Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg besteht aus vier Komponenten: Beobachtungen, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten. Beobachtungen beschreiben, was geschieht, ohne zu bewerten. Gefühle drücken eigenes Erleben aus. Bedürfnisse benennen, was dahintersteckt. Bitten formulieren klar, welche konkrete Handlung gebraucht wird.
Das Wichtigste in Kürze
- Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg besteht aus vier Komponenten: Beobachtungen, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten, aufgeteilt in ehrliches Sprechen und einfühlsames Zuhören.
- Bewertungen von Beobachtungen zu trennen verhindert Missverständnisse: Statt “Der Entwickler schiebt Dinge auf” besser konkret formulieren, dass der Code in den letzten zwei Sprints jeweils am letzten Sprint-Tag geliefert wurde.
- Aussagen wie “Du hast mich enttäuscht” verlagern die Verantwortung für eigene Gefühle auf andere; gewaltfreie Kommunikation fordert stattdessen “Ich war enttäuscht, weil ich dieses Gespräch gebraucht hätte.”
- Unklare Bitten führen zu Nichthandeln: Statt “Schick mir öfter Automatisierungsberichte” liefert eine konkrete Bitte, etwa montags, mittwochs und freitags, eine handlungsfähige Grundlage.
- Wer die Prinzipien der gewaltfreien Kommunikation täglich kurz liest, zum Beispiel vor schwierigen Meetings, verankert sie schrittweise im eigenen Kommunikationsverhalten.
Tester kommunizieren ständig: Kommunikation ist Kernarbeit, nicht Beiwerk
Wer testet, redet. Backlog-Refinement mit Entwicklern, Product Ownern und Architekten. Retrospektiven. Einzelgespräche mit Teammitgliedern oder dem Vorgesetzten. Fehlergespräche, in denen es schnell heikel wird. Selbst die Analyse von Automatisierungsergebnissen läuft über Austausch im Team.
Diese Kommunikationslast ist Teil des Jobs, kein Nebenschauplatz. Tester sitzen an einer Schnittstelle und sprechen mit fast allen Rollen im Projekt. Eine gute Kommunikationsmethode hilft genau hier: Sie gibt dir einen Rahmen, wenn die Lage angespannt ist und der erste Reflex daneben greift.
Marshall Rosenbergs Modell der gewaltfreien Kommunikation liefert so einen Rahmen. Maroš Kutschy hat es über ein Buch, ein Hörbuch und einen Audio-Workshop kennengelernt und auf typische Testsituationen übertragen.
Was ist gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg?
Gewaltfreie Kommunikation ist ein Modell aus vier Komponenten: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte. In dieser Reihenfolge baust du eine Aussage auf, ohne dein Gegenüber zu bewerten.
Das Modell hat zwei Seiten. Die erste ist das ehrliche Sich-Ausdrücken, also wie du selbst sprichst. Die zweite ist das einfühlsame Zuhören, also wie du aufnimmst, was andere sagen. Beide Seiten nutzen dieselben vier Komponenten.
“Gewalttätig” meint dabei nicht Lautstärke oder Aggression im Wortsinn. Gemeint ist das Bewerten. Sobald du jemanden beurteilst, statt zu beschreiben, was passiert ist, wird die Kommunikation in diesem Sinne gewaltvoll. Gewaltfrei heißt: beobachten und Beobachtung von Bewertung trennen.
Beobachten statt bewerten: die erste Komponente
Der erste Schritt ist, das Beobachtete zu benennen, ohne ein Urteil hineinzulegen. Tester rutschen leicht ins Bewerten, gerade wenn sie etwas an einen Vorgesetzten weitergeben.
Ein Beispiel: Ein Entwickler liefert seinen Code regelmäßig erst am letzten Tag des Sprints. Für dich heißt das, am letzten Freitag steht noch ein Test an, und wenn ein Problem auftaucht, ist der Entwickler schon im Wochenende.
Die bewertende Variante lautet: “John schiebt Dinge auf.” Das ist ein Urteil. Die beobachtende Variante lautet: “In den letzten beiden Sprints hat er seine Korrekturen am letzten Tag des Sprints zum Testen bereitgestellt.” Diese zweite Form gibt deinem Vorgesetzten eine Information, mit der er arbeiten kann, statt eine Etikettierung der Person.
Gefühle benennen, nicht Wahrnehmungen verkleiden
Die zweite Komponente sind echte Gefühle. Der Haken: Vieles, was wie ein Gefühl klingt, ist keins, sondern eine Deutung des Verhaltens anderer.
Nimm ein Refinement, in dem du als Tester eine Story an der Definition of Done misst und sie nicht ausreichend vorbereitet findest. Du bittest den Product Owner, beim nächsten Mal vorbereitet zu kommen, aber Entwickler und Product Owner winken ab und wollen die Fragen während des Sprints klären.
Die scheinbare Gefühlsaussage lautet dann: “Ich fühle mich in den Refinements ignoriert.” Ignoriert zu sein ist kein Gefühl, sondern deine Interpretation, wie andere auf dich reagieren. Ein echtes Gefühl zu benennen, fällt Testern oft schwer, weil ihre Arbeit technisch geprägt ist. Trotzdem trägt das ausgesprochene Gefühl weiter als die verkleidete Wahrnehmung.
Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen
Die dritte Komponente sind die Bedürfnisse hinter den Gefühlen. Der Kern: Du übernimmst Verantwortung für dein Gefühl, statt es jemand anderem zuzuschieben.
Beispiel: Du willst ein neues Automatisierungstool einführen, weg vom alten Java-Framework mit Selenium, hin zu Cypress oder Playwright. Du hast einen Proof of Concept gebaut und ein Meeting mit dem Testarchitekten organisiert. Er kommt nicht.
Die abwälzende Variante lautet: “Du hast mich enttäuscht, weil du nicht gekommen bist.” Damit machst du dein Gefühl zur Schuld des anderen. Die verantwortungsvolle Variante dreht den Satz: “Ich war enttäuscht, weil ich ein paar offene Fragen mit dir klären musste.” Aus “du hast mich enttäuscht” wird “ich war enttäuscht”, gekoppelt an das, was du gebraucht hättest.
Das verlangt eine andere Denkweise über sich selbst. Für Außenstehende wirkt es zunächst seltsam, für die eigenen Gefühle geradezustehen. Es braucht Offenheit, das auszusprechen, was man wirklich braucht.
Wie formulierst du eine klare Bitte?
Eine Bitte ist klar, wenn das Gegenüber genau weiß, welche Handlung dein Bedürfnis erfüllt. Vage Wünsche lassen offen, was konkret zu tun ist.
Ein Testmanager braucht mehr Automatisierungsberichte. Die unklare Bitte lautet: “Ich würde mich freuen, wenn du mir öfter Berichte schickst.” Was “öfter” heißt, bleibt im Dunkeln. Die klare Bitte benennt die Handlung: “Schick mir die Automatisierungsberichte montags, mittwochs und freitags.”
Tester verlangen Klarheit in ihren Anforderungen, bevor sie testen. Dieselbe Klarheit lohnt sich in der eigenen Kommunikation. Eine konkrete Bitte erspart der anderen Person das Rätselraten.
Die vier Komponenten im Überblick, jeweils mit der schwachen und der gewaltfreien Variante:
| Komponente | Schwache Variante | Gewaltfreie Variante |
|---|---|---|
| Beobachtung | ”John schiebt Dinge auf." | "In den letzten beiden Sprints lieferte er am letzten Tag.” |
| Gefühl | ”Ich fühle mich ignoriert." | "Ich war enttäuscht.” |
| Bedürfnis | ”Du hast mich enttäuscht." | "Ich war enttäuscht, weil ich offene Fragen klären musste.” |
| Bitte | ”Schick mir öfter Berichte." | "Schick mir Berichte montags, mittwochs und freitags.” |
Zuhören heißt, mit dem ganzen Wesen dabei zu sein
Die zweite Seite des Modells ist das einfühlsame Zuhören, und es nutzt dieselben vier Komponenten. Empathie heißt hier: ganz präsent sein, den anderen nicht unterbrechen und bis zum Schluss zuhören.
Bestimmte Reflexe sabotieren das Zuhören. Einer davon ist das Storytelling. Ein Kollege schildert dir Probleme mit seinem Proof of Concept, du hörst kurz zu und unterbrichst dann mit eigenen Geschichten, um dich als erfahrenen Tester zu zeigen, etwa: “Vor zehn Jahren hatte ich ähnliche Probleme mit HP UFT.”
In dem Moment will dein Gegenüber das nicht hören. Solche Einwürfe verschieben den Fokus von seinem Anliegen zu deiner Erfahrung. Zuhören bedeutet, da zu sein, statt die Bühne zu übernehmen.
Die Theorie kennen reicht nicht: der Autopilot schlägt zurück
Das Modell zu kennen und es im echten Moment anzuwenden, sind zwei verschiedene Dinge. In realen Situationen vergisst man die Theorie leicht und handelt im Autopilot, der genau diesen Prinzipien widerspricht.
Üben lässt sich das in kleinen Schritten. Bei Einzelgesprächen still bleiben und zuhören, Fragen im Kopf formulieren und erst stellen, wenn die andere Person ausgeredet hat. Hinterher eine kurze Rückschau halten: War meine Bitte klar genug? Habe ich erklärt, was genau zu tun ist?
Dabei stellt sich eine Frage, auf die das Modell keine fertige Antwort gibt: Wo verläuft die Grenze zwischen zu detailliert und nicht detailliert genug? Diese Balance musst du im konkreten Fall selbst austarieren.
Ein praktischer Anker hilft gegen den Autopilot. Vor dem Hochfahren des Rechners ein bis zwei Minuten in einem Buch lesen. Vor einem Gespräch, von dem du weißt, dass es schwierig wird, kurz die passende Stelle nachlesen. So holst du dir das Prinzip ins Bewusstsein, bevor der Reflex übernimmt.
Man kennt die Theorie, aber wenn es um echte Situationen geht, vergisst man manchmal alles und handelt einfach wie im Autopilot-Modus, was diesem Prinzip widerspricht. — Maroš Kutschy
Tester arbeiten ständig mit unterschiedlichen Meinungen und vielen Kommunikationspartnern. Offen und einfühlsam gegenüber den Menschen ringsum zu sein, ist deshalb keine weiche Zusatzqualität, sondern Teil guter Testarbeit.


