Was ist Agilität?
Agilität ist die Fähigkeit, in einem unsicheren und schnell wechselnden Umfeld handlungsfähig zu bleiben. Sie stützt sich auf Werte, Prinzipien und eine Haltung statt auf eine feste Prozedur. Das Wort kommt über das Französische vom lateinischen agilis, beweglich. Der Duden führt für agil inzwischen auch eine Bedeutung aus der Arbeitswelt: zügig, weil schrittweise, und dabei transparent und flexibel.
Agilität taucht heute in fast jedem Kontext auf und ist zum Hype geworden. Viele Unternehmen wollen agil arbeiten, um effizienter, resilienter und flexibler zu werden und Innovationen zu fördern. Das sind nachvollziehbare Ziele. Wer Agilität aber nur als Werkzeug für Effizienz einkauft, übersieht den Kern: Werte und eine Haltung, mit denen ein Team auch dann gut entscheidet, wenn der Plan nicht mehr stimmt.
Woher die Agilität kommt
Agil zu arbeiten ist gar nicht so modern. Iterative und inkrementelle Ansätze gab es schon in den 1950er und 1970er Jahren, als die Computer- und Softwareindustrie noch in den Kinderschuhen steckte. Richtig Fahrt aufgenommen hat die agile Bewegung 2001. Im Februar trafen sich 17 Personen im Skigebiet Snowbird in Utah, darunter Autoren und Vertreter von Extreme Programming, Scrum und anderen leichtgewichtigen Methoden. Sie waren unzufrieden damit, wie Projekte abliefen, und wollten den Fokus stärker auf das Ergebnis legen, auf den Kunden und seine Wünsche. Heraus kam das Manifest für Agile Softwareentwicklung.
Das Manifest gewichtet vier Paare neu. Beide Seiten sind wichtig, die linke ist wichtiger:
- Individuen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge
- Funktionierende Software ist wichtiger als umfassende Dokumentation
- Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als Vertragsverhandlung
- Reagieren auf Veränderung ist wichtiger als das Befolgen eines Plans
Dazu kommen zwölf Prinzipien, etwa die häufige Auslieferung funktionierender Software, die tägliche Zusammenarbeit von Fachbereich und Entwicklung und die regelmäßige Reflexion im Team darüber, wie es wirksamer werden kann.
Damit begann ein Paradigmenwechsel in der Softwareentwicklung. Scrum, Kanban und Extreme Programming wurden zu den bekanntesten agilen Methoden und brachten neue Arbeitsweisen in Projekte und Unternehmen. Bei Software blieb es nicht: agiles Marketing, agiles Controlling, agile Logistik, der agile Handwerksbetrieb, die agile Schulklasse, die agile Familie. Mit der Verbreitung kamen Dienstleistungen, Beratungsprodukte, Zertifizierungen und neue Modelle. Und mindestens ebenso viele Antworten auf die Frage, was agil eigentlich bedeutet.
Wozu agil arbeiten?
Klassische Unternehmens- und Projektvorgehen setzen auf Planung und Optimierung. Das trägt, solange das Umfeld stabil bleibt. Die gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Entwicklung ist in den letzten Jahrzehnten aber regelrecht explodiert, Innovationen geben sich die Klinke in die Hand. Globalisierung, Internet und die ständige Verfügbarkeit von Informationen beschleunigen das weiter. Ein Plan, der über Monate akribisch ausgearbeitet wurde, kann morgen schon obsolet sein.
Für dieses Umfeld hat sich der Begriff VUCA-Welt eingebürgert: Volatilität (volatility), Unsicherheit (uncertainty), Komplexität (complexity) und Mehrdeutigkeit (ambiguity). Agile Methoden versuchen, darauf eine Antwort zu geben. Sie helfen, auf diesem VUCA-Meer Kurs zu halten, auch wenn der Wind ständig dreht.
Werte, Prinzipien und Haltung
Jede Definition von Agilität hat einen eingebauten Haken. Ein Ansatz, der beim Umgang mit Schwankungen, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit helfen soll, kann selbst keine starre Prozedur sein. Agil zu arbeiten ist deshalb ein systemischer Prozess aus Werten, Prinzipien und Haltung.
Agile Werte sind alle, die beim Umgang mit VUCA helfen. Ein paar Beispiele: Mut, Offenheit, Selbstverantwortung, Transparenz, Kommunikation, Optimismus, Wertschätzung.
Ein agiles Mindset lebt diese Werte jeden Tag, im Tagesgeschäft und gerade auch drumherum. Dazu gehört,
- Veränderung willkommen zu heißen,
- Bestehendes immer wieder zu hinterfragen,
- zu akzeptieren, dass agil zu sein laufende Anpassung bedeutet,
- lösungsorientiert zu handeln,
- die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu vergrößern.
Konsequent zu Ende gedacht, ist Agilität vor allem eines: individuell. Jedes Team muss seinen eigenen agilen Weg finden und seine eigenen Antworten auf VUCA. Werte und Haltung sind dabei Leuchttürme. Sie helfen beim Navigieren, die Arbeit an Deck ersetzen sie nicht.
Welche Rolle spielen Scrum, Kanban und Co.?
Frameworks wie Scrum oder Kanban sind ein guter Start für den agilen Weg. Sie sind erprobte Best Practices, abgeleitet aus dem, was bei erfolgreichen Teams, Projekten und Unternehmen funktioniert hat. In der Softwareentwicklung ist das die Form, die Agilität meist annimmt. Das ISTQB-Glossar beschreibt agile Softwareentwicklung als Gruppe iterativer, inkrementeller Lebenszyklusmodelle, in denen sich Anforderungen und Lösungen durch die Zusammenarbeit selbstorganisierender, funktionsübergreifender Teams entwickeln. Mit diesen Frameworks kann ein Team experimentieren und anfangen, agile Werte zu leben.
Es bleiben trotzdem die Best Practices anderer. Mehr zählen die eigenen Erfahrungen, die ein Team macht, wenn es ein Vorgehen selbst ausprobiert. Was funktioniert, wird weiterentwickelt. Was nicht funktioniert, wird verändert oder verworfen. So entsteht Schritt für Schritt ein eigenes Set an Methoden und Tools, das zum Team passt.
Ein Kicker macht noch kein agiles Team
Hier ein bisschen Scrum, da ein Kicker im Pausenraum, und alle zwei Monate ist Casual Friday. Dann klappt’s auch mit agil? Mit dieser Herangehensweise kommt kaum ein Team auf einen agilen Weg, der wächst. Losgelöste, punktuelle Aktivitäten enden wenig überraschend mit Augenrollen und Unruhe bei den Beteiligten.
Was Agilität bewirken kann, zeigt sich erst, wenn Menschen, Methoden, Tools, Umfeld und Mindset zusammenspielen. Dann bekommt Innovation Schwung, und aus den Methoden wird die Arbeitsweise des Teams.
Agiles Arbeiten jenseits der Softwareentwicklung
Als Unternehmenskonzept tauchte Agilität schon 1991 im Agile Manufacturing auf, groß geworden ist sie in der Softwareentwicklung. Diesen Bereich hat sie längst verlassen. Agile Ansätze sind eher eine Art, Arbeit neu und anders zu denken, als eine an Software gebundene Methode. Deshalb passen sie in fast jeden Kontext: Logistik, Versicherungen, Banken, Handwerk, Medizintechnik, Mittelstand, Startups, soziale Einrichtungen, Familien oder die Skalierung über Konzerne.
Wohin entwickelt sich agiles Arbeiten?
Die Grenzen sind schon heute unscharf. Viele Sichtweisen auf die Arbeit von morgen teilen gemeinsame Werte und ein ähnliches Mindset, ob sie nun Agilität heißen, New Work oder anders. Das Ziel ist bei allen gleich: eine Arbeits- und Lebenswelt, die den heutigen Herausforderungen gerecht wird und in der Menschen trotz aller Unsicherheit handlungsfähig und kreativ bleiben.
Ich glaube, diese Ansätze werden noch systemischer und betrachten den Menschen in all seinen Kontexten: im Unternehmen, im Team und im eigenen Denken und Handeln. Vielleicht verschwindet der Begriff Agilität dann wieder aus dem Sprachgebrauch. Bestenfalls, weil diese Art zu arbeiten, zu leben und zu denken ganz normal geworden ist.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet agil?
Agil bedeutet beweglich, regsam und wendig. Das Wort kommt über das Französische vom lateinischen agilis. Für die Arbeitswelt nennt der Duden eine zweite Bedeutung: zügig, weil schrittweise, und dabei transparent und flexibel. Agil arbeitende Teams liefern häufig, reflektieren regelmäßig, wie sie wirksamer werden, und passen ihr Vorgehen laufend an.
Kann man Agilität einführen?
Die Methoden ja, die Haltung nicht per Beschluss. Scrum oder Kanban lassen sich einführen und sind ein guter Start, weil sie erprobte Praxis anderer Teams bündeln. Agil wird ein Team erst, wenn es die Werte im Alltag lebt, eigene Erfahrungen sammelt und sein Vorgehen danach anpasst. Punktuelle Maßnahmen wie etwas Scrum und ein Kicker im Pausenraum enden meist mit Augenrollen.
Wie hängen Agilität und New Work zusammen?
Beide teilen gemeinsame Werte und ein ähnliches Mindset, die Grenzen zwischen ihnen sind unscharf. Das Ziel ist dasselbe: eine Arbeits- und Lebenswelt, die den heutigen Herausforderungen gerecht wird und in der Menschen trotz Unsicherheit handlungsfähig und kreativ bleiben. Ob ein Ansatz Agilität heißt oder New Work, ist dabei zweitrangig.


