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Der Blaue Engel für Software - Richard Seidl

Geschrieben von Richard Seidl | 12.05.2026

Der Blaue Engel für Software misst nicht nur Energieverbrauch, sondern fordert auch, dass die Software auf fünf Jahre alter Hardware läuft und fünf Jahre lang kostenlose Updates erhält. Die Zertifizierung dauert etwa drei Monate, erfordert vollständige Dockerisierung der Anwendung und produziert öffentlich einsehbare Verbrauchsdaten. Für Software-Anbieter wird das Label zunehmend relevant: In öffentlichen Ausschreibungen bringt es bereits Pluspunkte, während es gleichzeitig als Marketing-Instrument wirkt, das mit vergleichsweise geringem Budget außergewöhnliche Aufmerksamkeit erzeugt.

Podcast Episode: Der Blaue Engel für Software

In dieser Episode spreche ich mit Anita Schüttler über den Blauen Engel für Software – das weltweit erste Umweltlabel für Anwendungen. Anita erzählt aus erster Hand, wie ihr Team eine kommerzielle Software zertifizieren ließ, warum der Prozess drei Monate statt dem geplanten einen dauerte und welche Metriken überhaupt gemessen werden. Der Blaue Engel ist nicht nur ein Nachhaltigkeits-Statement, sondern wird zunehmend zum Wettbewerbsvorteil in öffentlichen Ausschreibungen. Wir sprechen darüber, was Software Testing mit Ressourceneffizienz zu tun hat und warum Nutzungsautonomie ein unterschätztes Qualitätsmerkmal ist.

„Ich war ziemlich naiv vorher, dachte so Monat sollte doch mal reichen." - Anita Schüttler

Anita Schüttler ist Informatikerin und Expertin für digitale Nachhaltigkeit, Green Software und Circular Economy. Als Head of IT Sustainability bei neuland, Bremen, berät und unterstützt sie Unternehmen dabei, die Umweltauswirkungen ihrer digitalen Produkte zu verstehen und zu reduzieren. Anita ist zudem Co-Vorsitzende des Bundesverband Green Software, Auditorin für den Blauen Engel für Software und ein Champion der Green Software Foundation.

Highlights der Episode

  • Der blaue Engel ist weltweit das erste Umweltlabel für Software – nur sechs zertifiziert.
  • Zertifizierte Software muss fünf Jahre auf alter Hardware laufen und Updates bleiben kostenlos.
  • Drei Monate Aufwand, aber du bekommst Marketing, das keine Kampagne für das Geld bringt.
  • Öffentliche Ausschreibungen vergeben Extrapunkte für Umweltzeichen – nur der blaue Engel existiert.
  • Rezertifizierung jährlich Pflicht, Energieverbrauch darf maximal zehn Prozent steigen.

Der Blaue Engel für Software: Nachhaltigkeit sichtbar machen

Ein Qualitätszeichen betritt die Softwarewelt

Viele kennen den Blauen Engel als Umweltzeichen – auf Papierpackungen, Farben oder auf Reinigungsmitteln. Doch mittlerweile gibt es dieses Siegel auch für Software. Was steckt dahinter? Und was sagt ein solches Label über eine Anwendung tatsächlich aus? Im Podcast von Richie erklärt Anita Schüttler, wie das funktioniert, wie Unternehmen profitieren und was der Weg zum Siegel bedeutet.

Mehr als nur Zahlen: Der Blaue Engel im Überblick

Der Blaue Engel ist ein Umweltzeichen, herausgegeben von der Bundesregierung. Für Software existiert das Label schon länger, ursprünglich nur für Desktop-Anwendungen. Doch da das heute kaum noch Relevanz hat, wurde das Siegel angepasst. Jetzt bekommen auch Client-Server-Anwendungen und mobile Apps die Chance auf eine Zertifizierung.

Das Umweltzeichen für Software bedeutet vor allem eins: Messung und Offenlegung. Die Hersteller veröffentlichen die Werte zum Ressourcenverbrauch öffentlich. Das schafft Druck, die Software effizienter zu machen. Verschiedene Anbieter einer Softwarekategorie lassen sich zertifizieren, sodass sich mit der Zeit Vergleichswerte bilden. Die Hoffnung: So bekommt man irgendwann eine Art "Energieeffizienz-Skala" ähnlich wie bei Kühlschränken – nur eben für Softwareprodukte.

Was verrät das Siegel?

Beim Blick auf das Blaue Engel-Siegel weiß man: Hier wurde der Energieverbrauch gemessen und veröffentlicht. Doch es steckt mehr dahinter. Die Software muss zum Beispiel mindestens fünf Jahre auf älterer Hardware lauffähig sein und noch fünf Jahre nach Produktionsende Patches erhalten – und zwar kostenlos. So verlängern sich Hardware-Lebenszyklen, und damit spart man Emissionen und Rohstoffe, die schon bei der Geräteherstellung anfallen.

Zudem gibt es einen Fokus auf Nutzungsautonomie: Wer die Software einsetzt, muss in der Lage sein, sie auch weiter zu betreiben, falls der Anbieter aussteigt. Man bekommt also ein Stück digitale Unabhängigkeit.

Messen, messen, messen: Der Weg zum Siegel

Die größte Hürde für Hersteller: Wie misst man eigentlich Energieverbrauch und Ressourcennutzung einer Software? Wer ein eigenes Rechenzentrum hat, misst direkt im Live-Betrieb. Üblicher aber ist es, auf bereits zertifizierte Tools zurückzugreifen – wie das Greenmetrics Tool, das sogar selbst einen Blauen Engel trägt. Die Software läuft dabei in standardisierten Nutzungsszenarien auf mehreren Jahre alten Servern durch Tests, und das Tool gibt dann die nötigen Daten und Excel-Tabellen aus.

Doch zur reinen Messung gehören weitere Nachweise: Sieben Dokumente müssen erstellt werden, in denen auch steht, wie die Anwendung gebaut ist, wie sie betrieben wird, welche Schnittstellen und Dateiformate sie nutzt. Das Ziel ist Transparenz – damit jeder das System im Notfall weiterbetreiben könnte.

Aufwand und Kosten: Ist das zu stemmen?

Für Unternehmen ist die Zertifizierung kein Selbstläufer. Der Prozess dauert oft mehrere Monate. Die Anwendung muss dockerisiert werden, Abläufe müssen automatisiert ablaufen, Dokumente müssen befüllt, Prüfer (Auditoren) beauftragt werden. Die Kosten variieren je nach Aufwand, Prüfer und Umsatz der Software. Wer Open Source anbietet, kann teilweise von den Gebühren befreit werden.

Doch für Anita Schüttler liegt ein zusätzlicher Wert in der Außenwirkung. Das Siegel ist ein starker Kommunikations-Hebel: Es schafft Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit, die mit klassischem Marketing schwer zu erreichen wäre. Gerade für neue Produkte lohnt sich das.

Blick nach vorn: Wird das zum Standard?

Schon jetzt taucht das Umweltzeichen in öffentlichen Ausschreibungen als Bonus auf. Noch ist es auf freiwilliger Basis, doch mit steigendem Fokus auf Nachhaltigkeit könnte so ein Zertifikat teilweise verpflichtend werden. International existiert ein vergleichbares Label bislang nicht – der Blaue Engel ist hier Vorreiter.

Wer mit dem Gedanken spielt, seine Software zertifizieren zu lassen, findet alle Infos auf der offiziellen Blaue Engel-Website, samt Vergabekriterien und Kontakten zu Auditoren.

Der Blaue Engel für Software ist mehr als ein Aufkleber. Das Siegel steht für Transparenz, Verantwortung und den Willen, Technik nachhaltiger gestalten zu wollen. Hersteller geben damit offene Daten preis – und Nutzer können erstmals vergleichen: Welche Software geht sinnvoll mit Ressourcen um? Ein Schritt, der die Branche in eine messbare, nachhaltige Richtung lenkt.