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Aus Fehlern lernen: Erst spüren, dann analysieren

Aus Fehlern lernen gelingt erst, wenn der Ärger verarbeitet ist. Dann helfen die fünf Warum, und der Vergleich mit dem früheren Ich zeigt Wachstum.

• • Aktualisiert: • 11 Min. Lesezeit
Cover zum Expertengespräch über 'Aus Fehlern lernen: Erst spüren, dann analysieren' mit Natalia Romanska und Richard Seidl.

Aus Fehlern lernen heißt im Beruf, jeden Fehler als Fallstudie zu behandeln und nicht als Anlass für Schuldzuweisungen. Der Weg hat drei Schritte: zuerst die Emotionen zulassen, dann mit klarem Kopf analysieren, was schiefgelaufen ist, und schließlich anerkennen, dass jeder Fehler ein eigener Fall mit eigenen Lehren ist. Wer sich mit seinem früheren Ich vergleicht, erkennt seinen echten Fortschritt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Einen Fehler ohne Emotionen zu analysieren, ist die Voraussetzung dafür, brauchbare Lehren daraus zu ziehen: Zuerst kommen Trauer und Reaktion, die Analyse folgt, wenn sich die Gefühle gelegt haben.
  • Jeder Fehler ist ein eigener Fall mit eigenen Einflussfaktoren. Ein allgemeingültiges Muster gibt es nicht, jeder Vorfall braucht seine eigene Ursachenanalyse statt einer wiederverwerteten Lösung.
  • Der Vergleich mit dem eigenen früheren Ich zeigt echtes Wachstum genauer als der Vergleich mit anderen, deren sichtbarer Erfolg nur einen Bruchteil ihrer tatsächlichen Erfahrung ausmacht.
  • Selbstwahrnehmung braucht aktiven Input von außen, auch regelmäßiges Feedback von Vorgesetzten und Kollegen, denn persönliche Voreingenommenheit verhindert selbst nach vielen Berufsjahren eine ehrliche Selbsteinschätzung.
  • Wer eine Tätigkeit nach einem schmerzhaften Fehler ganz meidet, wie Natalia Romanska das Sprechen auf der Bühne, nachdem sie dort fast ohnmächtig geworden war, hat den Fehler noch nicht vollständig verarbeitet.

Warum Fehlergeschichten mehr lehren als Erfolgsgeschichten

Wer aus Fehlern lernen will, findet auf Konferenzen und in den sozialen Netzwerken wenig Material, denn dort geht es meist um das, was gut gelaufen ist. Dabei lehren die schmerzhaften Geschichten oft mehr. Natalia Romanska hat genau deshalb einen Vortrag über ihre eigenen Fehler gehalten: Die Momente, in denen sie sich reihenweise an die Stirn gefasst hat, enthielten die nützlichsten Lektionen.

Der Reflex, nur Erfolge zu teilen, ist verständlich. Wir polieren unser berufliches Image, auf der Bühne wie auf LinkedIn. Der Preis: Neuere Tester und Entwickler sehen einen Strom von Glanzmomenten und glauben, alle anderen hätten längst alles im Griff.

Jeder, der sichtbar ist und viele Follower hat, hat auf dem Weg dahin jede Menge Fehler gemacht. Der Erfolg, den du siehst, ist ein Zehntel der Geschichte, vielleicht weniger. Hältst du diesen Bruchteil für das ganze Bild, verzerrt das den Blick auf deinen eigenen Fortschritt.

Was es wirklich braucht, um aus Fehlern zu lernen

Aus einem Fehler zu lernen, beginnt mit Selbstwahrnehmung: mit der Bereitschaft anzuerkennen, dass du vielleicht etwas falsch gemacht hast. Das ist der unangenehme Teil, und genau hier hören die meisten auf.

Es ist leichter, auf den Prozess zu zeigen oder auf jemanden, der nicht geliefert hat. Wer die Schuld bei der Situation sucht, blendet den eigenen Anteil aus. Es geht dabei nicht um Selbstvorwürfe, sondern um eine ehrliche Analyse: Was hast du getan, und welche Rolle hat dein Handeln gespielt?

Verantwortung übernehmen heißt, das Unbehagen auszuhalten. “Ich hätte das anders machen sollen” auszusprechen, ist schwer, sogar vor dir selbst. Dieser Satz ist der Einstieg ins Wachstum, kein Urteil über dich.

Warum Emotionen und Analyse getrennt gehören

Trenne die Gefühle von der Analyse. Fühl erst, was du fühlst, und geh das Problem dann an, wenn du es nüchtern betrachten kannst.

Natalia ist bei dieser Reihenfolge sehr klar. Gib dir Zeit, den Schlag zu verdauen, trauere, wein, wenn es so kommt. Sobald die emotionale Last beiseitegelegt ist, wird die Analyse klarer, und die Lehren lassen sich leichter ziehen.

Ein praktisches Werkzeug dafür sind die fünf Warum. Frag, warum der Fehler passiert ist, dann frag noch einmal warum, Schicht für Schicht. Und behandle das Ganze als Fallstudie, nicht als Anklage gegen dich selbst.

Ein 4.000-Euro-Fehler und was er gelehrt hat

Natalias erster großer Fehler im Beruf passierte, bevor sie Testerin wurde. Sie arbeitete als Buchhalterin und betreute Fördermittel für eine Nichtregierungsorganisation. Das Thema war neu für sie, und sie hatte noch keine Erfahrung damit, wie die Fördermittelbuchhaltung parallel zu den üblichen Monats- und Jahresabschlüssen läuft.

Nachdem sie den Jahresbericht beim Fördergeber eingereicht hatte, entdeckte sie einen Fehler von rund 70.000 Złoty, mehr als 4.000 Euro. Wie der Inflationsausgleich funktioniert, hatte sie nicht gewusst. Sie malte sich aus, wie viele Jahre sie das Geld abstottern müsste und wie sehr der Ruf des Buchhaltungsbüros bei den Kunden leiden könnte.

Dann stellte sich heraus, dass der Fördergeber einen Fehler in ähnlicher Höhe gemacht hatte, und die Differenz hob sich auf. Gerettet hat sie das Glück, nicht das Können. Die Lektion blieb trotzdem: In den folgenden sechs Jahren Lohnabrechnung und Reporting passierte ihr kein vergleichbarer Fehler mehr, weil sie gelernt hatte, worauf sie achten und wann sie nachfragen musste.

Zwei Dinge nahm sie aus diesem Fall mit. Einarbeitung und Nachfragen zählen am meisten, wenn du neu bist oder in ein unbekanntes Thema einsteigst. Und das Unbehagen einer Beinahe-Katastrophe schärft die Aufmerksamkeit, wie es keine Warnung je könnte.

Jeder Fehler ist ein eigener Fall

Ein allgemeingültiges Muster, um aus Fehlern zu lernen, gibt es nicht, weil jeder Fall andere Faktoren mitbringt. Du kannst zweimal auf ein ähnliches Thema stoßen und beim zweiten Mal trotzdem eine neue Analyse brauchen.

Der Grund ist einfach. Jedes Mal bist du ein anderer Mensch mit anderer Erfahrung, arbeitest in einem anderen Prozess und hast andere Leute um dich, die ihre eigenen Fehler machen. Was du beim letzten Mal gelernt hast, passt jetzt vielleicht nicht mehr.

Die Methode ist also Wiederholung, keine Formel. Analysiere jeden Fehler für sich. Merkst du, dass derselbe Fehler unter denselben Bedingungen immer wieder auftaucht, ist das ein Signal: Dort braucht es mehr Aufmerksamkeit oder einen anderen Ansatz.

Wie du Selbstwahrnehmung gezielt aufbaust

Selbstwahrnehmung ist das Fundament, und du kannst sie bewusst entwickeln, statt darauf zu warten, dass sie von allein kommt. Fang damit an, deinen Persönlichkeitstyp zu verstehen, und zwar über die einfache Vier-Farben-Einteilung hinaus, etwa mit einem Test zu den sechzehn Persönlichkeiten. Beobachte dann, wie sich dieser Typ in deiner Arbeit zeigt.

Ergänze die Selbsteinschätzung um Rückmeldungen von außen. Natalia arbeitet eng mit ihren Vorgesetzten zusammen und fragt regelmäßig nach Feedback: Was macht sie gut, was kann sie verbessern, wo liegen ihre Talente? Ein Stärken-Tool wie Gallup hilft dir, deine Stärken zu benennen und zu entscheiden, wo du investierst.

Achte auch auf deine Vorurteile. Natalia hatte als QA lange etwas gegen Automatisierung und wollte gar nicht erst damit anfangen. Als sie das überwunden hatte, stellte sie fest, dass sie auch in diesem Bereich solide Arbeit leisten kann, ohne gleich eine Virtuosin zu sein. Im Weg stand das Vorurteil, nicht die Fähigkeit.

“Je mehr Feedback du bekommst, desto besser für dich. Aber selbst Feedback anzunehmen, ist knifflig, weil wir gern Gutes hören und nicht unbedingt das, was wir verbessern können.”

(Natalia Romanska)

Feedback anzunehmen, ist eine eigene Fähigkeit. Selbst zwanzig Jahre Erfahrung können dich voreingenommen machen. Umso wertvoller ist es, offen zu bleiben für das, was andere dir sagen.

Vergleich dich nur mit deinem früheren Ich

Miss deinen Fortschritt an der Person, die du früher warst, nicht an anderen. Dieser Vergleich ist fair, und er zeigt dir Wachstum, das dir sonst entgehen würde.

Schau zurück, wie du eine Situation mit ein oder zwei Jahren Erfahrung gelöst hast, dann mit fünf, dann mit zehn. Die Fälle unterscheiden sich, aber du siehst, wie sich dein Denken verändert hat und wie du heute auf Konflikte reagierst. Diese sichtbare Veränderung ist ein Ansporn, weiter aus Fehlern zu lernen.

Der Vergleich mit anderen, vor allem auf Social Media, verzerrt das Bild. Du siehst einen kuratierten Ausschnitt ihrer Karriere, nicht die Fehler dahinter. Dich an diesem Ausschnitt zu messen, sagt dir nichts Brauchbares.

Soft Skills und Hard Skills wachsen zusammen

Wer sich beruflich voll entwickeln will, braucht die fachliche und die menschliche Seite gleichermaßen. Bist du bei den harten Themen stark, tust dich aber mit Kommunikation schwer, bist du einseitig aufgestellt, und umgekehrt gilt das genauso.

Auf Konferenzen, Meetups und in beruflichen Netzwerken spricht die Branche oft über Kommunikation und menschliche Faktoren. Dieses Gespräch lohnt sich. Verbinde Prozesswissen und technisches Können mit den weicheren Fähigkeiten und sieh beides als Teil desselben Entwicklungswegs.

Was du tun kannst, wenn dir ein Fehler passiert

Wenn ein Fehler passiert, hilft eine kurze Abfolge, die alles zusammenführt.

SchrittWas du tust
VerarbeitenGefühle zulassen, dir Zeit geben, sie dann beiseitelegen
AnalysierenNüchtern untersuchen, was passiert ist, die fünf Warum fragen, den Fall als Fallstudie behandeln
Perspektive holenFreunde, Vorgesetzte oder eine Selbsthilfegruppe einbeziehen, die mehr Abstand haben
Kontrolle trennenKlären, was du ändern konntest und was außerhalb deiner Kontrolle lag
MitnehmenDie konkreten Lehren notieren, im Wissen, dass der nächste Fall anders sein wird

Andere einzubeziehen, bringt Objektivität. Sie steckten nicht in der Situation und können dir bei der Analyse helfen, nachdem du Dampf abgelassen hast. Zu wissen, was außerhalb deiner Kontrolle lag, ist genauso wichtig, wie den eigenen Anteil anzunehmen.

Überstandene Fehler tragen weiter als jede Warnung

Ein Fehler, den du überstanden hast, kann wieder aufbauen, was die Angst blockiert hat. Natalia wurde bei ihrem dritten Vortrag überhaupt auf der Bühne fast ohnmächtig und beschloss, nie wieder zu sprechen. Stattdessen analysierte sie, was schiefgelaufen war, und stellte fest, dass es half, vorher etwas zu essen und Snacks oder Nüsse dabeizuhaben. Die Angst hielt sie noch eine Weile davon ab, Vorschläge bei Call for Papers einzureichen, aber sie kam zurück auf die Bühne und ans Mikrofon.

Dieser Bogen ist das ganze Argument. Die Entscheidungen, die du nicht wiederholen würdest, sind zugleich die Quelle der Erfahrung, die du heute hast. Nimm das eine weg, und du verlierst das andere.

In einem Beruf, der global stattfindet, in internationalen Unternehmen, mit kulturellen Unterschieden, verschiedensten Teams und dem Abstand zwischen Startup und Konzern, zählt diese Widerstandskraft. Je besser du dich selbst und dein Umfeld kennst, desto besser gehst du mit dem um, was du nicht vorhersehen kannst.

Häufig gestellte Fragen

Ist es normal, sich zurückgelassen zu fühlen, wenn alle anderen ihre Karriere scheinbar schon im Griff haben?

Der sichtbare Erfolg erfahrener Fachleute macht nur etwa ein Zehntel der Geschichte aus, oft sogar noch weniger. Vorträge auf Konferenzen und Beiträge in sozialen Medien konzentrieren sich meist auf das, was gut gelaufen ist, sodass neue Tester und Entwickler nur eine Aneinanderreihung von Höhepunkten sehen und annehmen, dass es keine Fehler gab. Jeder, der öffentlich präsent ist und viele Follower hat, hat auf seinem Weg jede Menge Fehler gemacht.

Bedeutet es, sich selbst die Schuld zu geben, wenn man Verantwortung für einen Fehler übernimmt?

Nein. Der Fokus liegt auf einer ehrlichen Analyse dessen, was du getan hast und welche Rolle dein Handeln gespielt hat, nicht auf Selbstvorwürfen. Wenn du dem Prozess oder einem Kollegen die Schuld gibst, der seine Leistung nicht erbracht hat, blendet das deinen eigenen Beitrag aus. Zu sagen „Ich hätte das anders machen sollen“ ist unangenehm, dient aber eher als Ausgangspunkt für Wachstum als als endgültiges Urteil.

Solltest du einen Fehler sofort nach seinem Auftreten analysieren?

Nein. Lass die Emotionen erst einmal zu, gib dir Zeit, den Schlag zu verdauen, trauere darum, weine, wenn es dir so geht. Erst wenn die emotionale Last beiseite gelegt ist, wird die Analyse klar genug, um Lehren daraus zu ziehen. Ein nützliches Hilfsmittel an dieser Stelle sind die „fünf Warum“: Frag, warum der Fehler passiert ist, und frag dann erneut, Schicht für Schicht.

Wenn dieselbe Art von Problem zweimal auftritt, kannst du dann die Erkenntnis vom letzten Mal wiederverwenden?

Nicht zuverlässig. Jeder Fall hat andere Einflussfaktoren, daher ist selbst bei einem vertrauten Thema eine neue Analyse erforderlich. Du bist ein anderer Mensch mit anderen Erfahrungen, in einem anderen Prozess, umgeben von anderen Menschen, die ihre eigenen Fehler machen. Wenn derselbe Fehler unter denselben Bedingungen immer wieder auftritt, ist das ein Signal, diesem Bereich mehr Aufmerksamkeit zu schenken oder einen anderen Ansatz zu versuchen.

Wie bekommst du ein ehrliches Bild von deinen eigenen Stärken und blinden Flecken?

Selbstbewertung allein reicht nicht aus, da persönliche Voreingenommenheit dies verhindert. Kombiniere sie mit regelmäßigem Feedback von Vorgesetzten und Kollegen darüber, was du gut machst und was du verbessern kannst. Wenn du deinen Persönlichkeitstyp über die einfache Einteilung in vier Farben hinaus verstehst und ein Stärken-Tool wie Gallup nutzt, kannst du besser benennen, worin du gut bist. Selbst zwanzig Jahre Erfahrung können dich voreingenommen machen.

Ist es sinnvoll, sich mit anderen Fachkräften zu vergleichen, um Fortschritte zu messen?

Nein. Der Vergleich mit anderen, besonders auf sozialen Plattformen, zeigt nur einen kuratierten Ausschnitt einer Karriere, ohne die Fehler dahinter. Vergleiche dich stattdessen mit deinem früheren Ich: Wie bist du mit einer Situation umgegangen, als du ein oder zwei Jahre Erfahrung hattest, dann mit fünf, dann mit zehn? Die Veränderung in deiner Denkweise und in deiner Reaktion auf Konflikte wird sichtbar.

Was bedeutet es, wenn du nach einer schlechten Erfahrung mit einer bestimmten Tätigkeit anfängst, diese zu meiden?

Vermeidung ist ein Signal dafür, dass der Fehler noch nicht vollständig verarbeitet wurde. Natalia Romanska wäre bei ihrem dritten Vortrag auf der Bühne fast in Ohnmacht gefallen und beschloss, nie wieder zu sprechen. Sie analysierte, was schiefgelaufen war, stellte fest, dass es half, vorher etwas zu essen und Snacks oder Nüsse dabei zu haben, und kehrte auf die Bühne zurück, auch wenn die Angst ihre Vorhaben eine Zeit lang blockierte.

Wen solltest du einbeziehen, wenn du einen Fehler aufarbeitest?

Beziehe Freunde, Vorgesetzte oder eine Selbsthilfegruppe mit ein, nachdem du Dampf abgelassen hast. Da sie nicht mitten in der Situation steckten, bringen sie Objektivität in die Analyse ein. Ihre Perspektive hilft dir auch dabei, zu unterscheiden, was du selbst ändern konntest und was außerhalb deiner Kontrolle lag. Das Zweite zu erkennen ist genauso wichtig wie das Erste anzunehmen.

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