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Der Blaue Engel für Software

Der Blaue Engel für Software existiert wirklich – und liefert messbare Werte zu Energieverbrauch, Hardwarelebensdauer und Nutzungsautonomie. Was der Prozess kostet und bringt.

7 Min. Lesezeit
Cover für Der Blaue Engel für Software

Der Blaue Engel für Software (UZ215) ist das weltweit erste Umweltlabel für Softwareprodukte und wird vom Umweltbundesamt und RAL vergeben. Er bewertet Ressourceneffizienz, Nutzungsautonomie und Hardware-Langlebigkeit. Zertifizierte Software muss auf mindestens fünf Jahre alter Hardware laufen, Messwerte öffentlich veröffentlichen und Sicherheitsupdates mindestens fünf Jahre nach Bereitstellungsende kostenfrei liefern.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Blaue Engel für Software verlangt keine perfekte Effizienz, sondern Transparenz: Hersteller messen ihren Energieverbrauch und veröffentlichen die Zahlen dort, wo die Software bezogen werden kann.
  • Zertifizierte Software muss auf Hardware laufen, die mindestens fünf Jahre alt ist, und der Hersteller muss noch mindestens fünf Jahre lang kostenlose Sicherheitsupdates liefern.
  • Der Zertifizierungsprozess dauert in der Praxis rund drei Monate, nicht den erhofften einen, weil allein die Prüfung beim RAL bis zu drei Wochen beansprucht.
  • In öffentlichen Ausschreibungen lässt sich der Blaue Engel bereits als Differenzierungsmerkmal einsetzen, weil er das einzige anerkannte Umweltzeichen für Software weltweit ist.

Was der Blaue Engel für Software aussagt

Der Blaue Engel für Software ist das weltweit erste Umweltlabel für Software. Es wird vom Umweltbundesamt und vom RAL vergeben und ordnet sich in das Umweltzeichen der Bundesregierung ein, das viele vom Druckerpapier kennen.

Den Blauen Engel gibt es schon länger für Software, ursprünglich aber nur für Desktop-Anwendungen. Diese Ausrichtung passt nicht mehr zur Realität heutiger Systeme. 2024 wurde das Zeichen überarbeitet und gilt seitdem auch für kleinere Server-Anwendungen und mobile Anwendungen. Bis heute tragen sechs Softwareprodukte das Label, vor der Überarbeitung war es nur eines.

Wer das Siegel sieht, weiß zunächst nicht zwingend, dass die Software besonders effizient ist. Die eigentliche Aussage ist: Der Hersteller hat den Ressourcenverbrauch gemessen und veröffentlicht ihn. Man legt die Zahlen offen, statt sie für sich zu behalten.

Transparenz statt Bestnote: warum die Messung öffentlich wird

Der Kern des Labels ist die Offenlegung, nicht ein Effizienz-Ranking. Software lässt sich schwer vergleichen, weil die Funktionsumfänge so unterschiedlich sind. Sobald die Zahlen aber öffentlich sind, entsteht ein Anreiz, das Produkt tatsächlich effizienter zu machen.

Die veröffentlichten Werte stehen dort, wo du die Software beziehen kannst. Ein zusammenfassendes Dokument muss publiziert werden, daneben gibt es weitere Unterlagen mit allen Messwerten. Du siehst also nicht nur das Logo, sondern kannst nachvollziehen, wie ressourcenschonend ein Produkt arbeitet.

Perspektivisch soll das in eine vergleichbare Skala münden, ähnlich der Energieeffizienzklasse beim Kühlschrank. Dieser Effekt entsteht, wenn mehrere Anbieter vergleichbarer Software sich zertifizieren lassen. Dann bekommt man ein Gefühl dafür, was dieser Typ Software ungefähr verbraucht.

Was das Label neben dem Energieverbrauch noch fordert

Der Blaue Engel deckt mehr ab als reine Ressourceneffizienz. Ein zweiter Block dreht sich um Nutzungsautonomie. Dahinter steht der Gedanke, dass Betreiber die Software auch dann weiterbetreiben können, wenn der Anbieter aussteigt.

Konkret schreibt das Label fest:

  • Die Software läuft auf Hardware, die mindestens fünf Jahre alt ist.
  • Nach dem Ende der Bereitstellung gibt es mindestens fünf Jahre lang kostenlose Sicherheitsupdates.
  • Schnittstellen und verwendete Datenformate müssen dokumentiert sein.

Der Hintergrund ist materiell: In der Herstellung von Hardware stecken viele Rohstoffe und Emissionen. Je länger Geräte im Einsatz bleiben, desto besser die Bilanz. Für dich als Kunde bedeutet das eine Garantie, die Software lange selbst betreiben zu können, auch ohne den ursprünglichen Hersteller. Das ist ein Gegenpol zu geplanter Obsoleszenz und zu Abo-Modellen, die dich vor allem wegen der Updates im Vertrag halten.

Wie der Energieverbrauch gemessen wird

Der Verbrauch lässt sich auf zwei Wegen erfassen. Wer die Software live betreibt und ein eigenes Rechenzentrum samt aller Werte kontrolliert, kann den realen Betrieb über einen längeren Zeitraum messen.

Häufiger ist der zweite Weg: Du definierst die Standardnutzungsszenarien deiner Software und misst diese. Selbst auf einem eigens aufgesetzten System ist das sehr aufwendig.

Für diesen Fall gibt es das Green Metrics Tool von Green Coding Solutions in Berlin, das selbst zertifiziert und auf den Blauen Engel ausgelegt ist. Es bildet die Lebenszyklusphasen der Software ab, führt die Messung durch und liefert die Zahlen samt Excel-Tabellen. Die Server des Anbieters sind sieben bis acht Jahre alt, womit das Hardware-Alter-Kriterium gleich mit erfüllt ist. CPU-Auslastung, RAM-Belegung und weitere Werte spuckt das Tool automatisch mit aus.

Ein Kriterium verbindet Verbrauch und Herstellung: Die Energie, die ein Jahr Nutzung im echten Betrieb verbraucht, muss geringer sein als die Energie, die in der Herstellung angefallen ist. Auf den steigenden Energiehunger beim Agentic Coding hat das Label bisher keine direkte Antwort, doch es wird laufend weiterentwickelt.

Der Weg zur Zertifizierung dauert länger als gedacht

Plane mehr Zeit ein, als ein erster Blick vermuten lässt. Ein realistischer Aufwand liegt bei rund drei Monaten Arbeit, davon allein etwa drei Wochen Prüfung beim RAL, je nach Auslastung.

Am Anfang steht ein Auditor. Rund 20 Personen sind als Auditorinnen und Auditoren zertifiziert. Die eigene Software darf niemand selbst auditieren, du brauchst also in jedem Fall eine externe Person.

Der technische Kern ist die vollständige Dockerisierung der Anwendung. Der gesamte Ablauf muss vollautomatisiert laufen: vom leeren Rechner über das Aufsetzen von Datenbank und Suchindex und den Import der Daten bis zum fertigen Szenario und dem anschließenden Abriss. Danach wird die Anwendung auf dem Messserver mindestens zehnmal durchgemessen.

Aus der Messung erzeugt ein Blauer-Engel-Exporter die Basisdokumente. Insgesamt sind sieben Dokumente auszufüllen, in denen unter anderem die Funktionsweise, die Schnittstellen und die Datenformate beschrieben werden. Der Auditor prüft alles, alle Beteiligten unterschreiben, dann geht es zum RAL. Nach dessen Prüfung folgt im besten Fall das Siegel.

Rezertifizierung: ein Stand gilt für ein Jahr

Die Zertifizierung gilt für ein Jahr, danach musst du neu messen. Software lebt in neuen Versionen weiter, deshalb bildet das Label immer einen konkreten Stand ab.

Beim Rezertifizieren ist kein Auditor mehr nötig. Du misst neu und schickst die Unterlagen direkt zum RAL, der erneut prüft. Beim Energieverbrauch der Szenarien gilt eine Grenze: Er darf sich gegenüber dem Vorjahr nicht um mehr als 10 Prozent erhöht haben, es sei denn, es gibt gute Gründe dafür. Ändern sich die Standardnutzungsszenarien gar nicht, bleibt die Messbasis ohnehin stabil.

Was die Zertifizierung kostet

Die Kosten teilen sich in Audithonorar und RAL-Gebühren. Das Honorar verhandelst du mit dem Auditor, oft hängt es an der Anzahl der zu prüfenden Szenarien plus einem Basissatz. Eine feste Tabelle gibt es dafür nicht.

Beim RAL ist die Struktur klarer. Pro Antrag fallen rund 600 Euro an, dazu eine umsatzabhängige Jahresgebühr. Für eine neue Software mit unter einer Million Euro Umsatz liegt diese bei etwa 750 Euro im Jahr.

Für Open-Source-Software gibt es eine Erleichterung: Wer keinen Umsatz mit dem Produkt macht, kann von den RAL-Gebühren befreit werden.

Der Blaue Engel zahlt sich als Marketing aus

Kein Unternehmen zertifiziert aus reinem Altruismus, und das muss es auch nicht. Der praktische Mehrwert liegt in einer Form von Aufmerksamkeit, die sich kaum anders kaufen lässt.

Anita Schüttler hat eine kommerzielle Software ihres Unternehmens zertifizieren lassen, auch um mit gutem Beispiel voranzugehen und über den Prozess sprechen zu können. Die Investition lag bei einigen Tausend Euro plus Arbeitszeit. Für die erzeugte Sichtbarkeit, gerade bei einer neuen Software, sei das ein gutes Geschäft.

Reden ist die eine Sache, machen ist krasser. Auf diese Weise kann man sein Commitment unterstreichen. Anita Schüttler

Über das Label entstehen andere Gespräche und ein zweiter Blick auf das Produkt. Wer beim Thema Green Software schon länger unterwegs ist, untermauert mit der Zertifizierung das eigene Engagement.

Warum das Label in Ausschreibungen an Gewicht gewinnt

In Ausschreibungen der öffentlichen Hand taucht das Thema bereits als Kriterium auf, mit dem sich Extrapunkte sammeln lassen. Genannt wird dort meist ein Umweltzeichen, nicht der Blaue Engel namentlich. Weil er aktuell das einzige Umweltzeichen für Software ist, lässt sich darüber ein Vorteil herausarbeiten.

Bislang richtet sich der Blick bei Energieeffizienz stark auf Rechenzentren und Hardware. Der eigentliche Treiber des Verbrauchs ist jedoch die Software. Damit Hardware und Rechenzentrum effizient sein können, muss die Software das ebenfalls sein.

Wo du anfängst, wenn du zertifizieren willst

Die erste Anlaufstelle ist die Website des Blauen Engel für Software unter der Bezeichnung UZ215. Dort findest du die Vergabekriterien, die allerdings recht umfangreich ausfallen.

Statt dich allein durch das Papier zu arbeiten, lohnt der direkte Kontakt. Auf der Seite ist gelistet, wer als Auditor tätig ist. Such das Gespräch, lass dich beraten oder setz dich in einen Vortrag zum Thema. Das ist deutlich einfacher, als die Kriterien im Alleingang zu durchdringen.

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