“Gegen irgendwas zu sein ist einfach!” – Richard Seidl
“Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie jedoch ist auf ihre besondere Weise unglücklich.”. So beginnt der Klassiker Anna Karenina von Leo Tolstoi. Diese Worte begleiten mich seit einem Seminar vor ein paar Monaten und finden grade wieder eine Resonanz in einer Thematik, die mir gerade gesellschaftlich, politisch und in Unternehmen immer wieder auffällt. Und zwar geht es um die Grundmotivation von Menschen und Gruppen. Konkret dem Metaprogramm Hinzu/Wegvon.
Wir erleben gerade ganz viele Kontroversen und Konflikte in unserer Welt und immer wieder die Debatte zwischen Pro und Contra, diesem oder jenem. Aber was ist schon richtig oder falsch? In vielen Bereichen ist das- finde ich -gar nicht so einfach zu beantworten. Zum einen funktioniert das Kriterium schwarz/weiß nicht mehr – die Welt ist komplex an Graustufen und an vielen bunten Farben, die alle irgendwo “Recht” haben. Und dann ist da auch immer die Frage: Wann beginnt eine Geschichte und wann endet sie? Und je nach Einstiegspunkt gibt es vielleicht mehr Argumente für die eine Seite – oder eben für die andere.
Aber abseits dessen gibt es noch ein anderes Phänomen: Menschen lassen sich leichter für ein “Weg-Von” zusammenbringen als für ein “Hin-Zu”. Wobei das eigentlich nicht stimmt, denn dahinter stehen oft viele Weg-Vons. Nehmen wir das Beispiel der politischen Opposition: Es ist viel einfacher, gegen etwas zu sein als für etwas. Der Grund? Ganz viele! Es vereint die Ablehnung, der eine mag das nicht, der andere das. Der eine hat da Angst, der andere dort. Egal. Dagegen!
Umgekehrt ist es viel schwieriger, dass alle an einem Strang ziehen. Ein gemeinsames Ziel finden, das zieht und vereint – und emotional ansprechend sollte es auch sein. Dass es da zu Schwierigkeiten kommt, merkt man auch deutlich, wenn langjährige Oppositionsparteien in die Regierung kommen. Es wird dann schnell offensichtlich, dass man doch nicht so einig war in der Sache. Es beginnen die internen Querelen und Schwierigkeiten. Was vorher so stark gewirkt hat, stellt sich als Schein-Stärke heraus, wenn es darum geht etwas konstruktives beizutragen, zu gestalten und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen.
In unseren Entwicklungsteams sieht es da nicht anders aus. Lasst uns mal eine Retrospektive machen! Das geht schon mal nicht, weil je ein Teilnehmer meint
- keine Zeit zu haben
- dass die bisherigen Retros nichts gebracht haben
- dass die Hierarchiestufen beachtet werden müssen
- dass wir eh nix bewirken können
- dass die Retro-Formate nur Spielerei sind
- dass der Workshop-Leiter/Coach eine Pfeife ist
- sich von dem eh nix sagen zu lassen
- …
Und jetzt können wir natürlich in die Argumentationsfalle kippen: Aber schaut doch, dass ist so ein tolles Format, damit können wir uns weiterentwickeln! Stille.
Im mittelprächtigsten Fall ist es damit erledigt. Im schlechtesten verschärft sich der Konflikt. Argumente, Gegenargumente, Beschimpfungen, Koalitionen, Oppositionen. Schlussendlich: Massive Zeitverschwendung.
Ein paar Ideen, wie mit Gegenteilsortierern und solchen Situationen umgegangen werden kann:
- What’s in it for me: Wir argumentieren gerne mit Dingen, die UNS wichtig sind. Was aber viel interessanter ist: Was braucht der andere? Warum sagt er Nein? Welche Angst hat er? Wir müssen ihm die Antwort geben: Was hat er davon?
- Emotionales Ziel: Wir müssen ein Ziel entwickeln, dass zieht. 10% mehr Umsatz holt kaum einen Mitarbeiter ab. Wertschätzung für seine Arbeit vielleicht schon. Das gilt es rauszuarbeiten. Da haben es Startups- und kleine Unternehmen viel leichter. Denn dort ist der Zweck der Tätigkeiten, das Warum, dem Mitarbeiter viel näher und viel greifbarer als in der 7 Führungsebene als Sachbearbeiter in einem Konzern. Aber auch hier ist Emotionalisierung möglich!
- Wir könnten auch falsch liegen: Wer sich auf eine ehrliche Diskussion einlässt, muss damit klar kommen, vielleicht im Unrecht zu sein. Wer im Vorhinein schon weiß “ich habe recht und muss jetzt überzeugen”, wird nicht viel bewirken. Dieses Eingeständnis ist uns heutzutage leider abhanden gekommen.
Und vielleicht ergibt sich in der Diskussion auf einmal eine ganze neue Möglichkeit. Könnte doch sein, oder? Nein? Aber möglich wär es doch. Einfach mal drauf einlassen.
Häufig gestellte Fragen
Warum reicht ein Pro-und-Contra-Denken bei komplexen Themen nicht aus?
Weil das Kriterium schwarz gegen weiß der Sache nicht gerecht wird. Viele Positionen haben aus ihrer Perspektive Recht, die Welt besteht aus Graustufen und Farben. Dazu kommt der Einstiegspunkt: Je nachdem, wann man eine Geschichte beginnen lässt und wann man sie enden lässt, sprechen mehr Argumente für die eine oder für die andere Seite.
Warum lassen sich Menschen leichter gegen etwas als für etwas gewinnen?
Ablehnung verbindet, ohne Einigkeit zu verlangen. Hinter einem gemeinsamen Nein stehen meist viele verschiedene Weg-Vons: Der eine mag diesen Punkt nicht, der andere jenen, der eine hat hier Angst, der andere dort. Für ein Hin-Zu braucht es dagegen ein gemeinsames Ziel, das zieht, vereint und emotional anspricht. Das ist deutlich schwerer.
Warum bricht eine Allianz, die nur auf Ablehnung beruht, oft auseinander?
Weil ihre Stärke eine Schein-Stärke ist. Am deutlichsten zeigt sich das, wenn langjährige Oppositionsparteien in die Regierung kommen: Sobald es darum geht, etwas Konstruktives beizutragen und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen, wird offensichtlich, dass man in der Sache nie einig war. Interne Querelen und Schwierigkeiten folgen.
Hilft es, Widerstand im Team mit guten Argumenten zu begegnen?
Nein, das führt meist in die Argumentationsfalle. Wer auf Einwände mit dem Hinweis reagiert, wie hilfreich ein Format doch sei, erntet im mittelprächtigsten Fall Stille. Im schlechtesten Fall verschärft sich der Konflikt: Argumente, Gegenargumente, Beschimpfungen, Koalitionen, Oppositionen. Das Ergebnis ist massive Zeitverschwendung.
Wie geht man mit Menschen um, die grundsätzlich erst einmal dagegen sind?
Der Blick muss weg von den eigenen Argumenten. Wir argumentieren gerne mit Dingen, die uns selbst wichtig sind. Interessanter ist: Was braucht der andere? Warum sagt er Nein, welche Angst steht dahinter, und was hat er von der Sache? Diese Antwort muss man ihm geben, nicht die eigene.
Warum motivieren Umsatzziele Mitarbeitende selten?
Weil sie emotional nicht ziehen. Zehn Prozent mehr Umsatz holt kaum jemanden ab, Wertschätzung für die eigene Arbeit dagegen schon. Startups und kleine Unternehmen haben es hier leichter, weil der Zweck der Tätigkeit greifbar ist. Wer in einem Konzern als Sachbearbeiter unter sieben Führungsebenen arbeitet, ist weit vom Warum entfernt. Emotionalisierung bleibt trotzdem möglich.
Welche Haltung braucht eine ehrliche Diskussion?
Die Bereitschaft, selbst falsch zu liegen. Wer vorher schon weiß, dass er Recht hat und den anderen nur noch überzeugen muss, wird wenig bewirken. Dieses Eingeständnis ist selten geworden. Der Gewinn liegt darin, dass sich im Gespräch eine ganz neue Möglichkeit ergeben kann, an die vorher niemand gedacht hat.


