Fehlerkultur entscheidet oft darüber, ob Softwareprojekte erfolgreich sind oder scheitern. Sobald Fehler auftreten, zeigt sich, wie ehrlich und offen Teams wirklich miteinander umgehen. Es reicht nicht, Offenheit nur zu versprechen – entscheidend ist, wie Organisationen in Stresssituationen reagieren und ob sie aus ihren Fehlern lernen. Konstruktive Gespräche, regelmäßiger Austausch und gegenseitiges Verständnis können dafür sorgen, dass Fehler nicht als persönliches Versagen gelten, sondern als Chance zur Verbesserung.
In dieser Episode spreche ich mit Katja Radom über Fehlerkultur und warum sie der Motor für Softwarequalität und zufriedene Nutzer ist. Wir räumen mit Vision-Board-Parolen auf. Was zählt: früh klären, was ein Fehler bedeutet, wie wir ihn melden und wie wir als Team reagieren. Dazu gehören Retrospektiven oder regelmäßige Stopps, Zeit zum Lernen und ein Qualitätsmanagement, das Bugs und Quality Gates ernst nimmt. Wir sprechen über Rollenbilder, Manager als Teil der Lösung, internationale Stereotype und die Kunst, Feedback zu geben und zu nehmen. Mein Fazit: fang klein an, bleib neugierig, entschuldige dich, wenn du drüber warst. So wächst Kultur. Auch unter Druck.
"Ich würde auch nicht an Tag eins jetzt gleich die große Kritik anbringen, weil du weißt ja gar nicht, wie der andere das aufnimmt." - Katja Radom
Katja Radom ist Director in der Technology Consulting Einheit bei EY Deutschland am Standort Hamburg. Als Expertin für Software-Testmanagement verantwortet sie EY Deutschlands Services rund um das Testen von Software und ist in EYs globalen Quality Engineering Expertennetzwerk aktiv vernetzt. Bereits vor ihrem Eintritt bei EY im Jahr 2001 hat sie umfangreiche Erfahrungen in der Einführung von Software im ERP und IT Service Management Umfeld in der Beratung und der Industrie gesammelt. In ihren Projekten hat sie eng mit allen Beteiligten von den Testern bis hin zum Management der Kunden zusammengearbeitet, um eine gute Qualität der eingesetzten Systeme zu erreichen. Sie hat in rein lokal besetzten als auch in internationalen großen Teams gearbeitet, die sich aus Beratern, Kunden und externen Softwareanbietern zusammengesetzt haben. Ihr besonders Interesse liegt im „Faktor Mensch“ in Softwareeinführungsprojekten, da sie hier einen wichtigen Schlüssel für den Projekterfolg sieht.
Fehlerkultur ist mehr als nur ein Schlagwort auf dem Vision Board. In der Praxis entscheidet sie oft darüber, ob Projekte erfolgreich verlaufen – oder im Stillstand versanden. Doch was steckt wirklich dahinter? In einer Podcast-Folge vom Software Testing Podcast hat Richie gemeinsam mit Expertin Katja Radom darüber gesprochen, was Fehlerkultur im Projektalltag bedeutet und wie Teams sie wirklich leben können.
Das Wort "Fehlerkultur" klingt erstmal nett und konstruktiv. Doch wenn es ernst wird, herrscht oft nur das Gegenteil: Schuldzuweisungen, Mauern, Schweigen. Katja Radom bringt es auf den Punkt: Viele Organisationen schreiben sich Fehlerkultur auf die Fahnen, doch im Alltag zählt doch eher, bloß nicht schuld zu sein. Kaum geht mal etwas schief, setzt sofort die Suche nach Ausreden und Verantwortlichen ein. Das lähmt ganze Teams, schafft Misstrauen und lässt die Lernchance, die ein Fehler bieten könnte, einfach verpuffen.
Dabei sind Fehler normal im Software-Prozess. Wer testet, wird Defekte finden. Wer entwickelt, wird Probleme lösen müssen. Wo Menschen zusammenarbeiten, passieren Dinge – in Meetings, im Code, im Servicefall. Entscheidend ist nicht, ob Fehler vorkommen, sondern wie ehrlich wir damit umgehen.
Die Basis: Wir können offen über Fehler sprechen. Fehler dürfen passieren. Und: Fehler bieten die Möglichkeit, als Team stärker zu werden. Katja Radom schlägt vor, schon beim Projektstart klipp und klar zu definieren, wie das Team mit Fehlern umgeht. "Es ist gar nicht schlimm, wenn wir Fehler machen oder finden", erklärt sie. "Viel wichtiger ist, dass wir unser Ziel gemeinsam erreichen wollen – und jeder Beitrag zählt dazu, auch das Hinweisen auf Probleme."
Ganz verhindern lassen sich unangenehme Situationen nie. Doch mit der richtigen Haltung lassen sie sich schneller auflösen. Hilfreich ist es, regelmäßig zurückzuschauen: Was lief gut? Wo war Konflikt? Was können wir nächstes Mal besser machen? Ob mit Retro-Meetings im agilen Umfeld oder anderen Feedback-Formaten in klassischen Projekten: Offene Kommunikation und ehrliches Feedback sind Schlüssel.
Oft verläuft Fehleranalyse nach demselben Schema: Bug gefunden, Ticket geschlossen, fertig. Doch Lernen setzt Zeit voraus. Katja Radom rät, bewusst Zeit einzuplanen, um gemachte Fehler zu besprechen – auch wenn das nicht immer gleich nach dem Bug-Fund geht. Manchmal braucht es Abstand und einen neuen Blick, sagt sie. "Es hilft, nach einer stressigen Phase einen Schritt zurückzugehen und nüchtern zu schauen: Welche Probleme könnten wir beim nächsten Mal vermeiden?"
Wichtig ist, aus wiederkehrenden Problemen Muster zu erkennen und sie systematisch zu adressieren. Kleine, regelmäßige Analysen bringen oft mehr als die große Fehlerkonferenz am Projektende. Denn sonst wiederholt das Team dieselben Fehler immer wieder.
Offenheit für Fehler fällt nicht leicht. Feedback und Kritik sind schnell verletzend, gerade in Zeiten, in denen Harmonie im Büroalltag gefragt ist. Katja Radom betont, wie wichtig das Kennenlernen im Team ist, um die richtige Sprache für Kritik zu finden. Nicht jeder nimmt direkte Ansprache gut auf. Gerade am Anfang hilft Sensibilität: "Ich würde niemanden sofort mit aller Kritik überfordern – erst verstehen, wie der andere tickt."
Auch die eigene Haltung spielt eine Rolle: Kritik annehmen, ohne sofort abzublocken. Manchmal hilft es, eine Nacht drüber zu schlafen. "Wie relevant ist der Ärger morgen noch?", fragt Katja Radom und rät, Gefühle nicht gleich überkochen zu lassen. Oft bleibt von der Aufregung nach ein paar Tagen wenig übrig.
So kann jeder starten: Praktische Tipps für die eigene Fehlerkultur
Wie geht man das Thema im Team an? Am einfachsten ist der Start zu Beginn eines neuen Projekts. Aber auch im Alltag lassen sich Impulse geben: Sucht Verbündete, sprecht aktiv an, wie ihr mit Fehlern umgehen wollt. Probiert neue Formate für Feedback und Retrospektiven aus. Erwartet nicht, dass alles gleich klappt, sondern macht kleine Schritte – und bleibt dran. Das Ziel: Nicht Schuldige suchen, sondern gemeinsam besser werden.
Zum Schluss zählt vor allem Offenheit – zu sich selbst und zu den anderen. Wer sich traut, auch mal Fehler zuzugeben, hilft nicht nur sich selbst, sondern dem ganzen Team. So wächst echte Fehlerkultur, die mehr ist als nur ein schöner Spruch an der Wand.