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Scheitern ist eine Entscheidung

Ein Impro-Satz von Gaston Florin gegen das kollektive Achselzucken: über Aufhören, Weitermachen und drei kleine Fragen, die dabei helfen.

3 Min. Lesezeit
Blaupausen-Zeichnung: eine Reihe von fünf Bühnenpodesten auf einer durchgehenden Grundlinie, im mittleren Podest liegt ein umgekippter Stuhl, die Reihe läuft ungebrochen weiter.

“Sometimes you win, sometimes you win later.” - Richard Seidl

Einer meiner Lehrer aus der Erwachsenenzeit ist Gaston Florin. In einem Impro-Workshop hat er mal einen Satz gesagt, der bei mir hängen geblieben ist: “Sometimes you win, sometimes you lose.” Eine gute Haltung fürs Impro. Dort gibt es nämlich kein Verlieren im klassischen Sinn. Eine Szene kippt, ein Einfall zündet nicht, jemand versteht das Angebot des anderen komplett falsch. Und dann? Dann läuft die Szene weiter. Der Fehler wird aufgenommen, bespielt, wird selbst zum Angebot. Was eben noch nach Scheitern aussah, ist zwei Minuten später die beste Wendung des Abends. Ich habe für mich den Satz weitergedreht und er begleitet mich seitdem: Sometimes you win, sometimes you win later.

Der Satz fällt mir in letzter Zeit oft wieder ein. Denn mir begegnet gerade das Gegenteil. In Projekten, in Teams, in Gesprächen. Aufhören liegt in der Luft. Quiet Quitting. Vorhaben, die still einschlafen. Initiativen, die nach dem zweiten Rückschlag beerdigt werden. Transformationen, die man nach sechs Monaten als “nicht geglückt” abdreht. Das Refactoring, das nie über den Prototypen hinauskommt. Die agile Arbeitsweise, die beim ersten Gegenwind zur Schönwetteragilität schrumpft und beim zweiten ganz verschwindet. Ich will das gar nicht pauschal bewerten, manches davon ist vernünftig. Aber ich nehme eine Grundstimmung wahr, eine Art kollektives Achselzucken: Bringt ja eh nichts.

Dabei lohnt ein zweiter Blick auf das Wort Scheitern. Wir reden über Scheitern, als wäre es ein Zustand. Etwas, das einem zustößt wie schlechtes Wetter. Das Projekt ist gescheitert. Die Idee ist gescheitert. Ich bin gescheitert. Stempel drauf. Nur: Wer vergibt eigentlich diesen Stempel? Es gibt keine Instanz, die irgendwann objektiv feststellt, jetzt sei es endgültig vorbei. Diesen Moment gibt es nur an einer einzigen Stelle: in der Entscheidung aufzuhören. Scheitern ist kein Zustand. Scheitern ist eine Entscheidung. Solange ich weitermache, bin ich nicht gescheitert. Ich bin mittendrin.

Natürlich ist nicht alles durchzuhalten. Es gibt auch genug tote Pferde, die immer noch geritten werden, weil wir schon so viel investiert haben. Die spannendere Frage ist daher: Wo lohnt es sich weiterzumachen? Ich glaube, da gibt es kein objektives “lohnt sich”, das man messen könnte wie eine Testabdeckung. Ob etwas sich lohnt, entsteht in der Beschreibung, die wir davon machen. Dasselbe Vorhaben ist für den einen ein Fass ohne Boden und für die andere ein Lernfeld, das gerade anfängt, Früchte zu tragen. Beide haben recht. Wer nach dem Beweis sucht, dass sich das Durchhalten am Ende auszahlt, sucht am falschen Ort. Diesen Beweis gibt es vorher nie.

Was mir persönlich stattdessen hilft, sind drei kleine Fragen. Nicht: Warum klappt es nicht? Diese Frage kenne ich gut, sie macht das Problem nur größer und größer. Sondern: Woran merke ich, dass es sich noch bewegt? Was wäre der nächste kleine Schritt? Und die wichtigste: Hab ich da wirklich, wirklich noch Bock drauf?

Und ja, manchmal lautet die Antwort danach trotzdem: Ich höre auf. Das ist völlig in Ordnung. Aber dann ist es eine Entscheidung, die ich mit klarem Kopf treffe, und kein Verhängnis, das über mich kommt. Wer entscheidet, kann auch anders entscheiden, heute, in einem Monat, in einem Jahr. Wer sich dagegen für gescheitert erklärt, hat sich das Weiterspielen selbst verboten.

Auf der Impro-Bühne ist die Szene erst vorbei, wenn die Spieler sie beenden. Nicht, wenn der erste Einfall danebengeht. Ich glaube, das gilt auch jenseits der Bühne: Sometimes you win. Sometimes you win later.

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