Wie Startups Softwarequalität angehen, hängt nicht nur vom Alter des Unternehmens ab, sondern auch von dessen Ausrichtung. Anfänglich stehen schnelle Lieferfähigkeit und flexible Entwicklung im Vordergrund; klassisch formalisierte Testprozesse fehlen oft noch. Dennoch ist das Bewusstsein für Qualität und systematisches Testen in jungen wie etablierten Firmen heute weit verbreitet und ein zentraler Erfolgsfaktor.
In dieser Episode spreche ich mit Daniel Krauss von Flix und Florian Fieber über Qualität und Testen in Startups. Wir sprechen darüber, dass B2C näher am Kunden ist als B2B, Teams in Startups früher liefern und dass Ausfälle teurer sind als gutes Testen. Coverage hilft, ist aber nicht das Ziel. Bei Flix ist der Agile Tester Teil des Teams, nah an Product Ownern und Nutzerfeedback. Wir sprechen über Professionalisierung, Lernen ohne Dogma und wie Kultur trägt.
"Test Coverage, ist kein Selbstzweck. Die Frage ist: Was will ich damit erreichen?" - Daniel Krauss
Als Chief Information Officer (CIO) und Chief HR Officer (CHRO) bei Flix ist Daniel Krauss für die Bereiche Technologie und Personal des Unternehmens verantwortlich. Zusammen mit seinen Mitbegründern hat er Flix zu einem internationalen Transportdienstleister ausgebaut. Daniel ist außerdem Investor und Beiratsmitglied in Unternehmen wie Babyone, UNITY und GWF. Er ist überzeugt, dass Bildung, Unternehmertum und Innovation die Gesellschaft maßgeblich voranbringen können.
Florian Fieber studierte Medieninformatik und Information Systems, danach war er als Softwareentwickler und wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Sein Fachgebiet umfasst heute alle Aspekte der Qualitätssicherung im Softwarelebenszyklus, mit einem Schwerpunkt auf Testmanagement und Prozessverbesserung. Seit 2018 ist er aktiv im German Testing Board e.V. (GTB), wo er u.a. als Leiter der Arbeitsgruppe Acceptance Testing fungiert und seit 2022 als Vorsitzender des GTB dient.
Startups stehen vor vielen Herausforderungen, wenn sie ihre ersten Softwareprodukte entwickeln. Wie entsteht überhaupt Qualität in jungen Unternehmen? Welche Rolle spielt Testing? Und wie verändert sich das mit dem Wachstum? In der Podcast-Episode mit Richie , Daniel Krauss und Florian Fieber werden diese Fragen offen diskutiert und aus persönlicher Erfahrung beleuchtet.
Zu Beginn diskutieren Daniel Krauss und Florian Fieber, warum Testing in Startups kein Selbstzweck ist. Das Ziel ist nicht, einfach zu testen, weil "man es eben macht". Stattdessen braucht es ein klares Bewusstsein für Qualität. Wenn bei einem neuen Produkt niemand schlecht schläft, weil etwas nicht funktioniert, fehlt das echte Interesse an Softwarequalität.
Florian Fieber betont: Erst wenn jemand wirklich Verantwortung für das Produkt übernimmt, wächst auch der Wunsch, Qualität systematisch zu sichern. Startups unterscheiden sich hier gar nicht grundlegend von großen Unternehmen, außer dass der Impact bei Fehlern oft direkter spürbar ist - manchmal sogar existenzbedrohend.
Ein entscheidender Vorteil von Startups ist die Nähe zum echten Kunden. In großen Firmen sind die Endanwender häufig weit entfernt von den Entwicklerteams. Die Tester sehen oft nur technische Anforderungen auf Papier - nicht das echte Nutzererlebnis.
In Startups testen die Gründer und Product Owner oft selbst, erleben die Anwendungen wie ein normaler Kunde. Bugs und Probleme werden direkt bemerkt und können schnell behoben werden. Mit zunehmender Größe entwickelt sich daraus eine eigene "Agile Tester" Rolle, die immer mit dem Blick auf den Anwender arbeitet.
Daniel Krauss beschreibt: In seinem Unternehmen wurde das Testing erst aus Kundensicht entwickelt, bevor es technische Prozesse bekam. Fehler bedeuten nicht nur Ärger, sondern wirkliches Risiko fürs Überleben des Produkts.
Mit dem Erfolg kommen neue Herausforderungen. Die Organisation wächst, neue Prozesse entstehen, und das lockere Start-up-Gefühl wird durch Anforderungen von Kapitalgebern, Auditoren oder Kunden ergänzt. Für manche ein schmerzhafter Wandel.
Daniel Krauss sieht den Wechsel hin zur Professionalität weniger als Schmerz, sondern als natürlichen Fluss. Wenn Teams offen sind, gelingt die Veränderung. Kritisch wird es nur, wenn Prozesse zum Selbstzweck werden und der eigentliche Produktfokus verloren geht.
Auch Florian Fieber warnt davor, das Testen zu spät als wichtige Disziplin zu begreifen. Anfangs hilft das Mitwirken aller, aber irgendwann braucht es spezielle Kompetenz und systematische Methoden, damit die Qualität bei wachsendem Umfang nicht verloren geht.
Wie stehen Softwareentwickler heute zum Thema Qualität? Früher war Testing oft die ungeliebte Aufgabe für Entwickler zweiter Klasse. Inzwischen ist Qualität mehr zur gemeinsamen Verantwortung geworden.
Daniel Krauss sagt: Bei Flix erhalten Tester die nötige Anerkennung und haben die Stimme, nötige Qualität einzufordern. Das Testing wird aktuell als integraler Teil jedes Teams gesehen - inklusive Entwicklung, Product Ownern und den Testern selbst. Wechselnde Rollen und Verantwortlichkeiten bringen frische Perspektiven und sorgen für Lernkultur.
Um gute Tester zu haben, braucht es Weiterbildung und Neugier. Daniel Krauss berichtet, wie Eigenverantwortung dabei im Unternehmen gefördert wird. Fachlicher Austausch und Offenheit für neue Werkzeuge und Methoden sind essenziell, damit Testen Schritt halten kann: Von ISTQB Grundlagen über Community-Arbeit bis zu praktischen Schulungen.
Florian Fieber ergänzt: Methoden und Grundideen bleiben wichtig, auch wenn Werkzeuge sich ändern. Gerade die strategischen und konzeptionellen Fähigkeiten helfen, Qualität in jedem Kontext nachhaltig zu verbessern.
Abschließend diskutieren die Gäste die Zukunft der Softwareentwicklung mit KI und Webcoding. Generierte Lösungen bringen Geschwindigkeit, aber auch neue Fehlerquellen. Für Tester wird die Arbeit also eher mehr als weniger. Florian Fieber meint gelassen: "Man dachte, Tester werden überflüssig – aber jetzt brauchen wir sie sogar noch mehr!"
Die Episode zeigt, dass Testing in Startups mehr als ein Kontrollmechanismus ist. Qualitätsbewusstsein, Kundenfokus und Lernbereitschaft sind entscheidend, um mit der wachsenden Komplexität und Geschwindigkeit umzugehen. Die besten Startups? Sie schaffen es ins 'Meer', weil sie Qualität von Anfang an mitdenken.