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Der neue ISTQB CTFL 4.0

Zwei Jahre Arbeit, ein internationales Team, eine komplett überarbeitete Basis: Was sich im ISTQB Foundation Level 4.0 wirklich geändert hat.

7 Min. Lesezeit
Cover für Der neue ISTQB CTFL 4.0

Der ISTQB Certified Tester Foundation Level 4.0 ist die grundlegende Basiszertifizierung im Softwaretest, vollständig überarbeitet, um klassische und agile Entwicklungswelten zu vereinen. Zentrale Neuerung: Testen wird als Tätigkeit des gesamten Teams verstanden, nicht als Aufgabe einer einzelnen Rolle. Bestehende Zertifikate behalten ihre Gültigkeit ohne Ablaufdatum.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der ISTQB Foundation Level 4.0 vereint erstmals klassische Vorgehensmodelle wie Wasserfall und V-Modell mit agilen Ansätzen in einem einzigen Lehrplan, weil beide Welten in der Praxis weiterhin nebeneinander existieren.
  • Der Begriff “Testmanager” wurde durch die “Rolle des Testmanagements” ersetzt, weil im agilen Whole-Team-Ansatz das gesamte Team Verantwortung für Qualität trägt, nicht eine einzelne Person.
  • Eine Zertifizierung nach dem neuen Foundation Level 4.0 öffnet alle weiterführenden Pfade: Spezialisten-Lehrpläne, Advanced Level und den Agile-Pfad.
  • Die deutsche Übersetzung entstand in einer ehrenamtlichen Zusammenarbeit von Österreich, Schweiz und Deutschland mit rund 10 bis 15 Beteiligten, die neben dem Lehrplan auch Glossar und Musterprüfungen angepasst haben.

Warum der Foundation Level überarbeitet wurde

Der Certified Tester Foundation Level des ISTQB war nicht mehr auf dem Stand der Praxis. Aus der Community kamen über Jahre Rückmeldungen: zu theoretisch, zu wenig agil, ein Testverständnis, das Testen als Beruf behandelt statt als Tätigkeit.

Schon 2018 hatte es einen Versuch gegeben, agile Themen einzubauen. Der reichte nicht. Die Kritik hielt an, und eine ISTQB-Umfrage bestätigte den Handlungsbedarf.

Die Antwort darauf ist Version 4.0 des Lehrplans. Sie verfolgt ein klares Ziel: zwei Welten zusammenbringen. Auf der einen Seite das klassische Vorgehen nach Wasserfall-, W- und V-Modell mit viel Dokumentation und Planung. Auf der anderen Seite die agile Welt mit kontinuierlicher Zusammenarbeit und Kommunikation.

Beide Welten existieren weiter, und das bleibt so

Testen findet nicht in einer einzigen Methodenwelt statt. Manche Teams arbeiten agil, andere klassisch, und dieser Zustand wird bleiben. Ein Lehrplan, der nur eine Seite bedient, verfehlt einen Großteil der Praxis.

Wer entscheiden will, welches Modell zu einem Vorhaben passt, kann sich an der Stacey-Matrix orientieren. Sie betrachtet, wie bekannt die Anforderungen sind und wie bekannt die Technologie ist. Aus dieser Einordnung lässt sich ableiten, welches Vorgehen geeignet ist.

Der überarbeitete Foundation Level adressiert deshalb beide Ansätze. So findet sich sowohl jemand aus einem agilen Umfeld wieder als auch jemand aus einem klassisch organisierten Projekt.

Wie der Lehrplan entstanden ist

Die Entwicklung der englischen Fassung dauerte rund zwei Jahre. Ein Grund für diese Dauer: alle Beteiligten arbeiten ehrenamtlich, neben ihrem eigentlichen Job.

Verantwortlich war ein internationales Team. Mitwirkende kamen aus Kanada, Korea, Ägypten und Sri Lanka, der Schwerpunkt lag in Europa. Dafür schlossen sich zwei Arbeitsgruppen zusammen: die Arbeitsgruppe Foundation Level und die Arbeitsgruppe Agile Testing.

Die Leitfragen waren konkret. Was muss ein Tester heute wissen? Welche Lernziele übernimmt man aus dem Agile Tester, welche aus dem bisherigen Foundation Level? Und auf welcher Stufe: nur kennen, verstehen oder anwenden können?

Die englische Version erschien Ende April. Die deutschsprachige Fassung folgte am 14. September.

Warum es eine deutschsprachige Fassung braucht

Eine englische Vorlage allein reicht für den deutschsprachigen Markt nicht aus. Die Erfahrung in Deutschland zeigt, dass sehr viele Menschen durch eine englische Fassung ausgebremst werden.

Eine deutschsprachige Version spricht mehr Menschen an und bringt die zentrale Botschaft an: Was muss ein Einsteiger können? Diese Lokalisierung ist kein Selbstverständnis. Das ISTQB-Glossar liegt in 20 Sprachen vor, übersetzt von Experten, nicht von einem Wörterbuch.

Die deutsche Fassung entstand aus der Zusammenarbeit von Österreich, Schweiz und Deutschland. Am Lehrplan selbst wirkten etwa 10 bis 15 Personen mit, mit unterschiedlichem Hintergrund: Trainer, Berater und Kollegen aus softwareentwickelnden Firmen.

Übersetzung ist mehr als Wort-für-Wort

Eine Lokalisierung umfasst weit mehr als den reinen Lehrplan-Text. Das Glossar musste angepasst werden, die Musterprüfungen mussten übersetzt und überarbeitet werden, und es mussten echte Prüfungsfragen geschrieben werden.

Die Musterprüfungen wurden bewusst angepasst, weil der Stil der Fragen in Deutschland etwas anders ist als im Ausland. Sie sollen Lernende gezielt auf die Zertifizierung vorbereiten.

Für die Übersetzung kam diesmal DeepL zum Einsatz, um eine günstige Variante zu testen. Das Ergebnis zeigte die Grenzen des Werkzeugs. Die eigentliche Arbeit begann danach: Passt es zum Glossar? Ist wirklich übergekommen, was im Englischen gemeint war?

Was sich inhaltlich geändert hat

Der Lehrplan wurde vollständig überarbeitet und um zahlreiche agile Themen ergänzt. Eine sichtbare Änderung betrifft die Rollen.

Statt vom Testmanager spricht der Lehrplan jetzt von der Rolle des Testmanagements. In agilen Projekten ist das nicht mehr zwingend eine einzelne Person. Dort gilt der Whole-Team-Ansatz: Alle sind für die Qualität verantwortlich, und jeder übernimmt, wofür er kompetent ist.

Die Aufgaben des Testmanagements liegen damit im Normalfall beim Team, nicht beim Product Owner und nicht bei einer einzelnen Person. Nur in sehr großen, komplexen Projekten gibt es noch einen dedizierten Testmanager.

Die Formulierung als Rolle hat einen praktischen Vorteil. Du kannst die Aufgaben im Team aufteilen oder sie in einer Person bündeln. Beides ist möglich.

Hinzu kommen weitere Ansätze aus der agilen Welt, etwa Test-First und Shift Left.

Was mit dem Agile Tester passiert

Der Agile Tester bleibt vorerst bestehen. Ursprünglich war das Ziel, ihn mit dem neuen Foundation Level abzulösen, und der Großteil der Testziele ist inzwischen abgedeckt.

Themen ohne direkten Testbezug, etwa das agile Manifest, blieben bewusst draußen. Es gibt jedoch Stimmen im ISTQB, die eine Ablösung noch nicht für möglich halten. Einige Themen sollen durch einen neu entstehenden Lehrplan abgedeckt werden. Der Agile Tester existiert deshalb zumindest noch eine Zeit lang weiter.

Was das für bestehende Zertifikate bedeutet

Wer bereits zertifiziert ist, muss nichts neu machen. Jedes ISTQB-Zertifikat gilt ohne Ablaufdatum.

Eine erneute Zertifizierung kann dennoch sinnvoll sein, um zu zeigen, dass das eigene Wissen auf dem aktuellen Stand ist. Für jemanden, der den Agile Tester noch nicht gemacht hat, ist der neue Foundation Level eine naheliegende Alternative, auch zum Auffrischen.

Mit einer Zertifizierung nach dem neuen Foundation Level stehen alle weiterführenden Lehrpläne offen: die Spezialisten-Lehrpläne, die Advanced-Level-Lehrpläne und der Agile-Pfad.

Was sich für Seminare und Anbieter ändert

Die Rahmenbedingungen für die Ausbildung bleiben überschaubar. Ein Seminar soll nicht länger als drei Tage dauern, also nicht länger als beim bisherigen Lehrplan.

Die Seminaranbieter müssen sich reakkreditieren lassen. Sie müssen sicherstellen, dass ihre Seminare dem neuen Lehrplan entsprechen, ihre Unterlagen anpassen und nachweisen, dass die Übungen passen.

Warum so viele widersprüchliche Meinungen zusammenkamen

Die unterschiedlichen Rückmeldungen erklären sich aus dem Kontext der Beteiligten. Wer eher in der agilen Welt zu Hause ist, bewertet anders als jemand aus der traditionellen Welt, und auch die Branche prägt die Sicht.

Sowohl bei der englischen als auch bei der deutschen Fassung kamen viele widersprüchliche Befunde zusammen. Diese Vielfalt zu konsolidieren, war ein eigener Kraftakt.

Der Umgang damit folgte einem klaren Verfahren. Die englische Fassung durchlief ein Alpha-Review und ein Beta-Review, die Übersetzung ein Review. Die Befunde wurden gesammelt und bewertet.

Im Englischen waren einzelne Autoren für einzelne Kapitel zuständig. Sie machten eine Erstsichtung und entschieden, ob ein Befund umgesetzt wird, ob er nicht sinnvoll ist oder ob er in der Gruppe besprochen werden muss, etwa bei schwierigen Entscheidungen mit weiteren Auswirkungen.

Der Lehrplan bleibt in Bewegung

Mit dem Release ist die Arbeit nicht abgeschlossen. Es sind bereits Change Requests eingegangen, und in der deutschen wie in der englischen Fassung wurden Fehler gemeldet.

Diese Befunde werden gesammelt. Das Vorgehen entspricht dem, was Testern empfohlen wird: Fehlermanagement. Für die englische Fassung will sich das internationale Team im Dezember oder Januar treffen und entscheiden, ob ein kurzfristiges Update sinnvoll ist.

Parallel entstehen Updates anderer Lehrpläne, an denen man sich zumindest im Review beteiligen kann. Wer in einem Lehrplan einen Fehler entdeckt oder etwas verbessern möchte, kann sich melden. Die Mitarbeit läuft ehrenamtlich, und helfende Hände werden gebraucht. Wer einsteigen will, kann sich an die deutschsprachigen Boards wenden.

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