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Die große Verdichtung

Kamtschatka 2008 mit Büchern statt ChatGPT-Reiseplan: was die doppelte Verdichtung von Zeit und Arbeit mit uns macht und warum bewusste Bremsen helfen.

3 Min. Lesezeit

“Alles ist jetzt.” - Richard Seidl

Gestern hab ich mein Bücherregal aussortiert. Da ist mir ein Buch in die Hände gefallen: Kamtschatka, 2008. Ich hab damals eine mehrwöchige Expedition über diese atemberaubende Halbinsel gemacht. Und dafür Bücher wie dieses durchgearbeitet: Seite für Seite. Vorfreude. Ich hab mir vorgestellt, wie es wohl auf diesen aktiven Vulkanen sein wird, wie die Kultur ist und ob wir uns vor Bären schützen müssen (Spoiler: ja, vor allem wenn sie mit ihren Kleinen um 2 Uhr früh durchs Zeltcamp toben).

Wie würde das heute laufen? Drei Sekunden Google Maps, 4K-Drohnenflug auf YouTube, die 47 besten Restaurants auf TripAdvisor, KI-generierte Tagesroute und der personalisierte Reiseplan von ChatGPT. Alles da. Sofort. Und irgendwie … ist der Tolbatschik schon abgehakt, bevor ich den Rucksack gepackt habe.

Wenn alles jetzt ist

Wir leben in einer Zeit, in der die Zeit selbst sich verändert hat. Nicht die physikalische, die erlebte. Alles ist sofort verfügbar. Jede Information, jedes Wissen, jede Antwort. Kein Warten mehr. Kein Suchen … und kein Reifen.

Früher gab es sowas wie eine natürliche Verzögerung. Man musste in die Bibliothek gehen. Einen Kollegen anrufen und hoffen, dass er abnimmt. Auf die Fachzeitschrift warten. Diese Verzögerung war kein Bug. Sie war ein Feature. Denn in der Wartezeit passierte etwas: Wir dachten nach. Wir verdauten. Unser Hirn sortierte im Hintergrund, verknüpfte, reifte. Die Antwort, die am Ende kam, fiel auf vorbereiteten Boden.

Heute fällt die Antwort auf nackten Asphalt. Und die nächste gleich hinterher. Und die nächste.

Die verdichtete Arbeit

Parallel dazu erleben wir eine zweite Verdichtung: die der Arbeitszeit. Das ist nicht neu, Agilität hat hier schon ordentlich vorgelegt. Kürzere Zyklen, schnelleres Feedback, permanente Iteration. Das war und ist gut und richtig. Aber mit KI im Werkzeugkasten drehen wir den Verdichtungsregler nochmal ordentlich auf.

Code generieren. Testfälle ableiten. Dokumentation erstellen. Reviews vorbereiten. Alles in Minuten statt Stunden. Da bleibt mehr Zeit für … ja, wofür eigentlich? Für den nächsten Sprint. Für noch mehr Output. Für noch dichtere Takte.

Wir füllen die gewonnene Zeit nicht mit Denken, sondern mit Tun. Mit noch mehr Tun. Das Hamsterrad dreht sich schneller, aber der Hamster ist derselbe.

Die Gleichzeitigkeit

Beide Verdichtungen zusammen erzeugen eine Gleichzeitigkeit. Alles Wissen ist jetzt da und alle Arbeit soll jetzt fertig sein. Es gibt keine Vergangenheit mehr, aus der wir lernen (wozu, die KI hat die Antwort) und keine Zukunft, auf die man hinarbeitet (wozu, der nächste Sprint ist übermorgen). Alles wirkt ins Jetzt.

Wir haben die Reibung eliminiert. Die Pausen. Die Zwischenräume. Und damit auch den Raum, in dem Ideen wachsen, Erfahrung sich formt und auch Persönlichkeit reift.

Kleine Bremsen einbauen

Nicht falsch verstehen: Ich liebe gut gelebte Agilität und auch meine KI-Tools schätze ich sehr. Aber uns fehlt der Dreh, diese Dinge sinnvoll und mit einem “Warum” anzuwenden. Wir sprechen ständig davon, uns selbst durch KI abzuschaffen. Aber warum eigentlich? Es liegt ja an uns, die KI so zu nutzen, wie wir das wollen.

Was also tun? Die KI abschalten? Zurück zum Wasserfall? Nein, natürlich nicht. Aber vielleicht ein paar bewusste Bremsen einbauen. Entschleunigungspunkte. Reibungsflächen mit Absicht. Die gewonnene Zeit mit Dingen füllen, die uns Freude machen (Programmieren zum Beispiel).

Die wiederentdeckte Langsamkeit

Ich bin überzeugt: Die große Kompetenz, die wir in der Software-Entwicklung brauchen, ist nicht Agent-Orchestrierung oder das nächste Framework. Es wird die Fähigkeit sein, bewusst zu denken in einer Welt, die immer schneller liefert.

Und vielleicht fangen wir einfach mal damit an, die nächste KI-Antwort nicht sofort zu akzeptieren. Sondern sie einen Moment wirken zu lassen. Zu prüfen. Zu hinterfragen. Und dann ganz altmodisch selbst zu denken.

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