Qualität ist kein Zufall
Qualität als Haltung zu leben, nicht nur Testfälle zu schreiben: Warum das den Unterschied macht und was 150 Podcast-Folgen darüber lehren.

Qualität als Haltung bedeutet, dass Software-Qualität nicht durch bloßes Abarbeiten von Testfällen entsteht, sondern durch eine gelebte Praxis im gesamten Team. Drei Faktoren tragen dazu bei: Testgrundlagen, Testautomatisierung und menschliche Haltung. Gute Tester kennen Methoden wie Äquivalenzklassen oder Grenzwertanalyse, können KI-generierte Ergebnisse bewerten und kommunizieren aktiv mit allen Projektbeteiligten.
Das Wichtigste in Kürze
- Qualität als Haltung bedeutet, dass gute Tester Qualität nicht operationalisieren müssen, sondern sie einfach leben: sie können gar nicht mehr sagen, wie viel sie testen, weil es selbstverständlich geworden ist.
- Testgrundlagen bleiben unverzichtbar, weil auch wer KI-generierte Testfälle einsetzt, die fachliche Urteilsfähigkeit braucht, um zu bewerten, ob das Ergebnis tatsächlich etwas taugt.
- Softwarequalität ist People Business: Vertrauen in Testergebnisse entsteht durch Menschen, die mit ihrem Namen für einen Testbericht einstehen, nicht durch automatisierte Systeme.
- Der Podcast Software Testing entstand aus einer Blog-Serie zum Thema Future of Testing, die zwei Gesprächspartner lieber per Videocall bestritten statt Texte zu schreiben, was das Interviewformat als Idee auslöste.
- Tester gelten oft als Zentrale für Projektwissen: Andere Rollen kommen zu ihnen, um erklären zu lassen, wie die eigene Anwendung funktioniert, weil Tester durch ihre Querfragen besonders breit vernetzt sind.
Qualität als Haltung schlägt Qualität als Aufgabenliste
Qualität wirkt am stärksten, wenn ein Team sie lebt, statt sie abzuarbeiten. Richard Seidl beschreibt einen Unterschied, der in Projekten entscheidet, ob Testen funktioniert: Ein Team, das Testfälle schreibt, Skripte pflegt und Testdaten einspielt, arbeitet auf einer anderen Ebene als ein Team, für das Qualität selbstverständlich dazugehört.
Diese Haltung erkennt man an einer simplen Probe. Fragst du Teammitglieder, die Qualität wirklich verankert haben, wie viel sie testen, können sie es oft gar nicht beantworten. Testen ist für sie kein abgegrenzter Arbeitsschritt mehr, sondern Teil dessen, was sie ohnehin tun.
Der Weg dorthin führt über den Menschen, nicht über die Methode. Richard kam darauf, als er als Fachberater in ein Projekt kam und Methoden vorschlug. Die Reaktion: “Du erzählst mir jetzt mal gar nichts.” Aus dieser Erfahrung entstand die Beschäftigung mit Coaching, mit Bedürfnissen, Werten und Glaubenssätzen. Ein Tester ist eben nicht nur jemand, der Testfälle durchführt, sondern ein Mensch, der in seiner Arbeit abgeholt werden will.
Warum gute Tester kommunikativ sein müssen
Testen ist eine kommunikative Tätigkeit, kein Rückzugsjob für den introvertierten Nerd. Wer testet, läuft mit einem Fragenkatalog durch das Projekt, braucht Informationen und nervt damit zwangsläufig.
Genau daraus entsteht eine Position, die viele unterschätzen. Tester und Testmanager sind oft hervorragend vernetzt, behalten den Überblick über das gesamte Projekt und werden zum Single Point of Truth. Kollegen kommen zu ihnen, um sich erklären zu lassen, wie etwas funktioniert.
Diese Rolle braucht andere Fähigkeiten als reine Technik. Der soziophobe Nerd tut sich hier schwer, weil der Job verlangt, rauszugehen und zu fragen. Im Gegenzug öffnet sich das Feld für Quereinsteiger: Menschen mit künstlerischem oder anderem akademischem Hintergrund landen im Testing und bereichern die Disziplin.
Die drei Standbeine: Grundlagen, Automatisierung, Haltung
Gutes Testen ruht auf drei Beinen: soliden Testgrundlagen, Testautomatisierung und der Qualitätshaltung im Team. Keines ersetzt das andere.
Die Grundlagen bleiben unverzichtbar, gerade mit Blick auf KI. Wer eine Äquivalenzklassenmethode kennt und weiß, was Grenzwerte sind, kann bewerten, ob die Testfälle taugen, die ihm eine KI ausspuckt. Ohne dieses Fundament fehlt der Maßstab.
Die Basics gehören nicht nur den Testern. Auch Entwickler, Product Owner und UX-Designer sollten wissen, was auf welcher Teststufe getestet wird, weil Qualität von allen getragen werden soll. Hier liegt viel ungenutztes Potenzial: Teams machen ein Foundation-Level und wenden das Gelernte trotzdem nicht an. Zwischen Wissen und Praxis klafft eine Lücke.
Ein Zertifikat macht niemanden zum guten Tester. Aber es liefert ein Fundament, gemeinsame Begriffe und Methoden. Erst Erfahrung und der menschliche Zusammenhang machen daraus gute Tester. Es ist kein Entweder-oder, sondern komplementär.
Testqualität ist People Business
Testen schafft vor allem eines: Vertrauen. Und Vertrauen ist menschlich gebunden. Niemand vertraut bisher einer Maschine, dass sie sauber testet.
Es geht darum, Vertrauen zu schaffen. Da will man jemanden haben, der als Mensch da ist und sagt: Ich schreibe diesen Testbericht, ich mache die Tests, ich kann das bewerten, und dann unterschreibe ich auch mit meinem Namen. Richard Seidl
Durch KI bekommt der Tester eher mehr Wertschätzung, nicht weniger. Die Bewertung von Ergebnissen, die Kommunikation, die Verantwortung mit dem eigenen Namen: Das bleibt menschliche Arbeit. Aus Qualitätssicht ist es keine gute Idee, den Menschen herauszunehmen.
Wie sich der menschliche Faktor wieder nach vorne schiebt
Der Mensch gewinnt gerade an Bedeutung zurück. Krisen prasseln in Echtzeit auf uns ein und belasten viele. Doch parallel wächst die Wertschätzung für das Direkte und Persönliche, ähnlich wie nach der Pandemie, als sich Treffen, Gespräche und ein gemeinsames Bier plötzlich wieder wertvoll anfühlten.
In Projekten zeigt sich derselbe Pendelschlag. Trotz wachsender Automatisierung rückt die Frage wieder in den Vordergrund, wie es dem Team eigentlich geht und wie es besser kommuniziert. Raus aus der Bubble, in der die eigene Meinung als die einzig richtige gilt, zurück in den Diskurs, der andere Meinungen zulässt.
Die Sorge, ob KI Tester ersetzt, ist dabei kein testspezifisches Problem. Es ist die größere Frage, wie wir mit Technologie umgehen. Und an manchen Stellen merken Organisationen gerade neu, wie wichtig der Mensch tatsächlich ist.
Teststrategien stressen, statt Dokumente verwalten
Eine Teststrategie wird besser, wenn man sie unter Druck setzt. Der wirksamste Ansatz in der Praxis: die vorhandene Strategie eines Teams in einem Workshop challengen und herausfinden, wo es hängt und was nicht funktioniert.
Das Ergebnis ist greifbar. Nach einem Tag stehen konkrete Stellschrauben fest, an denen das Team wirklich etwas bewegen kann, in der Entwicklung oder dort, wo es klemmt. Das schlägt jedes Vollzeit-Testmanagement-Mandat, das nur verwaltet.
Daneben steht die persönliche Begleitung. Einen Tester oder Testmanager über eine Zeit als Mentor zu begleiten heißt herauszufinden, wo er persönlich struggelt und woran es hakt. Diese Arbeit am Menschen und die Arbeit an der Strategie greifen ineinander.
Was Richard seinem jüngeren Ich raten würde
Der wichtigste Rat: früher trauen, Fragen zu stellen. Aktives Fragen im Projekt und im eigenen Umfeld ist eine Kernkompetenz im Testen.
Am Anfang seiner Laufbahn versteckte sich Richard hinter dem Testmanager und ließ Fragen über ihn klären, statt selbst mit den Leuten zu reden. Heute würde er proaktiver reingehen. Wenn unklar ist, was etwas bedeutet, fragt man nach, statt es auszusitzen.
Vieles musste er sich als Autodidakt selbst beibringen, vom Programmieren bis zu den Methoden. Dass es Tester als Rolle überhaupt gibt, war ihm zu Beginn gar nicht klar. Auch darin liegt eine Aufgabe für die Disziplin: sichtbar machen, dass dieser Beruf existiert.
Warum aus einem Podcast zwei wurden
Aus dem Wunsch, Wissen breit in die Community zu bringen, entstand ein wöchentliches Interview-Format statt aufwendiger Solo-Folgen. Die Idee reifte aus zwei Video-Gesprächen, die mehr Spaß machten als gedacht, und mündete im April 2023 in der ersten Folge mit dem Titel “Qualität als Haltung”. Inzwischen sind über 150 Folgen erschienen.
Der zweite Podcast löste ein Feedback-Problem. Englische Folgen im deutschen Stream spalteten die Hörer: Die einen wollten mehr internationale Stimmen, die anderen fühlten sich beim Autofahren ausgebremst, weil sie nichts verstanden. Die Lösung ist ein Spin-off, der die englischen Folgen donnerstags bündelt, während der deutsche Podcast dienstags erscheint.
Auch die Gäste unterscheiden sich je nach Sprachraum. Im deutschsprachigen Raum dreht sich ein Gespräch meist um einen klaren Aspekt wie BDD, DevOps oder Acceptance Testing. International wollen Gäste eher ihre Lebensweisheiten teilen, was sich schwerer auf ein Thema festnageln lässt.
Gut angenommen werden die Folgen abseits des reinen Testens. Themen wie psychische Gesundheit, das Impostor-Syndrom oder Stoizismus in den Kontext der Branche zu übersetzen, bringt einen frischen Blickwinkel und positives Feedback aus der Community.
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