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Autismus im Softwaretesting: Wenn Begabung auf die Rennstrecke kommt

Menschen mit Autismus finden in manuellen Regressionstests oft erst richtig Feuer – während andere längst ungeduldig werden. Wie das in der Praxis funktioniert.

Aktualisiert: 7 Min. Lesezeit
Cover für Autismus im Softwaretesting: Wenn Begabung auf die Rennstrecke kommt

Softwaretesting-Ausbildung für Menschen mit Autismusdiagnose kombiniert strukturierte Testtheorie mit praxisnahen Modulen und betrieblichen Praktika. Typische Autismus-Stärken wie Detailgenauigkeit, Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer bei repetitiven Aufgaben kommen im Qualitätsmanagement besonders zum Tragen. Voraussetzung ist ein klar strukturiertes Arbeitsumfeld mit eindeutigen Anweisungen, festen Zeitboxen und einer Ansprechperson im Unternehmen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Menschen mit Autismusdiagnose erkennen Rechtschreib- und Konsistenzfehler in Dokumenten sofort, weil ihre Wahrnehmung Ungleichheiten automatisch registriert, die anderen schlicht nicht auffallen.
  • Repetitive Testaufgaben, die bei anderen Testern die Konzentration sinken lassen, steigern bei Personen mit Autismus die Leistung, weil Routine und Vertrautheit mit dem Testobjekt ihre Stärken aktivieren.
  • Klare Anweisungen mit konkretem Endtermin sind keine Fürsorge, sondern eine Arbeitsvoraussetzung: “Schau dir das mal an” bleibt für Personen mit Autismus ohne Ergebnis, “bis morgen 16 Uhr fertig” funktioniert.
  • Die duale Ausbildung bei der ETC platziert Teilnehmer schon während des Kurses in Praktikumsunternehmen, wodurch die Übernahmequote bei rund 80 Prozent liegt und für Unternehmen keine Personalkosten entstehen.
  • Autismusgerechte Rahmenbedingungen im Büro sind keine große Umstrukturierung, sondern konkrete Kleinigkeiten: ein Randplatz, Kopfhörer, eine benannte Ansprechperson für die ersten Monate.

Warum Menschen mit Autismusdiagnose im Softwaretesting auftrumpfen

Menschen mit Autismusdiagnose bringen Eigenschaften mit, die im Softwaretesting genau gebraucht werden: Detailgenauigkeit, Ausdauer bei wiederkehrenden Aufgaben und eine Wahrnehmung für Abweichungen, die anderen entgeht. Markus Kalbhenn beschreibt das Potenzial dieser Personen wie einen Ferrari, der am normalen Arbeitsmarkt aber auf einer Schotterstraße fährt.

Die Rahmenbedingungen entscheiden über die Leistung. Passt das Umfeld nicht, kommt das Potenzial nicht durch. Stehen die richtigen Bedingungen, arbeiten diese Personen konzentriert und schnell.

Wenn ich den Ferrari auf die Rennstrecke stelle, dann funktionieren sie wirklich wie ein Ferrari auf einer Rennstrecke und überholen alle anderen pro Tag zweimal. — Markus Kalbhenn

Die Begabung zeigt sich schon vor der Arbeit. Kandidaten kamen ins Aufnahmegespräch und nannten ungefragt die Zahl der Rechtschreibfehler in der Zeitung, die sie unterwegs gelesen hatten. Solche Fehler fallen den meisten Menschen nicht auf. Eine Person mit Autismus öffnet ein Dokument und sieht die Ungleichheit sofort.

Im Regressionstest dreht sich dieser Effekt zum Vorteil. Beim fünfzehnten manuellen Durchlauf lässt bei den meisten Testern die Begeisterung nach. Für Menschen mit dieser Spezialbegabung fängt es dort erst richtig an, weil sie das Umfeld und die Aufgabenstellung kennen und kaum mehr von der Arbeit wegzubringen sind.

Klare Anweisungen sind keine Pingeligkeit, sondern Voraussetzung

Menschen mit Autismusdiagnose brauchen eindeutige Vorgaben: was zu tun ist, bis wann und in welcher Form. Was im Berufsalltag oft pingelig klingt, ist für diese Person die Bedingung, damit eine Aufgabe gelingt.

Vage Formulierungen funktionieren nicht. Ein “schauen Sie sich das mal an” wird wörtlich genommen und irgendwann erledigt, ohne Dringlichkeit. Das übliche Chef-Feedback “schauen Sie sich das nochmal an” bedeutet für die meisten Mitarbeiter “da ist etwas falsch”, für eine Person mit Autismus aber schlicht “nochmal ansehen, vielleicht morgen”.

Die Aufgabe braucht deshalb drei Angaben gleichzeitig: den Inhalt, die Frist und die Art und Weise. “Bitte jetzt anfangen, bis morgen 16 Uhr fertig” ist eine Anweisung, mit der diese Personen arbeiten können.

Vorsicht gilt beim Perfektionsdrang. Eine offen formulierte Aufgabe ohne klares Ende kann dazu führen, dass die Person nicht mehr von einem Detail loskommt. Wer Aufgaben verteilt, sollte deshalb das Ziel und den Schlusspunkt klar benennen.

Wie sich Training für diese Zielgruppe verändert

Das Training braucht eine feste Struktur und ein ruhiges Umfeld. Helmut Pichler arbeitet mit einem fixen Timeboxing von 50 Minuten Unterricht und 10 Minuten Pause. Schon drei Minuten Überziehung lösen bei den Teilnehmern eine klare Reaktion aus: “Time Box, Pause.”

Der Dialog läuft anders als in einem normalen Kurs. Die offene Frage “Hat noch jemand eine Frage?” bleibt unbeantwortet. Die direkte Ansprache funktioniert: “Wie geht es dir mit dem Thema, hast du dazu eine Frage?” liefert qualifiziertes Feedback.

Die Persönlichkeiten unterscheiden sich stark. Manche Teilnehmer sind sehr zurückhaltend und treffen, wenn man sie anspricht, sofort den Punkt. Andere sprudeln so, dass man sie kaum abdrehen kann. Ein Trainer muss ein ausgewogenes Verhältnis halten, damit die ruhigen Teilnehmer nicht abschalten.

Auch die Kursdauer wurde angepasst. Statt der üblichen drei oder vier Tage am Stück läuft die ISTQB-Foundation-Level-Ausbildung über vier Wochen, aufgeteilt in Drei-Tage-Einheiten zu je fünf bis sechs Stunden. Zwischen den Phasen bereiten sich die Teilnehmer mit Musterprüfungsfragen selbst vor.

Was bei der ISTQB-Prüfung leicht und was schwer fällt

Die Multiple-Choice-Prüfung des Foundation Level fordert diese Zielgruppe an einer bestimmten Stelle: bei Fragen, deren Antwortoptionen nicht eindeutig vollständig sind. Die wiederkehrende Reaktion lautet, eine Antwort sei nicht komplett. Die Herangehensweise muss deshalb geübt werden: nicht die perfekte Antwort suchen, sondern die vollständigste der vier Optionen.

Testentwurfstechniken liegen dieser Gruppe besonders. Wo es eine feste Formel gibt, aus der sich etwas ableiten oder zählen lässt, kommen die Teilnehmer gut zurecht.

Ein Nebeneffekt der Spezialbegabung: Die Schulungsunterlagen werden nach jedem Durchgang fehlerfrei. Rechenfehler, Komma-Fehler und Verweisfehler werden brutal und nachhaltig aufgezeigt.

Die duale Ausbildung verbindet Schulung und Praxis von Anfang an

Das aktuelle Ausbildungsprogramm bildet nicht erst aus und versucht dann zu vermitteln, sondern sucht von Beginn an Praktikumsunternehmen. Im Idealfall sitzen die Teilnehmer schon vor oder während des Kurses in einem Praxisunternehmen.

Das Programm umfasst mehr als nur das ISTQB-Zertifikat. Das Foundation Level ist eines von neun Modulen, ergänzt um Themen wie AI-Basics auf High-Level, Arbeiten im agilen Umfeld, das Testen von REST-Services, Test-Automation-Basics, barrierefreies Testing und Grundlagen des Requirements Engineering.

Ein Performance-Testing-Modul wurde getestet und wieder verworfen. Das Thema ging zu schnell ins Detail, und dabei gingen einige Teilnehmer verloren. An seine Stelle traten Grundlagen, die breiter tragen.

Insgesamt entstehen rund 50 bis 60 Übungseinheiten, verteilt über das Jahr in Vier- bis Fünf-Stunden-Blöcken. Die Praxiszeit im Unternehmen macht etwa 60 bis 70 Prozent aus, der Rest ist Theorie. Pro Woche arbeiten die Teilnehmer ungefähr 25 bis 30 Stunden mit.

Warum die Ausbildung für Unternehmen ein Nullsummenspiel ist

Für das Unternehmen entstehen während des Praktikums keine Kosten. Die Teilnehmer bleiben beim Arbeitsmarktservice (AMS) versichert und gemeldet, nicht auf der Payroll des Unternehmens. Sie arbeiten trotzdem 25 bis 30 Stunden pro Woche mit und sind nach Erfahrungswerten in zwei bis drei Monaten produktiv.

Es gibt keine Übernahmeverpflichtung. Das Unternehmen ermöglicht die praktische Ausbildung über die Praktikumsmonate und entscheidet am Ende frei. In der Praxis lag die Übernahmequote bei rund 80 Prozent.

Die folgenden Punkte machen den Ablauf für Unternehmen greifbar:

AspektWie es geregelt ist
Kosten für das UnternehmenKeine, Anstellung und Versicherung laufen über das AMS
Arbeitszeit im UnternehmenEtwa 25 bis 30 Stunden pro Woche
Praxisanteil der AusbildungRund 60 bis 70 Prozent, Rest ist Theorie
ÜbernahmeverpflichtungKeine, freie Entscheidung des Unternehmens
ProduktivitätNach Erfahrungswerten in zwei bis drei Monaten

Die wirtschaftliche Lage erschwert die Vermittlung derzeit. Hiring-Stopps und Sparmaßnahmen, auch in öffentlichkeitsnahen Unternehmen, machen die Suche nach Plätzen schwieriger als in den Vorjahren. Unmöglich ist sie nicht.

Viele der aktuellen Kandidaten waren bereits vier, fünf Jahre oder länger in IT-Jobs. Ihnen fehlt kein Können, sondern der formale Abschluss: kein Zertifikat, kein Studium, kein HTL-Abschluss. Vieles haben sie autodidaktisch oder im Job gelernt und holen die Zertifizierung im Softwaretesting jetzt nach.

Welche Rahmenbedingungen ein Arbeitsplatz braucht

Die Anpassungen am Arbeitsplatz sind keine Raketenwissenschaft, sondern einfache Verhaltensmuster und Maßnahmen. Den größten Hebel hat der physische Platz und eine klare Ansprechperson.

Im Großraumbüro sollte die Person mit Autismus nicht beim Eingang und nicht in der Mitte sitzen, sondern an einem Randplatz, gern abgeschirmt mit Trennwand oder Pflanzen und mit der Möglichkeit, mit Kopfhörern in Ruhe zu arbeiten. Ideal ist ein kleines Büro mit ein, zwei weiteren Kollegen.

Eine benannte Ansprechperson ist für die ersten zwei bis drei Monate wichtig. Ein Buddy oder Mentor beantwortet die alltäglichen Fragen: Wen kann ich fragen, von wem bekomme ich Anweisungen, wo hole ich Material. Diese Person muss nicht durchgehend dieselbe sein.

Auch das Onboarding braucht Tempo nach Maß. Ein Teilnehmer wurde an Tag zwei direkt in alle Meetings mitgenommen, viele davon auf Englisch, und verstand nichts. Die Erwartung in den ersten Tagen ist nicht, qualifizierte Hinweise zu liefern, sondern das Umfeld kennenzulernen.

Soziale Abläufe gehören dazu. Wenn plötzlich alle im Besprechungsraum zur Geburtstagsfeier verschwinden, sollte die Person aktiv mitgenommen werden statt zurückzubleiben. Begleitung beim Coach-Learning und kurze Awareness-Schulungen im Team runden die Unterstützung ab.

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