“Themen kommen und gehen - und kommen wieder.” - Richard Seidl
Wir werden von allen Seiten vollgedröhnt. KI hier, Agents da und die Super-KI vor der Tür. Verheißungen und Hiobsbotschaften … aus dem sanften Rauschen in den mehr oder weniger sozialen Medien ist ein Dauerfeuer geworden, dem man sich nur schwer entziehen kann.
Müssen wir aber, sonst werden wir verrückt. Um diesem (Des-)Informationswahnsinn zu entgehen, braucht es Strategien. Eine wäre zum Beispiel, aus der Blase auszusteigen. Kein Social Media mehr und Smartphone entsorgen. Radikal. Kann man machen, ist aber schwierig, wenn man in der Tech-Branche tätig ist. Ich bin kein Freund von Komplettverweigerung. All das komplett auszublenden macht es nämlich in meiner Welt nicht besser und fühlt sich irgendwie rückwärtsgewandt an. Ich glaube, wir müssen mit dem leben und umgehen lernen, was da ist. Ob uns das gefällt oder nicht.
Und dann ist da noch die Frage: Wo ziehen wir denn die Grenzen? Ist WhatsApp noch ok? Telegram? Mastodon auch noch oder nicht mehr? Ich kenne auch einige, die KONSEQUENT den Fernseher verbannt haben. Dieses Teufelszeug muss raus aus dem Wohnzimmer, es macht uns alle blöd und die Kinder ebenso. Freiheit pur …
… und dann wird am Laptop Netflix und YouTube geschaut. Mehr oder weniger heimlich. Schlimmer noch: Statt des gemeinsamen Fernsehabends in der Familie hockt jeder in seinem Zimmer mit Smartphone, Tablet oder Laptop und konsumiert. Na, das funktioniert irgendwie nicht.
Mit den Themen leben lernen
Ein anderer Weg ist, sich mit den Dingen auseinanderzusetzen, zu versuchen zu verstehen, eine Meinung zu haben und diese zu verteidigen. Sich mit unseren “Feeds” zu beschäftigen, die Informationen kritisch zu hinterfragen und nicht einfach nur stumpf mitzuplappern oder auf der anderen Seite einfach aus Prinzip dagegen zu sein.
Das Gemeine an diesem Weg: Er ist aufwendig, anstrengend und nicht leicht. Das passt ja so gar nicht in unseren Alltag, wo wir statt Auseinandersetzung lieber einfache KI-Antworten haben wollen. Energie- und Zeitsparen zur Alltagsbewältigung.
Die Kunst der kleinen Schritte
Der Trick für mich besteht darin, kleine Schritte zu gehen, statt am großen Rad zu drehen. Natürlich kann ich frustriert darüber sein, in meinem Unternehmen nix bewegt zu bekommen. Ich kann aber an meinem Schreibtisch beginnen. Und zum Beispiel mal eine Outlook-Regel erstellen, die meine Mails wegsortiert. Newsletter abbestellen und mir angewöhnen, am Tagesende alle Tabs zu schließen, um am nächsten Tag mit frischem Geist zu starten.
Meta-Perspektive
Eine andere Strategie ist rauszuzoomen. Nicht so assoziiert zu sein mit den Themen, die um uns herum passieren. Ich finde, eines der entspannendsten Werkzeuge dafür ist der Gartner Hype Cycle. Der ist für mich ein Anker geworden: Es kommt ein Hype, der wird ordentlich aufgeblasen … dann kommt das Tal der Tränen und irgendwas bleibt produktiv in der Realität übrig.
Beispiel 3D-Druck: Es gab Zeiten, da wurde in den Medien der komplette Zusammenbruch des Einzelhandels prognostiziert. Wir werden alle nur mehr Baupläne von Produkten runterladen und selber drucken … keiner muss mehr in den Baumarkt oder sonstwohin (Hype).
Ich frage bei meinen Workshops und Keynotes gerne, wie viele im Raum einen 3D-Drucker besitzen. Selbst bei Hardcore-IT-Teilnehmern gehen meist nur zwei, drei Hände hoch. Gleichwohl hat sich 3D-Druck in der Industrie oder zum Beispiel in der Zahntechnik etabliert (Plateau der Produktivität).
Gleiches haben wir beim Metaverse erlebt und das steht uns auch mit KI bevor. Beim Schreiben dieser Zeilen stand “AI Agents” ganz oben im Hype Cycle. Also kurz vor der Ernüchterung.
Ich finde das sehr entlastend. Themen sind Themen … Marketing bläst sie auf … dann kommt der Kollaps und was Produktives bleibt übrig. Also durchatmen und weitermachen.
Am Ende muss jeder seine Strategie finden, um mit dieser verrückten, wunderbaren Welt umzugehen und darin zu bestehen. Da hilft kein Jammern und kein Zaudern. Dafür sind wir Erdlinge da. Und dazu rufe ich gerne auf: Beschäftigen Sie sich mit Ihren Strategien, machen Sie sich diese bewusst und wenn sie nicht funktionieren … ändern Sie sie!