“Entwickler mit Testing-Skills sind heiß begehrt – und der Markt ist leer.” - Richard Seidl
Ich begleite nun seit vielen Jahren Teams und Unternehmen auf ihrer agilen Reise. Aber es ist immer noch jedes mal ein wunderbarer Moment, wenn spürbar diese historisch gewachsenen Mauern zwischen Rollen und Professionen eingerissen werden und dadurch ein richtiger Boost in der Zusammenarbeit und der Produktivität entsteht.
Besonders sichtbar ist das für mich im Software-Testing. Waren früher die Teams strikt getrennt – hier das Testteam und da das Entwicklungsteam (mit allen Konflikten, Schuldzuweisungen und Reibereien) – wächst diese Kompetenz immer mehr zusammen. Mit der richtigen Begleitung in Form von Mentoring und Ausbildung, passiert genau das, was den Zauber ausmacht: Qualität und Testing-Kompetenz wird zur gelebten Praxis des ganzen (!) Teams. Qualität wird zur Haltung.
Testing-Skills etablieren
Fürs Mentoring oder Coaching wird oft damit begonnen, einen Tester ins Team zu packen. Das ist ein guter Start, es muss aber darauf geachtet werden, dass im Team nicht eine Dynamik entsteht à la “jö schau, ein Tester, dann braucht sich der Rest ja nicht um Qualität zu kümmern.” Denn es geht ja eigentlich darum, die Testing-Skills im gesamten Team zu etablieren!
Bleibt noch, die eigenen Entwickler mit den Testing-Skills auszustatten. Für die meisten Software-Entwickler ist aber eine Ausbildung wie der ISTQB Certified Tester Foundation Level (CTFL) zu abstrakt und mit Themen wie Testmanagement bestückt, die im Entwicker-Alltag wenig Relevanz haben. Interessant dabei: Frühere CTFL-Lehrpläne und -Prüfungen waren mit Anwendungen am Source-Code durchaus auch für Entwickler geeignet. Technisches Know-How wurde aber sukzessive aus dem CTFL verbannt.
Brücken bauen
Diese Lücke möchte nun die Zertifizierung zum “A4Q Software Development Engineer in Test” (SDET) schließen, die ich mir mal genauer angesehen habe. Sie wurde in Zusammenarbeit zwischen dem German Testing Board (GTB) und der Alliance for Qualification (A4Q) entwickelt und vermittelt genau jene Inhalte des CTFL, die für Software-Entwickler relevant sind: Warum eigentlich Testen? Wie und was teste ich in meinem Entwicklungsprozess? Was bringen statische Analyse und Reviews? Wie erstelle ich gute Testfälle – sprich, welche Testfallentwurfsverfahren gibt es?
Die Inhalte werden noch weiter vertieft um Komponenten aus dem ISTQB Certified Tester Advanced Level – Technical Test Analyst (CTAL-TTA).
Damit der Transfer in den Entwicklungs-Alltag greifbarer wird, gibt es begleitend praktische Übungen, die direkt mit Source-Code und Spezifikationen arbeiten.
Meiner Meinung nach baut SDET eine wichtige Brücke zwischen Software-Entwickler und Tester-Skills. Entwickler mit Testing-Skills sind heiß begehrt – und der Markt ist leer. Der massive Anstieg an Testautomatisierungs-Bedarf der letzten Jahre hat die Situation noch verschärft. Da ist eine Weiterqualifizierung der bestehenden Mitarbeiter ein sinnvoller Schritt.
Und schlußendlich ist es ein weiterer Schritt zu einem ganzheitlichen, integralen Team, zur Reduktion von Insel- und Silo-Wissen und zu mehr Austausch zu Themen auf Augenhöhe!
Häufig gestellte Fragen
Warum bremsten getrennte Test- und Entwicklungsteams die Zusammenarbeit?
Die strikte Trennung erzeugte Konflikte, Schuldzuweisungen und Reibereien zwischen den Gruppen. Verantwortung für Qualität wurde verschoben statt geteilt. Wächst die Testkompetenz dagegen zusammen, entsteht ein spürbarer Schub in Zusammenarbeit und Produktivität, weil die historisch gewachsenen Mauern zwischen Rollen und Professionen fallen. Qualität wird dann zur Haltung des Teams, nicht zur Aufgabe einer Abteilung.
Wie lässt sich Testkompetenz im ganzen Team verankern?
Mentoring und Ausbildung sind die tragenden Hebel. Erst durch begleitete Qualifizierung wird Testen zur gelebten Praxis des gesamten Teams statt zur Spezialaufgabe einzelner. Das Ziel ist weniger Insel- und Silo-Wissen und mehr fachlicher Austausch auf Augenhöhe. Ein integrales Team entsteht nicht durch Umorganisation allein, sondern durch den Aufbau von Fähigkeiten bei allen Beteiligten.
Reicht es, einen Tester ins Entwicklungsteam zu setzen?
Das ist ein guter Start, aber keine Lösung. Es besteht die Gefahr einer Dynamik nach dem Muster: Jetzt ist ein Tester da, also muss sich der Rest nicht mehr um Qualität kümmern. Genau das verfehlt den Zweck, denn Testing-Skills sollen im gesamten Team entstehen. Der Tester im Team sollte deshalb als Mentor wirken, nicht als Zuständiger für Qualität.
Ist eine klassische Tester-Zertifizierung für Software-Entwickler geeignet?
Nur eingeschränkt. Der ISTQB Certified Tester Foundation Level war 2023 für die meisten Entwickler zu abstrakt und enthielt Themen wie Testmanagement, die im Entwickleralltag wenig Relevanz haben. Frühere Lehrplanversionen mit Anwendungen direkt am Source-Code waren für Entwickler durchaus brauchbar, das technische Know-how wurde jedoch sukzessive aus dem Foundation Level entfernt.
Welche Themen sollte eine Testausbildung für Entwickler abdecken?
Sinnvoll sind die entwicklungsnahen Teile des Testwissens: warum überhaupt getestet wird, was und wie im eigenen Entwicklungsprozess getestet wird, welchen Nutzen statische Analyse und Reviews haben und welche Testfallentwurfsverfahren es gibt. Dazu kommen technische Vertiefungen, wie sie der Advanced Level Technical Test Analyst abdeckt. Praktische Übungen an Source-Code und Spezifikationen machen den Transfer greifbar.
Warum sind Entwickler mit Testing-Skills schwer zu finden?
Der Markt war 2023 praktisch leer. Der starke Anstieg des Testautomatisierungs-Bedarfs in den Jahren davor hatte die Lage zusätzlich verschärft, weil dafür genau die Mischung aus Entwicklungs- und Testkompetenz gebraucht wird. Deshalb ist die Weiterqualifizierung bestehender Mitarbeiter oft der realistischere Weg als die Suche nach fertigen Profilen auf dem Arbeitsmarkt.


