Patient Agilität: Liegt agiles Arbeiten im Sterben?
Lerne, wie du Agilität im Unternehmen reanimierst. Praktische Tipps helfen bei alten Mustern und neuen Lösungen.

Wenn es kritisch wird, fallen Unternehmen in alte Muster zurück – Mikromanagement statt Selbstorganisation, Kontrolle statt Vertrauen. Doch woran liegt das? Mit Schemata aus der Notfallmedizin lässt sich diagnostizieren, wo agile Arbeitsweisen tatsächlich kränkeln: Kann das Team noch frei kommunizieren, gibt es Engpässe im Flow, oder wurde es schlicht mit zu vielen Methoden überfrachtet? Die Metapher vom Patienten Agilität zeigt, dass Heilung Zeit braucht – und manchmal mehr Weglassen als Hinzufügen bedeutet.
Podcast Episode: Patient Agilität: Liegt agiles Arbeiten im Sterben?
Ich habe mit Miriam Sasse darüber gesprochen, warum so viele Unternehmen gerade in alte Command-and-Control-Muster zurückfallen und ob Agilität überhaupt noch zu retten ist. Miriam nutzt Schemata aus der Notfallmedizin, um zu diagnostizieren, wo genau agile Teams und Organisationen kränkeln: Können sie noch frei atmen? Fließt die Kommunikation? Oder ersticken sie an zu vielen Methoden auf einmal? Wir sprechen über Allergien gegen das Wort “agil”, über Traumamanagement in der Softwareentwicklung und warum manche Unternehmen dringend Reha statt noch mehr OKRs brauchen.
„Bei vielen heißt er schon, oh geh mir weg mit agil.” - Miriam Sasse
Dr. Miriam Sasse ist promovierte Maschinenbauerin und zertifizierter Coach. Sie begleitet Organisationen bei agiler und digitaler Transformation - mit Fokus auf Deep-Tech-Teams und Game Design. Als TEDx-Speakerin und Autorin beschäftigt sie sich mit der Zukunft von Führung und Organisationsdesign. Sie lehrt an Hochschulen und leitet die Regionalgruppe der GPM OWL.
Highlights der Episode
- Agilität ist nicht tot – viele Unternehmen fallen in Krisen nur in alte Kontrollmuster zurück.
- Ampel-Schema aus dem Rettungsdienst: Erst prüfen, ob noch Atmung da ist – darf man noch frei sprechen?
- Nicht immer mehr Methoden draufpacken – manchmal muss man Meetings und Prozesse einfach weglassen.
- ABCDE-Schema für Trauma: Airway, Breathing, Circulation, Disability, Environment – priorisiert behandeln, nicht alles gleichzeitig.
- Gesundung braucht Zeit – eine Maßnahme nach der anderen, nicht zehn neue Tools auf einmal.
Agilität am Limit: Wie Unternehmen das agile Arbeiten retten können
Das Ende der Agilität? Frust und Rückschritte
Agilität klingt mittlerweile für viele nach einem leeren Schlagwort. Wer das Wort „agil“ in manchen Unternehmen noch ausspricht, braucht Mut. Denn zu oft ist Frust spürbar: Es wirkt, als wäre von den Versprechen schnellen und flexiblen Arbeitens kaum etwas übrig. Mitarbeitende und Führungskräfte berichten, dass Agilität nicht richtig funktioniert. Statt weiterzumachen, fühlt sich alles zu schwer, zu komplex an.
Oft passiert in Unternehmen dann Folgendes: Unter Druck, etwa durch eine schlechte Wirtschaftslage, wird der Wunsch nach Sicherheit groß. Menschen greifen auf alte Muster zurück, weil sie diese kennen. Mikromanagement, Kontrolle und klassische Ansagen schleichen sich wieder ein. Das eigentlich angestrebte agile Mindset wird wieder auf Pause gestellt. Am deutlichsten wird das, wenn Führungskräfte plötzlich Vorgaben machen, als gäbe es kein agiles Team mehr.
Was geht hier schief? Symptome einer kränkelnden Agilität
Die größte Schwäche vieler agiler Initiativen liegt darin, dass es nie Teil der Unternehmenskultur wurde. Viele Teams führen neue Methoden ein, weil es modern ist. Ein Agiles Framework jagt das nächste, Coaches werden eingestellt, Bücher gelesen, Workshops besucht. Das eigentliche Ziel – schnelle Anpassungsfähigkeit durch eigenverantwortliche Teams – bleibt trotzdem oft unerreicht.
Es zeigt sich: In Unternehmen, die wirklich agil arbeiten, merkt man das kaum. Die Arbeitsweise ist wie selbstverständlich, ein fester Bestandteil des Alltags. In anderen, besonders in älteren Organisationen, bleibt Agilität hingegen oft ein Fremdkörper. Bei Problemen und Stress gehen diese Teams dann auf das zurück, was sie immer schon gemacht haben – weil ihnen ein tiefes Verständnis und echtes Vertrauen für agiles Arbeiten fehlt.
Rettung in Sicht: Die Notfallmedizin-Methoden
Miriam Sasse und ihr Kollege Peter Schnell haben einen ungewöhnlichen Weg gefunden, um Agilität zu reparieren. Sie nutzen Methoden aus der Notfallmedizin, um systematisch zu prüfen: Wo liegt das Problem? Und an welcher Stelle müssen wir als erstes ansetzen?
Zwei Schemata helfen dabei besonders: „Ampel“ und „ABCDE“. Beide werden eigentlich von Sanitätern eingesetzt – für Teams kann man sie aber genauso anwenden.
Ampel-Schema: Allergien, Medikamente, Vorgeschichte
Allergien – Gibt es im Team oder Unternehmen eine regelrechte Abwehr gegen das Wort „agil“? Dann hat sich vielleicht schon eine Überdosis an Veränderungen oder gescheiterten Methoden angesammelt.
Medikamente – Welche „Methoden“ wurden zuletzt eingeführt? Zu oft werden mehrere Ansätze gleichzeitig implementiert, ohne zu schauen, was wirkt.
Vorgeschichte – Welche Krisen, Vorerkrankungen oder Rückschläge gab es bereits? Ist das Team ohnehin angeschlagen?
Ereignisse – Welche Auslöser haben aktuell für Stress gesorgt?
Letzte Energie – Wer treibt das Thema Agilität überhaupt noch? Woher kommt Engagement, und wie viel „Kraft“ ist noch übrig?
Schon diese Fragen helfen, den Zustand eines Teams genauer zu verstehen und vorschnelle weitere Maßnahmen zu vermeiden.
ABCDE-Schema: Schritt für Schritt zur richtigen Diagnose
Airway (Luftweg) – Können alle offen sprechen? Gibt es ehrliches, sicheres Feedback, gerade in Meetings? Schweigen oder Angst sind Warnzeichen.
Breathing (Atmung) – Finden regelmäßige Sprints, Retrospektiven oder andere Taktungen noch statt? Gibt es klare Rhythmen?
Circulation (Kreislauf) – Wer kommuniziert mit wem? Gibt es klare Entscheidungswege? Keine Abstimmung heißt: Gefahr für das Team.
Disability (Behinderung) – Welche echten Hindernisse blockieren das Team? Methoden, Werte oder Normen, die nicht passen?
Environment (Umfeld) – Passt das Unternehmen zum Teamgeist? Gibt es Schutzräume oder wird alles gleich von außen unterbunden?
Weniger ist mehr: Nicht noch eine Methode
Oft wollen Unternehmen Probleme lösen, indem sie noch einen neuen Ansatz versuchen. Doch zu viele Änderungen können überwältigend sein. Besser: Eine Maßnahme nach der anderen einführen, Beobachten, und Zeit geben. Wie in der Medizin wirkt Geduld Wunder – Heilung braucht Zeit, auch für Agilität.
Der wichtigste Weg zur Rettung der Agilität ist Ehrlichkeit. Offene Gespräche über Probleme und die Bereitschaft, auch mal zu pausieren, helfen mehr als immer neue Methoden. Mit guten Fragen und kleinen Schritten bekommen Teams wieder Luft. Schritt für Schritt kann so echte, lebendige Agilität zurückkehren.
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