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Umgang mit Widerstand: Skeptiker als Ressource nutzen

Beim Umgang mit Widerstand hilft ein Blick auf den Übergang: Menschen wehren sich selten gegen das Ziel. Skeptiker sehen oft, was andere übersehen.

• • Aktualisiert: • 12 Min. Lesezeit
Cover zum Expertengespräch über 'Umgang mit Widerstand: Skeptiker als Ressource nutzen' mit Mary Lynn Manns und Richard Seidl.

Widerstand gegen Veränderungen richtet sich selten gegen die Veränderung selbst, sondern gegen den Weg dorthin: Der Übergang rüttelt an der eigenen Identität, schafft Unsicherheit und wird in Organisationen kaum auf menschlicher Ebene begleitet. Guter Umgang mit Widerstand setzt deshalb bei den Gefühlen an. Wer Veränderung anführt, erkennt an, was Menschen verlieren, stellt Fragen, statt Informationen zu präsentieren, und behandelt Skeptiker als Quelle von Erkenntnis statt als Hindernis.

Das Wichtigste in Kürze

  • Skeptiker sehen in einem Veränderungsprozess, was den Befürwortern entgeht: Die Begeisterung für das Neue macht blind für Lücken und Risiken.
  • Wer nur Probleme vorbringt und keine Lösungen, gilt schnell als Problemmensch. Das Gegenüber schaltet ab, bevor ein echtes Gespräch entsteht.
  • Gefühle bewegen Menschen zuverlässiger als Informationen. Gegen Daten, die der eigenen Überzeugung widersprechen, wehren sie sich, auf Fragen, die Sorgen und Chancen spürbar machen, reagieren sie.
  • Jede Veränderung bringt einen Gewinn und einen Verlust. Wer den Verlust nicht anerkennt, auch wenn er sich nicht vermeiden lässt, verhindert die emotionale Wertschätzung, die Akzeptanz erst möglich macht.
  • Veränderung von unten hält besser als Anordnung von oben, und jede Person in einer Organisation kann sie anführen, ganz gleich, welche formale Macht sie hat.

Menschen wehren sich gegen den Übergang, nicht gegen die Veränderung

Dass Menschen Veränderung grundsätzlich ablehnen, stimmt nicht, und genau da beginnt ein guter Umgang mit Widerstand. Jeder verändert ständig etwas im eigenen Leben, vieles davon freiwillig und zum Guten. Was Menschen ablehnen, ist der Weg vom Alten zum Neuen.

Dieser Weg ist chaotisch. Selbst eine Veränderung, die du dir selbst ausgesucht hast, bringt Kopfzerbrechen und Hürden mit sich. Das Chaos steckt im Übergang, nicht im Ziel.

In Organisationen wird es noch schwerer. Wird dir eine Veränderung angekündigt, war es nicht deine Entscheidung. Du trägst also zwei Lasten zugleich: Der Prozess ist voller Reibung, und du sollst etwas tun, das du nicht gewählt hast. Mary Lynn Manns bringt es auf den Punkt: Das Problem ist meist der Prozess, und den müssen Organisationen besser gestalten.

Warum Veränderung unserem Kopf so schwerfällt

Unser Kopf sucht ständig nach Gleichgewicht. Alles, was ihn aus der Balance bringt, ist anstrengend, und Veränderung tut genau das.

Veränderung kann auch an der Identität kratzen. Du bist es gewohnt, in der Organisation eine bestimmte Aufgabe zu haben und eine bestimmte Rolle zu sein, und plötzlich ist alles anders. Selbst etwas so Angesehenes wie agile Softwareentwicklung verändert, was Menschen Tag für Tag tun. Warum sollte das jemand begrüßen, der mit der bisherigen Arbeitsweise gut zurechtkommt?

Viele hängen an der alten Arbeitsweise und sehen echten Wert darin. Während der Umstellung geht einiges schief, und der Vergleich wird unfair: Das Alte wirkt plötzlich perfekt, das Neue ist noch im Werden und sichtbar unfertig. Also beschweren sich die Leute über diesen Abstand.

Daraus folgt: Es geht nicht um neue Prozesse oder neue Technologien. Es geht um Menschen. Veränderung gelingt, wenn du Menschen verstehst und ihnen hilfst, sich für das zu interessieren, was du vorschlägst.

Hinter dem Widerstand steckt Angst

Ein Großteil des Widerstands geht auf Angst zurück, oft auf die Angst vor dem Unbekannten. Viele negative Reaktionen in Veränderungsprozessen lassen sich auf die eine oder andere Angst zurückführen.

Mary Lynn nennt ihre Arbeit “Fear Less Change”. Ziel ist kein Leben ohne Angst, sondern weniger Angst. Wer Veränderung anführt, hilft Menschen durch ihre Angst hindurch und sorgt im besten Fall dafür, dass weniger davon entsteht.

Skeptiker tragen eine besondere Form von Angst, und die wirkt in beide Richtungen. Führst du die Veränderung an, hast du wahrscheinlich Angst vor denen, die sich widersetzen, auch wenn du es nicht zugeben würdest. Sie können dir direkt gegenüberstehen und sich beschweren. Umgekehrt fürchten sie dich, weil du etwas Neues einführst. Beide Ängste schaukeln sich gegenseitig hoch, bis nichts mehr geht.

Wer das ignoriert, zahlt einen konkreten Preis. Fühlen sich Menschen nicht gesehen und gehört, wird die Veränderung immer wieder torpediert.

Über Veränderung auf der Ebene des Einzelnen sprechen

Der erste Fehler vieler Organisationen: Sie beschreiben die Veränderung nur aus Sicht dessen, was das Unternehmen davon hat. Das ist zwar nachvollziehbar, geht aber an der Art vorbei, wie Menschen denken. Jeder fragt sich zuerst, was die Veränderung für ihn persönlich bedeutet.

In einer Organisation mit zehntausend Beschäftigten kannst du dich nicht mit jedem Einzelnen zusammensetzen. Führungskräfte können aber trotzdem auf einer kleineren, persönlicheren Ebene über den Wandel sprechen, statt auf der Ebene der Organisation zu bleiben. Rückt die Botschaft näher an die Frage “Was bedeutet das für dich?”, kommt sie anders an.

Umgang mit Widerstand: Skeptiker als Ressource nutzen

Hör auf, Skeptiker mit Argumenten überzeugen zu wollen. Das kostet enorm viel Zeit und Kraft, und vielleicht lassen sie sich nie überzeugen. Besser ist es, das zu nutzen, was sie sehen.

Skeptiker bemerken Dinge, die dir entgehen, weil du von der Veränderung begeistert bist und auf ihren Nutzen schaust. Sie nicht. Hol sie also ins Team und frag sie regelmäßig: Was läuft falsch, was übersehen wir?

Das erledigt zwei Dinge auf einmal. Die Skeptiker fühlen sich gehört und werden die Veränderung später seltener torpedieren. Und wer mit Respekt behandelt wird, beschwert sich oft weniger.

Mary Lynn beschreibt, wie man jemandem ausdrücklich die Rolle des offiziellen Skeptikers gibt, als Stimme für das, was das Team übersehen könnte. Wer diese Rolle hat, stellt oft fest, dass das gewohnte Meckern keinen Spaß mehr macht: Aus der Beschwerde ist ein Beitrag geworden.

Informationen allein bewegen niemanden

Veränderung ist emotional, und Menschen nehmen sie persönlich. Der häufigste Fehler ist, sie als reine Kopfsache zu behandeln: Informationen geben, dann noch mehr Informationen, dann noch mehr.

Widersprechen diese Informationen dem, was Menschen für richtig halten, wehren sie sich dagegen. Die Führungskräfte geben dann auf und sagen, die anderen kapieren es einfach nicht, sind stur oder stellen sich quer.

Die Diagnose sieht anders aus. Die Informationen kamen wahrscheinlich gut an. Gefehlt hat der nächste Schritt: den Menschen helfen, dass ihnen die Informationen wichtig werden. Dafür musst du erreichen, was sie fühlen, nicht nur, was sie denken.

Zwei Wege zu einer emotionalen Verbindung

Eine emotionale Verbindung am Arbeitsplatz herstellen, das klingt unangenehm, fast esoterisch. Es muss aber nichts dabei sein, womit du dich unwohl fühlst, und es funktioniert.

Die erste Technik heißt “Imagine That”, also etwa “Stell dir das vor”. Hol Menschen in einen Raum und stell zwei Fragen. Die erste: Wie läuft es gerade, was seht ihr da draußen, eventuell eingegrenzt auf einen bestimmten Bereich. Die Leute beginnen, die Probleme selbst zu benennen, auch ihre eigenen, und rütteln sich damit selbst wach.

Sobald sie die Sorge spüren, kommt die zweite Frage: Was würde passieren, wenn wir X täten? X ist die Veränderung, die du einführen willst. Jetzt malen sie sich die Möglichkeiten aus und bekommen das Gefühl, dass es besser werden könnte. Du hast ihnen nichts erklärt. Du hast Fragen gestellt, und die Diskussion hat die Arbeit gemacht.

“Die erste Frage hat sie ihre Sorge spüren lassen. Und die zweite Frage hat sie die Möglichkeiten spüren lassen und vielleicht den Gedanken: Moment mal, wir können die Dinge besser machen.”

(Mary Lynn Manns)

Die zweite Technik ist die Geschichte. Sie muss nicht einmal wahr sein, solange du klar sagst, dass sie erfunden ist. Erzähl eine Geschichte, in der sich die Zuhörer wiederfinden: Das ist John, er hat dies und das gemacht, erkennst du dich in John wieder? Geschichten spüren Menschen, sie erzählen sie weiter und erinnern sich daran. Eine Folie mit Aufzählungspunkten schafft das nie.

Veränderung anführen ohne formale Macht

Eine machtlose Führungskraft ist jemand mit einer guten Idee, aber ohne formale Macht, die Veränderung durchzusetzen. Genau für diese Person sind diese Strategien gedacht, nicht nur für Manager oder Führungskräfte.

Eine CIO, also Chief Information Officer, hat das klar auf den Punkt gebracht. Sie sagte, sie habe nicht mehr Macht, das Denken von Menschen zu verändern, als ein neunzehnjähriger Praktikant, der zum ersten Mal ins Unternehmen kommt und einen Veränderungsbedarf erkennt.

Das ist der Kern. Auch ohne offizielle Macht kannst du eine Veränderung genauso wirksam voranbringen wie jemand, der sie hat. Wer Macht hat, ordnet Veränderung manchmal einfach an, und zurück bleibt Unzufriedenheit. Veränderung, die von unten wächst, hält meist besser, und Führungskräfte mit Autorität können dieselben Werkzeuge von oben einsetzen.

Was tun, wenn du selbst der Skeptiker bist?

Bist du der Skeptiker und fühlst dich nicht gehört, prüf, ob du dich nur noch im Problemraum bewegst. Ständig neue Probleme vorzubringen und von anderen die Lösungen zu erwarten, zermürbt die Leute.

Mary Lynns Rat an einen frustrierten Skeptiker war direkt: Verbinde das Problem mit etwas, das man dagegen tun kann. Sag: “Ich weiß, ich habe dies und jenes angesprochen. Hier ist eine Möglichkeit, es zu lösen. Was meinst du?” Schon eine halb ausgereifte Lösung verändert das Gespräch.

Wer im Problemraum bleibt, riskiert seinen Ruf. Bringst du immer nur Probleme, wirst du zum Problemmenschen, und der Gesprächskanal schließt sich. Bietest du neben dem Einwand eine Lösung an, bleibst du im Gespräch.

Das hat auch eine traurige Seite: Die Gegenseite erkennt oft nicht, dass der Skeptiker ein Puzzleteil in der Hand hält, das ihr fehlt.

Anerkennen, was Menschen verlieren, nicht nur, was sie gewinnen

Jede Veränderung bringt einen Gewinn und einen Verlust. Egal, worum es geht, Menschen gewinnen etwas und verlieren gleichzeitig etwas.

Führungskräfte sprechen über die Gewinne, zuerst für die Organisation und, wenn sie ein Gespür dafür haben, auch für den Einzelnen. Den Verlust vergessen sie. Eine Strategie namens “Shoulder to Cry On”, also die Schulter zum Anlehnen, setzt genau hier an.

Oft lässt sich gegen den Verlust nichts tun, und trotzdem ist es wichtig, ihn anzuerkennen. Ein Satz wie “Fred, mir ist klar, dass das für dich ganz anderes Fachwissen bedeutet, dass du viel Zeit ins Lernen stecken wirst, dass du noch andere Dinge zu tun hast, und das wissen wir zu schätzen” ist von Führungskräften selten zu hören und bewirkt viel.

Diese eine Geste zeigt, dass Menschen keine Roboter sind und dass sie Sorgen durch eine Veränderung tragen. Du musst dich auf nichts einlassen, was dir unangenehm ist. Du benennst den Verlust, und die Verbindung entsteht von selbst.

Häufig gestellte Fragen

Warum sträuben sich Menschen gegen Veränderungen am Arbeitsplatz, obwohl sie in ihrem Privatleben bereitwillig Veränderungen vornehmen?

Der Widerstand richtet sich gegen den Übergang, nicht gegen das Ziel. Jede Veränderung bringt auf dem Weg dorthin Reibungen und Kopfzerbrechen mit sich, und in einer Organisation tragen die Menschen eine zusätzliche Last: Die Entscheidung lag nicht bei ihnen. Veränderungen können auch die Identität ins Wanken bringen, weil sich die Rolle, an die man gewöhnt ist, plötzlich verändert. Während des Übergangs läuft einiges schief, und im Vergleich dazu erscheint die alte Vorgehensweise plötzlich perfekt.

Wer hat eigentlich Angst während einer organisatorischen Veränderung?

Beide Seiten. Diejenigen, die eine Veränderung anführen, haben oft Angst vor denjenigen, die sich dagegen wehren (auch wenn sie es nicht zugeben wollen), und die Skeptiker fürchten im Gegenzug die Führungskräfte, weil etwas Neues eingeführt wird. Die beiden Ängste verstärken sich gegenseitig, bis alles zum Stillstand kommt. Wo sich Menschen nicht gesehen und gehört fühlen, wird die Veränderung immer wieder sabotiert.

Reicht es aus, zu erklären, was die Organisation von einer Veränderung gewinnt?

Nein. Diese Herangehensweise ist auf dem Papier nachvollziehbar, verkennt aber, wie Menschen denken, denn jeder Einzelne überlegt sich, was der Wandel für ihn persönlich bedeutet. Niemand kann sich mit jedem einzelnen Mitarbeiter in einer Organisation mit zehntausend Mitarbeitern zusammensetzen. Führungskräfte können dennoch auf einer kleineren, persönlicheren Ebene über den Wandel sprechen, anstatt sich nur auf die organisatorische Ebene zu beschränken.

Solltest du versuchen, Skeptiker davon zu überzeugen, eine Veränderung zu unterstützen?

Überzeugungsarbeit kann enorm viel Zeit und Mühe kosten, und der Skeptiker lässt sich vielleicht nie überzeugen. Sinnvoller ist es, das zu nutzen, was sie sehen: Beziehe sie in das Team ein und frage in regelmäßigen Abständen, was falsch läuft und was fehlt. Mary Lynn Manns beschreibt, wie man jemandem ausdrücklich die Rolle des offiziellen Skeptikers zuweist, wodurch die Beschwerde zu einem Beitrag wird.

Warum ist es oft fehlgeschlagen, eine Veränderung klar zu kommunizieren, um die Leute zu überzeugen?

Weil Veränderung emotional ist und Informationen nur der erste Schritt sind. Menschen wehren sich gegen Informationen, die im Widerspruch zu dem stehen, was ihrer Meinung nach passieren sollte, und Führungskräfte kommen dann zu dem Schluss, dass die anderen es einfach nicht kapieren oder stur sind. Die Vermittlung war wahrscheinlich in Ordnung. Was fehlte, war, den Menschen zu helfen, sich für die Informationen zu interessieren, das heißt, ihre Gefühle anzusprechen.

Wie kannst du am Arbeitsplatz eine emotionale Verbindung herstellen, ohne etwas zu tun, was sich unangenehm anfühlt?

Zwei Techniken schaffen das mit ganz normalen Fragen und Gesprächen. Beim „Imagine That“-Ansatz fragst du eine Gruppe, wie es läuft, damit sie die Probleme selbst benennen, und fragst dann, was passieren würde, wenn man X tun würde. Die zweite Technik ist eine Geschichte (die auch erfunden sein darf, solange du das sagst) über eine Person, mit der sich der Zuhörer identifizieren kann. Menschen nehmen Geschichten emotional wahr und erzählen sie weiter; bei Aufzählungspunkten auf Folien tun sie das nicht.

Funktioniert organisatorischer Wandel besser, wenn das Management ihn einfach anordnet?

Veränderungen, die von unten nach oben entstehen, halten in der Regel besser an. Eine Veränderung zu diktieren, sorgt dafür, dass Unzufriedenheit in der Luft liegt. Eine Chief Information Officerin wies darauf hin, dass sie nicht mehr Macht habe, die Denkweise der Menschen zu ändern, als ein neunzehnjähriger Praktikant, der zum ersten Mal hereinkommt und einen Veränderungsbedarf erkennt. Führungskräfte mit formaler Autorität können dieselben Werkzeuge von oben nach unten einsetzen.

Was kannst du tun, wenn du Bedenken äußerst und niemand zuzuhören scheint?

Überprüfe, ob du dich ausschließlich im Problemraum bewegst. Ständig neue Probleme anzusprechen und von anderen zu erwarten, dass sie Lösungen entwickeln, zermürbt die Leute, und du wirst zum Problemfall, was den Kommunikationskanal verschließt. Verbinde das Anliegen mit einer Möglichkeit, und sei sie noch so unausgereift, und frag, was die anderen davon halten. So bleibst du im Gespräch.

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