichter als über sich selbst. Deshalb funktioniert Lob im Verbund: Du sagst über eine andere Person, du kennst diese brillante Sprecherin, und sie sagt dasselbe über dich. Niemand muss den unangenehmen Satz über sich selbst sagen. Schon der gemeinsame Austausch mit anderen Betroffenen entlastet und bringt Tipps von Leuten, die dasselbe kennen.

Wie geht man mit der inneren Stimme um, die einem die eigene Kompetenz abspricht?

Behandle sie als eigene Stimme und widersprich ihr bewusst. Mach dir klar, wann gerade die Impostor-Stimme spricht, und sag ihr: halt die Klappe, ich kann das, ich mache das jetzt. Meist reicht der innere Widerspruch, bei Gedankenspiralen hilft ein lautes “stopp”. Auch morgendliches Aufschreiben wirkt: Auf Papier verlieren die Sorgen an Gewicht.

Warum wirkt die Angst vor einer Blamage größer als die tatsächliche Folge?

Die Angst hat einen Schutzkern und lässt den Wolf größer aussehen, als er ist. Evolutionär war das nützlich, unsere Vorfahren sind beim Säbelzahntiger weggelaufen. Heute galoppiert der Mechanismus dort davon, wo keine Gefahr ist. Die Technik “Was ist das Schlimmste, was passieren kann?” korrigiert den Maßstab: Wer durch eine Prüfung fällt, hat noch einen Versuch.

Diese Seite teilen

Ähnliche Beiträge