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Fußballanalyse trifft Softwaretest - Richard Seidl

Geschrieben von Richard Seidl | 17.02.2026

Alte Software in neue Lösungen zu überführen ist eine komplexe Aufgabe, besonders wenn die Testabdeckung optimiert werden soll. Ein Team hat sich dazu von Fußballanalysen inspirieren lassen und nutzt Process Mining, um aus echten Produktionsdaten die wichtigsten Workflows und Durchlaufvarianten aufzudecken.

Podcast Episode: Fußballanalyse trifft Softwaretest

In dieser Folge spreche ich mit Sven Braxein und Athanasios Kallinikidis darüber, wie sie Fußballanalysen nutzen, um die Testabdeckung in einem Softwareprojekt zu verbessern. Die Idee entstand spontan, als Thanos im Büro Clips für sein Fußballteam schnitt. Daraus wurde ein spannender Dialog: Können wir aus echten Produktionsdaten so lernen wie aus Sportstatistiken? Wir sprechen über Process Mining, Zähler und Nenner beim Thema Testabdeckung, überraschende Erkenntnisse und den Unterschied zwischen Meinung und Wissen.

"Wenn das schon im Kreisliga Fußball möglich ist, dass jemand sagt, ich lerne von meinem Spiel für das Training, dann muss es doch auch bei uns in der IT möglich sein, aus unseren Produktionsdaten was für die Tests zu lernen." - Sven Braxein

Athanasios ist 28 Jahre alt, hat griechische Wurzeln und ist im Kreis Esslingen bei Stuttgart geboren und aufgewachsen. An der Technischen Universität München absolvierte er den Bachelor und Master in Management & Technology mit Schwerpunkt Informatik. Ein Praktikum bei Celonis entfachte seine Leidenschaft für Process Mining und legte den Grundstein für seinen Karrierefokus. Heute treibt er bei Mercedes‑Benz Leasing Deutschland als Product Owner im Platform Team Business‑IT die Weiterentwicklung der Process‑Mining‑Plattform voran. Athanasios ist leidenschaftlicher Fußballfan und hat das Coaching als zweite Berufung entdeckt. Als Werkstudent arbeitete er in der Spielanalyse des FC Bayern München II in der 3. Liga. Die dort erlernten Analysekompetenzen überträgt er aktuell auf die Arbeit mit seiner Kreisliga‑Herrenmannschaft.

Sven Braxein ist Gründer und Geschäftsführer der 2008 gegründeten TestGilde GmbH.Er arbeitet seit 30 Jahren in der Beratung von IT-Projekten mit Fokus auf Software Qualitätssicherung und Test. Sein Schwerpunkt liegt im Testmanagement für Großprojekte sowie in der Konzeption und Umsetzung unternehmensweiter Testmanagementstrukturen.Wenn es das Thema Qualität und Test noch nicht gäbe, für ihn müsste es erfunden werden.

Highlights der Episode

  • Mehr Wissen, weniger Meinung steigert die Qualität der Tests
  • Produktionsdaten ersetzen Bauchgefühl bei der Testpriorisierung
  • Process Mining zeigt reale Nutzungsvarianten und deren Häufigkeiten
  • Die Top-10-Workflows decken meist 80 Prozent der Nutzung ab
  • Automatisierung macht die Erkenntnisse in der Regression dauerhaft nutzbar

Mehr Wissen, weniger Meinung: Wie Fußballanalysen die Testabdeckung verbessern

Softwaretest klingt oft wie ein trockenes Thema. Aber im Podcast Software Testing sprechen Leute, die mit Herzblut dabei sind. In dieser Folge zeigt Richie , wie viel Spannung in der Welt der Qualitäts- und Testprozesse steckt. Zu Gast bei ihm sind Athanasios Kallinikidis, Fußballtrainer und Softwareexperte, und Sven Braxein, Testprofi aus einem großen IT-Projekt. Ihre Story beginnt mit einer ganz anderen Disziplin: Fußball. Was kann Qualitätssicherung von Fußballanalysen lernen? Ziemlich viel.

Das Problem: Unklare Testabdeckung und ein neuer Ansatz

In Sven und Athanasios' Projekt steht ein großes Ziel: Die alte Software soll durch eine neue ersetzt werden. Das klingt einfach, wäre da nicht die Frage, wie getestet wird und was überhaupt getestet werden muss. Zu Beginn kommt der Vorwurf: "Eure Abdeckung im Regressionstest ist zu schlecht." Doch was soll eigentlich abgedeckt werden? Wie erkennt man, welche Tests wirklich zählen? Sven Braxein stellt die klassische Frage der Prozentrechnung: Was ist der Nenner und was der Zähler? Die Antwort im Alltag bleibt oft aus.

Plötzlich taucht durch Zufall eine Idee auf. Athanasios Kallinikidis sitzt am Laptop im Büro und schneidet Videoclips für seine Fußballmannschaft. Er nutzt eine günstige Kamera und spezielle Software, die Spielsituationen trackt und Statistiken erstellt. Jeder Spieler, jeder Laufweg, jeder Schuss wird erfasst. Sven Braxein hört zu und denkt: Wenn das sogar im Amateurfußball funktioniert, warum nicht auch bei Softwareprojekten? Beim Fußball lernt man aus echten Spieldaten fürs Training. Im IT-Projekt müsste sich doch auch aus den echten Nutzungsdaten der Software etwas für die Tests lernen lassen.

Process Mining: Realität sichtbar machen

Das Gespräch führt zurück zum Berufsleben. Athanasios arbeitet im Unternehmen mit Process Mining Tools. Process Mining verbindet klassische Prozessanalyse aus der Beratung mit den Möglichkeiten des Data Mining. Jeder Klick, jede Aktion im System hinterlässt Spuren. Mit Process Mining kann man diese Spuren zusammenfassen und exakt sehen, welche Abläufe wirklich stattfinden.

Im Softwareprojekt gibt es 160 verschiedene Workflows. Jeder Workflow repräsentiert einen Geschäftsprozess, wie einen Vertrag anlegen, beenden oder ändern. Mit Hilfe der Prozessdaten aus der Produktionsumgebung zeigt das Tool, welche Workflows und welche Durchläufe am häufigsten in der echten Welt vorkommen. Ein Workflow wird dabei bis zu 600 Mal unterschiedlich durchlaufen. Die Statistik kann auswerten, welche zehn Durchläufe zusammen schon 80 Prozent der realen Nutzung abdecken.

Diese Analyse ermöglicht ein neues Testmodell: Statt nach Gefühl oder alten Annahmen zu testen, werden die Testfälle nach den tatsächlichen Nutzungsdaten der Realität ausgewählt. Die Top-10 Workflows werden gründlich geprüft. Die selten genutzten kann man vernachlässigen.

Mehr Transparenz: Was wirklich zählt

Der Fußballvergleich hilft. "Mehr Wissen, weniger Meinung", sagt Athanasios Kallinikidis. Im Training steht nicht mehr zur Diskussion, wer am meisten gelaufen ist. Die Zahlen zeigen es. Im Softwareprojekt funktioniert das ebenso. Die Testabdeckung orientiert sich an echten Bedürfnissen, nicht mehr an Annahmen.

Im Podcast wird deutlich: Die Ergebnisse überraschen manchmal. Workflows, die auf der Testliste eher stiefmütterlich behandelt werden, sind in der Produktion die wichtigsten. Umgekehrt zeigt die Analyse auch, welche Prozesse vielleicht gar nicht mehr gebraucht werden und wo Testressourcen besser eingesetzt werden sollten.

Grenzen und Nachhaltigkeit

Doch auch diese Methode hat ihre Grenzen. Irgendwann wird der Aufwand zu hoch, wenn man alle kleinen Systeme und Datenbanken einbeziehen möchte. Der Nutzen sinkt. Die Routine ist entscheidend: Die regelmäßige Auswertung und ein automatisierter Prozess sorgen dafür, dass die Methode dauerhaft hilft.

Das Ziel bleibt: Testabdeckung soll so gestaltet werden, dass sie nicht nur Zahlen liefert, sondern das Richtige prüft. Wie im Fußballtraining: Dort lernt man am meisten aus den echten Spielsituationen, nicht aus den Annahmen vom Spielfeldrand.

Die Verbindung zwischen Fußball und Softwaretest zeigt, wie frische Ideen aus anderen Lebensbereichen helfen können, IT-Prozesse zu verbessern. Wer echte Daten nutzt, findet schnell heraus, was wirklich getestet werden muss. So wird Testen kein Ratespiel, sondern eine wirkliche Qualitätsverbesserung.

Und manchmal entscheiden eben, wie beim Fußball, die kleinen Dinge über Sieg und Niederlage - am besten ist, wenn man sie vorher gesehen hat.