Braucht ein agiles Projekt noch einen Testmanager?
Ob ein agiles Projekt noch einen Testmanager braucht, werde ich immer wieder gefragt. Meine Antwort ist eindeutig: Kommt drauf an. Nämlich darauf, welche Aufgaben das Team von dieser Rolle braucht und wer im Team sie übernehmen kann. Im agilen Testmanagement bleiben die Aufgaben bestehen. Offen ist, wer sie trägt.
In jedem professionellen Projekt gibt es qualitätssichernde Aufgaben, ob es traditionell oder agil läuft. Im traditionellen Vorgehen bündelt der Testmanager viele davon, mit Schwerpunkt auf Testplanung und Teststeuerung. Im agilen Team tragen alle die Verantwortung für Qualität. Die Aufgaben gibt es dort genauso, sie sitzen nur nicht zwangsläufig bei einer Person mit diesem Titel.
Was der ISTQB-Lehrplan zur Testmanagementrolle sagt
Das ISTQB-Glossar definiert den Testmanager als die Person, die für das Management von Testaktivitäten, Testressourcen und die Bewertung des Testobjekts verantwortlich ist. Der Lehrplan Foundation Level 4.0 beschreibt dazu eine Rolle des Testmanagements. Sie konzentriert sich auf Testplanung, Testüberwachung, Teststeuerung und Testabschluss. Ausfüllen kann sie ein Teamleiter, ein Testmanager oder ein Entwicklungsleiter.
Für agile Softwareentwicklung wird der Lehrplan konkret. Einige Aufgaben des Testmanagements kann das agile Team selbst übernehmen. Aufgaben, die mehrere Teams oder die ganze Organisation betreffen, können bei Testmanagern außerhalb des Entwicklungsteams liegen. Der Lehrplan Advanced Level Test Management 3.0 geht einen Schritt weiter: In iterativen Modellen wie Scrum sind die Rollen integriert, und ein Moderator oder Coach ersetzt den traditionellen Testmanager.
Welche Aufgaben gehören zum agilen Testmanagement?
Worum geht es also konkret? Die folgenden Aufgaben hätte im traditionellen Projekt der Testmanager übernommen. Im agilen Projekt braucht das Team sie weiterhin.
Release- und Iterationsplanung
- Testaufwand und Machbarkeit abschätzen, zum Beispiel über Planning Poker
- Inhalte, die fachlich nah beieinander liegen und sich deshalb effizient gemeinsam testen lassen, in einem oder wenigen Releases oder Iterationen bündeln
- bei der Schätzung einzelner Backlog Items darauf achten, dass der Testaufwand mitgeschätzt wird
Product Backlog und Akzeptanzkriterien
- Backlog Items auf Eindeutigkeit, Widerspruchsfreiheit, Vollständigkeit und vor allem Testbarkeit prüfen
- jedes Item auch aus Sicht von Kunde und Endanwender lesen
- prüfen, ob Akzeptanzkriterien vorhanden sind, die klar und widerspruchsfrei formuliert und verifizierbar sind (und, wo es für den Test zählt, auch testbar)
Teststrategie, Umgebungen und Automatisierung
- eine Teststrategie erstellen, die zum gewählten Entwicklungsvorgehen passt
- Continuous Integration mit Test aufsetzen und alle Teststufen einbinden, von Unit-Tests für Test-driven Development bis zu System- und Akzeptanztests
- Testergebnisse in Reports und Dashboards sichtbar machen und den Weg vom Test bis zur Pre-Production festlegen
- Testumgebung, Testräume und Equipment organisieren
- Werkzeuge per Proof of Concept auswählen, die Testverwaltung festlegen und ein Vorgehen für die Automatisierung auf System- und Akzeptanztestebene erarbeiten
- die Automatisierung von Unit-, Integrations- und Akzeptanztests vorantreiben und dafür sorgen, dass ein einsatzfähiges Testautomatisierungs-Framework da ist
Teamaufbau und Zusammenarbeit
- sicherstellen, dass erfahrene Tester und Testmanagement-Know-how an Bord sind, und das Testwissen im Team bei Bedarf ausbauen
- klären, wie Entwicklung und Test zusammenarbeiten: Gibt es eigene Entwickler- und Tester-Tasks, oder folgt der Test automatisch auf die Entwicklung?
- transparent machen, wann die Entwicklung fertig ist und der Test beginnen kann
- entscheiden, ob Tester dasselbe Taskboard nutzen wie das Team oder ein eigenes
- festlegen, wie Defects kommuniziert werden, über das Taskboard oder ein Werkzeug
Definition of Done
- die Definition of Done gemeinsam erarbeiten, mit Fokus auf Qualität, Testbarkeit und Messbarkeit
- prüfen, ob vorgegebene Rahmenbedingungen in der DoD abgedeckt sind, etwa gesetzliche Regulatorien
Wie das im Detail aussehen kann, beschreiben wir in unserem Buch „Agile Testing: Der agile Weg zur Qualität“.
Wer im Team welche Aufgabe übernimmt
Viele dieser Aufgaben sind in der agilen Softwareentwicklung längst durch andere Rollen abgedeckt. Scrum etwa kennt im Scrum Team nur Product Owner, Scrum Master und Developers, ohne Teilteams und ohne Hierarchie. Die Developers verankern Qualität, indem sie die Definition of Done einhalten. Gibt die Organisation keine DoD vor, erstellt das Scrum Team sie selbst.
Für den Rest entscheidet das Team, ob und wer sich darum kümmert. Manchmal sammeln sich die Aufgaben dabei bei einer einzelnen Person. Das ist in Ordnung, solange daraus kein Wissens-Silo wird. Nach meiner Erfahrung funktioniert es besser, die Aufgaben auf mehrere Teammitglieder zu verteilen und die Aktivitäten gemeinsam im Blick zu behalten.
Mit den Aufgaben wandert auch die Dokumentation. Vieles, was früher im Testkonzept stand, steht heute in Akzeptanzkriterien und in der Definition of Done. Der Advanced-Level-Lehrplan empfiehlt, die Teststrategie zu dokumentieren, verlangt dafür aber kein formelles Testkonzept. Für agile Projekte nennt er die Möglichkeit, ein Testkonzept je Iteration zu vereinbaren.
Ist der Testmanager jetzt arbeitslos?
Alle Aufgaben sind im Team verteilt. Ist der Testmanager damit überflüssig? Ganz im Gegenteil. Sein Wissen und seine Erfahrung bleiben wertvoll.
Wechselt ein Unternehmen auf agile Softwareentwicklung, stellt sich trotzdem eine berechtigte Frage: Wie geht es als Testmanager weiter? Ich habe in den letzten Jahren viele Testmanager gecoacht, die genau davor standen. Einige sind als Tester in agile Projekte gegangen und haben dort die Testaktivitäten vorangetrieben. Andere wurden Agile Quality Coaches. Sie haben sich ein neues Rollenverständnis erarbeitet und begleiten heute Projekte im Unternehmen. Dort helfen sie Entwicklern und anderen Teammitgliedern dabei,
- Qualitätsaufgaben in den Arbeitsalltag zu integrieren,
- Fragen zu Softwaretest und Qualität im Sparring durchzudenken,
- Qualität als Haltung im Team zu verankern,
- Infrastruktur, Testdaten und Teststrategie aufzusetzen.
Vom Gantt-Chart zum Teambegleiter
Der Bedarf an passgenauen Softwaretests steigt, weil Systeme immer stärker miteinander interagieren und komplexer werden. Das Wissen der Testmanager wird dabei wichtiger. Wie sehen effiziente Tests aus? Welche Tests haben welche Priorität?
Ausgedient hat das klassische Bild der Rolle: der Manager, der ein Testkonzept mit Hunderten Seiten schwingt und den ganzen Tag über Gantt-Charts brütet. Den treffen wir immer seltener. Der agile Testmanager ist ein Teambegleiter. Er bringt sein Know-how in Entwicklungs- und Testteams ein und hilft ihnen, ihren eigenen Weg zur Qualität zu finden.
Häufig gestellte Fragen
Was macht ein agiler Testmanager?
Ein agiler Testmanager begleitet das Team, statt den Test allein zu steuern. Er bringt Testwissen in Release- und Iterationsplanung, in Backlog-Reviews und in die Definition of Done ein, achtet auf verifizierbare Akzeptanzkriterien und hilft bei Teststrategie, Testumgebung und Automatisierung. Viele dieser Aufgaben übernehmen andere Teammitglieder mit, damit kein Wissens-Silo entsteht.
Wie funktioniert Testen in Scrum-Projekten?
Scrum sieht keine eigene Testmanager-Rolle vor. Das Scrum Team besteht aus Product Owner, Scrum Master und Developers, und die Developers sichern Qualität über die Definition of Done. Testaufgaben wie Aufwandsschätzung, Prüfung der Backlog Items auf Testbarkeit oder Testautomatisierung gehören deshalb zur gemeinsamen Arbeit. Was keine Rolle abdeckt, verteilt das Team selbst.
Braucht ein agiles Projekt ein Testkonzept?
Eine dokumentierte Teststrategie ja, ein umfangreiches Testkonzept nur selten. Laut ISTQB-Lehrplan Advanced Level Test Management muss die Strategie nicht als formelles Testkonzept vorliegen, für agile Projekte nennt er ein Testkonzept je Iteration als Möglichkeit. Im agilen Testmanagement stehen viele Festlegungen ohnehin in den Akzeptanzkriterien und in der Definition of Done.


