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Patient Agilität: Liegt agiles Arbeiten im Sterben?

Agilität kränkelt in vielen Unternehmen, aber sie ist nicht tot. Zwei Rettungsdienst-Schemata zeigen, wo der Schmerz sitzt und was jetzt hilft.

7 Min. Lesezeit
Cover für Patient Agilität: Liegt agiles Arbeiten im Sterben?

Agile Arbeit in Unternehmen kränkelt, wenn Teams unter wirtschaftlichem Druck in alte Kontroll- und Mikromanagement-Muster zurückfallen. Zwei Schemata aus dem Rettungsdienst helfen bei der Diagnose: AMPEL prüft Vorgeschichte, Medikamente und letzte Energieeinwürfe; ABCDE bewertet Kommunikationsfreiheit, Taktung, Entscheidungswege und Schutzraum. Heilung braucht Geduld und gezielte Einzelmaßnahmen statt weiterer Methoden-Schichten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Unternehmen in der Krise fallen automatisch in alte Kontrollmuster zurück, weil agiles Arbeiten nie zur echten DNA wurde, sondern nur aufgesetzt war.
  • Das ABCDE-Schema aus dem Rettungsdienst lässt sich direkt auf kränkelnde Agilität übertragen: Luftweg, Atmung, Kreislauf, Verletzung und Umfeld als Prioritätsfolge für die Diagnose.
  • Wer zu viele agile Maßnahmen gleichzeitig einführt, verliert den Überblick über Wirkung und Wechselwirkungen, genau wie ein Arzt, der alle Medikamente auf einmal verabreicht.
  • Der Begriff Agilität löst in vielen Teams bereits eine Abwehrreaktion aus, weshalb dieselben Konzepte unter neuen Namen wie New Work oder lernende Organisation verpackt werden.

Agilität stirbt nicht, aber sie kann kränkeln

Agilität als Arbeitsform verschwindet nicht. Was in vielen Unternehmen ins Wanken gerät, ist die konkrete Umsetzung am Arbeitsplatz und die Art, wie über sie gesprochen wird.

Die Idee hinter agilem Arbeiten ist älter als das Agile Manifest von 2001. Lean trägt agile Elemente in sich, und selbst frühe Großprojekte kamen cross-funktionalen Teams mit iterativer Arbeit nahe. Wer also vom Tod der Agilität spricht, meint selten das Prinzip. Gemeint ist meist das, was unter dem Label Agilität in einer bestimmten Firma ausgerollt wurde.

Genau hier lohnt eine andere Frage: Kränkelt die Agilität in einem Team, oder wurde sie nie Teil der Arbeitsweise? Diese Unterscheidung entscheidet darüber, ob eine Wiederbelebung Sinn ergibt oder ob ein anderes Vorgehen besser passt.

Warum Unternehmen in alte Muster zurückfallen

In angespannten Lagen greifen Unternehmen auf bekannte Muster zurück. Wenn Gelder knapp werden und die Zweifel an jahrelangen agilen Initiativen wachsen, schaltet die Organisation in einen Überlebensmodus.

In diesem Modus passiert dasselbe wie bei Menschen unter Druck: Man handelt so, wie man immer gehandelt hat. Bei Führungskräften heißt das oft mehr Kontrolle und Mikromanagement. “Das machen wir so wie damals, wo es geklappt hat” wird zur Reflexbewegung.

Dieser Reflex zeigt, dass agiles Arbeiten in solchen Firmen nie zur DNA geworden ist. Wo Agilität wirklich verankert ist, stellt sich die Frage nach dem Zurückfallen gar nicht erst.

Manche Firmen können gar nicht anders als agil

Bei einigen Unternehmen ist agiles Arbeiten so selbstverständlich, dass sie es nicht einmal benennen können. Born-Digital-Firmen und große Cloud-Dienstleister reagieren auf die Frage, wie sie zur Agilität gekommen sind, mit Unverständnis: “Wie denn sonst?”

Diese Firmen haben nie anders gearbeitet. Agilität gehört zu ihren Überlebensmechanismen, deshalb gibt es dort auch keine Gründungsgeschichte dazu. Sie werden weiter agil arbeiten, weil es Teil ihrer Struktur ist.

Wo sich ein agiler Arbeitsstil nicht von selbst eingelebt hat, gibt es dafür einen Grund. Oft ist die agile Arbeit inkongruent mit allem anderen in der Organisation: Spielregeln, Strukturen und Mentalität passen nicht zusammen. Zwei Welten prallen aufeinander. In kritischen Situationen lässt sich etwas, das mit viel Kraft eingeführt wurde, dann nur schwer halten.

Wann passt Agilität, und wann nicht?

Nicht jeder Rückzug von agilen Formen ist ein Versagen. Viele Firmen haben Agilität mit großer Geste flächendeckend ausgerollt, weil sie populär war. Heute gehen Organisationen bewusster vor und fragen, wo agile Arbeitsformen wirklich gebraucht werden.

Es gibt Branchen, in denen klassisches, stark gesteuertes Projektmanagement die bessere Wahl ist. Wer in kritischen Situationen handelt, arbeitet nicht agil. Im Rettungsdienst etwa geben klare Schemata, Regeln und Vorgaben den Mitarbeitenden die Sicherheit, handlungsfähig zu bleiben.

Die Lehre daraus: Klare Regeln sind kein Gegensatz zu guter Arbeit, sie sind in manchen Kontexten die Voraussetzung dafür. Du solltest also nicht fragen, ob Agilität gut oder schlecht ist, sondern wo in deiner Organisation sie überhaupt der passende Ansatz ist.

Das Ampel-Schema als Diagnose vor dem Eingriff

Bevor du in eine Organisation eingreifst, brauchst du ein Bild vom Zustand. Das Ampel-Schema aus dem Rettungsdienst liefert dafür eine Struktur. Jeder Buchstabe steht für eine Frage, die du an die Situation stellst.

  • A wie Allergie: Reagiert die Organisation allergisch auf etwas? Bei vielen ist das Wort “agil” selbst der Auslöser. Dann wird das Gleiche unter neuen Namen verpackt: wirkungsvolles Arbeiten, lernende Organisation, New Work.
  • M wie Medikamente: Was wurde zuletzt verabreicht? Ein Spotify-Modell, OKR, fünf Agile Coaches: die letzten Maßnahmen verraten viel über die bisherige Behandlung.
  • P wie Patientenvorgeschichte: Steckt die Firma ohnehin seit Jahren in der Krise? Gab es früher einen schweren Einschnitt?
  • E wie Ereignisse: Welches konkrete Ereignis hat zur aktuellen Lage geführt? Ein Workshop, ein Geschäftsführerwechsel, ab dem niemand mehr über Agilität spricht.
  • L wie letzte Mahlzeit: Wer steckt gerade noch Energie hinein? Wurde zuletzt viel Kraft in neue Methoden gesteckt, übergibt sich das Team beim nächsten Vorschlag.

Das letzte Bild trägt besonders weit. Ein Mediziner verabreicht keine Medikamente an jemanden, der gerade einen großen Teller Nudeln gegessen hat. Genauso scheitert der Versuch, fünf weitere Methoden einzuführen, wenn ein Team gerade erst OKR und anderes verdaut. “Wie sollen wir das alles verdauen?” ist dann die ehrlichste Reaktion.

Mit ABCDE die akute Lage einschätzen

Für schwerere Fälle taugt das ABCDE-Schema aus dem Traumamanagement. Es sortiert die Probleme nach Priorität: Das erste gefundene Problem wird sofort behandelt, bevor man weitergeht.

BuchstabeIm RettungsdienstÜbertragen aufs Team
A (Airway)Bekommt die Person Luft?Darf man noch reden, meckern, in der Retro die Meinung sagen?
B (Breathing)Atmet sie im Takt?Gibt es noch agile Taktung, Iteration, Flow, oder lauter Engpässe?
C (Circulation)Ist der Kreislauf stabil?Funktionieren die Kommunikationswege? Wer entscheidet, wer hat welche Befugnisse?
D (Disability)Wo ist der Bruch, die Blutung?Welche Werte, Verhaltensweisen oder Methoden blockieren?
E (Environment)Wie ist das Umfeld?Hält das Unternehmen den Schutzraum fürs agile Arbeiten noch?

Die Reihenfolge ist nicht beliebig. Wenn der Luftweg versperrt ist, weil etwas in der Luftröhre steckt, brauchst du nicht weiter zu schauen. Übertragen heißt das: Wenn ein Team nicht mehr offen reden darf, ist jede Methodendiskussion zweitrangig.

Beim E zeigt sich oft die eigentliche Ursache. Innerhalb eines einzelnen Teams mit eigenem Schutzraum funktioniert das agile Arbeiten, im Großen aber nicht. Dann liegt es am Umfeld: an den anderen Teams, an der Haltung des Unternehmens, an einem Schutzraum, der nicht mehr gehalten wird.

Wegnehmen wirkt oft besser als draufpacken

Der häufigste Fehler bei kränkelnder Agilität ist der Reflex, noch etwas hinzuzufügen. Jemand kommt von einer Konferenz zurück, will OKR oder mehr Retros einführen, und alle rollen mit den Augen, weil sie mit den bestehenden Methoden schon nicht zurechtkommen.

Manchmal ist Reduktion die bessere Therapie. Weniger Meetings, kürzere Meetings, eine Methode weg statt eine dazu. In dieser Einfachheit kann ein Team wieder atmen.

Dahinter steht ein wissenschaftliches Prinzip: Wer eine Sache hineingibt und alle anderen konstant hält, kann die Wirkung beobachten. Wer dauernd Neues nachschiebt, weiß nie, was gewirkt hat und welche Wechselwirkungen entstehen. Ein Mediziner verabreicht aus demselben Grund nicht alle Medikamente gleichzeitig.

Eine Maßnahme nach der anderen, mit viel Zeit und Reha. Ein Gesundungsprozess braucht Zeit.

Miriam Sasse

Heilung braucht Geduld statt Wochenfrist

Eine angeschlagene Agilität lässt sich selten in einer Woche reparieren. Wer eine Schulter verletzt, braucht vielleicht ein Jahr, bis sie wieder voll beweglich ist. Für eine stark verwundete Arbeitsweise gilt dieselbe Größenordnung.

Genau hier scheitert oft das Management, das erwartet, dass nächste Woche alles wieder läuft. Dieser Druck verhindert die Genesung. Gib dem Prozess Zeit, geh eine Maßnahme nach der anderen an und plane eine echte Reha-Phase ein.

Die Metaphern aus der Notfallmedizin schaffen den nötigen Abstand. Sie helfen dir, die Lage nüchtern zu betrachten, statt dich von ihr mitreißen zu lassen. Und in vielen Fällen gilt: Wo eben noch die Atmung aussetzte, hüpft die Organisation kurz darauf wieder über den Spielplatz. Mit kleinen, gezielten Schritten ist mehr zu retten, als es im akuten Moment aussieht.

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